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23.Juni
2016

M. G. Leonard – Käferkumpel

Gisela Blank

kaeferkumpelDie Käfer sind die heimlichen Stars der Evolution: Mehr als 350.000 beschriebene Arten gibt es weltweit, jährlich werden dutzende neue entdeckt. Doch die meisten Menschen ekeln sich vor Insekten; Käfer werden mit wenigen Ausnahmen wie Marienkäfer oder Maikäfer meist negativ wahrgenommen. Ein Käfer als Kinderbuch-Star? Undenkbar. Und doch hat die britische Autorin M. G. Leonard in ihrem originellen Debütroman ihrem Protagonisten Darkus Cuttle einen „Käferkumpel“ zur Seite gestellt, der mit einer ganzen Horde von Krabblern die Handlung entscheidend vorantreibt.

Käferkumpel als Retter

Der 13jährige Darkus hat schon vor Jahren seine Mutter verloren, und nun ist auch noch sein Vater Dr. Bartholomeus Cuttle an seinem Arbeitsplatz im Naturhistorischen Museum auf mysteriöse Weise verschwunden. Darkus zieht zu seinem Onkel Max, einem Archäologen. Eines Tages beobachtet er einen Streit der beiden schrägen Nachbarn Pickering und Humphrey, in dessen Verlauf ein riesiger Käfer auf ihn zu krabbelt. Der Nashornkäfer rettet ihn vor prügelnden Schulkameraden, wird Baxter getauft und weicht ihm nicht mehr von der Seite. Als Darkus von seinen Nachbarn eingesperrt wird, befreit ihn Baxter mit seinen Käferkumpels. Und damit steckt Darkus mitten in einem wahnwitzigen Abenteuer: Warum ist die exzentrische Modedesignerin Lucretia Cutter hinter den Käfern her? Was ist das geheimnisvolle Fabre-Projekt? Und was hat das alles mit dem Verschwinden seines Vaters zu tun? Gemeinsam mit den Käfern und seinen Freunden Virginia und Bertolt macht sich der „Beetle Boy“ (englischer Originaltitel) Darkus daran, diese Rätsel zu lösen …

Käferkumpel ist eine Abenteuergeschichte

Mit dieser fantastischen Story ist M. G. Leonard eine spannende Abenteuergeschichte für Kinder ab 10 Jahren gelungen. Die gekürzte Lesung mit Sebastian Rudolph bringt die witzigen und gruseligen Szenen gleichermaßen intensiv zum Ausdruck, und alle Leser und Hörer der Geschichte werden die unscheinbaren Krabbler in Zukunft definitiv mit anderen Augen sehen. Käferkumpel ist als erster Teil einer Trilogie gedacht – wir dürfen uns also auf weitere Abenteuer mit Darkus und Baxter freuen!

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17.Juni
2016

Terry Pratchett – Das Erbe des Zauberers

Gisela Blank

erbe des zauberersTerry Pratchett, der mit seinen geistreichen und witzigen Scheibenweltromanen das Fantasy-Genre frech durcheinander wirbelte, ist leider vor gut einem Jahr verstorben. Sein letzter posthum veröffentlichter Roman „Die Krone des Schäfers“ war somit definitiv der letzte Auftritt von Oma Wetterwachs, einer der beliebtesten Figuren seiner bizarren Fantasywelt. Das kleine Label Schall & Wahn hat nun einen seiner frühen Romane als ungekürzte Lesung herausgebracht, und wer den ersten Auftritt der legendären Hexe aus den Spitzhornbergen noch nicht kennt oder wieder entdecken will, dem sei diese gelungene Vertonung mit Katharina Thalbach ans Herz gelegt.

Emanzipation auf der Scheibenwelt

Oma Wetterwachs nimmt sich in Pratchetts drittem Scheibenwelt-Roman „Das Erbe des Zauberers“ einer jungen Zauberin an. So etwas dürfte es auf der Scheibenwelt eigentlich gar nicht geben: Magisch begabte Mädchen werden Hexen, Jungs werden zum Zauberer ausgebildet. Aber der kleinen Eskarina Schmied wurde als vermeintlich achter Sohn eines achten Sohnes vom Zauberer Drum Billet ein Zauberstab vermacht – als der Fehler aufflog, war Billet schon verstorben. Omas Versuche, Esk trotz ihrer „anderen“ magischen Kräfte als Hexe auszubilden, ihre abenteuerliche Reise nach Ankh Morpork und die turbulente Konfrontation mit den Zauberern der Unsichtbaren Universität, die natürlich kein Mädchen aufnehmen wollen, beschreibt Pratchett flüssig, mit dem ihm eigenen, feinen Humor, v.a. herrlichen Wortspielen und vielen skurrilen Szenen. Der Kampf der Geschlechter zwischen Hexen und Zauberern kumuliert in einem Duell zwischen Oma Wetterwachs und dem Erzkanzler der Universität – sehr spektakulär. Von Katharina Thalbach wird die Geschichte mit ihrer knarzigen Stimme hervorragend erzählt. Thalbach versteht es, Figuren unverkennbar mit eigenen Stimmen zu versehen, Spannung aufzubauen und Pratchetts Humor zu transportieren.

Das Erbe des Zauberers“ ist nicht unbedingt als Auftakt der Hexenreihe zu verstehen, da die anderen Hexen von Lancre und v.a. Omas beste Freundin Nanny Ogg nicht vorkommen. Wer mit dieser Lesung auf den Geschmack gekommen ist, dem sind Pratchetts weitere Hexenromanen aber unbedingt zu empfehlen.

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30.Mai
2016

Jogis Eleven – Jetzt wird’s ernscht!

Gisela Blank

jogis eleven 032014 holte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Brasilien den WM-Titel – und seitdem parodiert Christian Schiffer den Bundestrainer Jogi Löw und das Team sehr erfolgreich in seiner Radiocomedy „Jogis Eleven“. Die Parodie wird bundesweit in über 400 Radioshows gesendet und wurde auch schon erfolgreich auf zwei CDs veröffentlicht. Nachdem zunächst augenzwinkernd gezeigt wurde, wie das Leben „Beim Weltmeischder daheim“ weitergeht, wurde der „Maschterplan“ für die „Mission Europameischter“ erläutert. Kurz vor dem Turnierauftakt in Frankreich heißt es nun: „Jetzt wird’s ernscht“!

Jogis Eleven auf dem Weg zum Titel

Brasilien und Argentinien sind bei der Europameisterschaft nicht dabei, da sollte es nach 20 Jahren doch mal wieder mit dem Titel klappen. Welches Erfolgsgeheimnis flüstert Jogi seinen Jungs ins Ohr? Wir lauschen an der Kabinentür, wenn der „Meischter“-Trainer, wie immer perfekt gekleidet mit Rollkragenpulli und „Schal de Gaulle“, die Mannschaft auf die EM einstimmt. Dazu kommen echte Größen der Fußballwelt zu Wort: „Calli“ Calmund freut sich auf Paris, die Stadt der Mode („Hoffentlich haben die meine Konfektgröße“), Poldi sorgt sich um Schweini („Ey, ich hab gehört, die planen einen Sturm auf den Bastie“) und Mesut und Jérôme philosophieren über die richtige Strategie, die aus Jogis Eleven nach Weltmeistern auch zu Europameistern machen soll.

Jogis Eleven – Das Ein-Mann-Hörspiel

Ob Jogi Löw, Rainer Calmund, Jérôme Boateng, Poldi, Franz Beckenbauer, Mesut Özil, … Christian Schiffer kann sie alle perfekt parodieren und sorgt mit seinem Ein-Mann-Hörspiel für Bauchmuskelkater – und das ganz ohne Sport.

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20.Mai
2016

John Irving – Straße der Wunder

Gisela Blank

straße der wunder 02Seit seinem Durchbruch mit „Garp und wie er die Welt sah“ landen John Irvings Romane regelmäßig auf den Bestsellerlisten. Nicht nur „Garp“, auch „Hotel New Hampshire“ oder „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ wurden erfolgreich verfilmt. Und in all diesen beliebten Geschichten greift der große Erzähler immer wieder die gleichen Motive auf: vaterlose Kinder, groteske Unfälle, Schriftstellerei, Transsexualität, Religion und Krankheit.

Auch in seinem neuesten Werk „Straße der Wunder“ erkennt man als Irving-Leser die Kern-Themen des amerikanischen Autors sofort wieder.

Von der mexikanischen Müllkippe nach Iowa

Straße der Wunder“ erzählt die dramatische Geschichte des mexikanischen Müllkippenkindes und späteren Erfolgsschriftstellers Juan Diego Guerrero, der sich mit seiner hellsichtigen Schwester Lupe aus ärmlichen Verhältnissen zu retten versucht. Die Geschichte spielt in zwei Zeitebenen: In der Gegenwart ist Juan Diego ein gefeierter Schriftsteller mittleren Alters, der in den USA lebt, aber endlich ein lange gegebenes Versprechen einlösen will und eine Reise auf die Philippinen antritt. In seinem ersten Leben im mexikanischen Oaxaca hat er nämlich dem „Gringo bueno“, einem vor dem Einberufungsbefehl geflüchteten Amerikaner, versprochen, das Grab dessen Vaters in Manila zu besuchen. Diese Szene und weitere Erlebnisse aus Juan Diegos Jugend bilden die zweite Zeitebene des Romans. Immer wieder driftet der Schriftsteller nämlich auf seiner Reise in Träume ab, in denen er die wichtigsten Ereignisse seiner Kindheit erneut erlebt. V.a. das Zusammentreffen mit dem amerikanischen Jesuiten Eduardo und der transsexuellen Prostituierten Flor, die schließlich seine Adoptiveltern werden und ihn nach Iowa mitnehmen, spielen in Juan Diegos Erinnerungen eine große Rolle. Aber auch, wie er seine geliebte Schwester Lupe verlor.

Magisch und spannend erzählt

Straße der Wunder“ mag sich durch diese zahlreichen Erinnerungsschleifen zunächst etwas schleppend in Gang setzen, aber die farbenprächtigen Ausflüge in die mexikanische Vergangenheit des Protagonisten und seine Erlebnisse in der Gegenwart mit den beiden Zufallsbekanntschaften Dorothy und Miriam, die ihm vom New Yorker Flughafen weg wie Groupies folgen, verknüpfen sich schließlich doch zu einem amüsanten Reigen mit Irving-typischen skurrilen Szenen. In denen kann der ausgezeichnete Sprecher Johannes Steck sein Talent voll zur Geltung bringen. Er verleiht in der ungekürzten Lesung allen Protagonisten eine eigene Stimme, hat ein Gespür sowohl für die slapstickhafte Komik als auch leise Tragik in Irvings Geschichte und erweist sich als ideale Stimme für diesen fabulierfreudigen Erzähler.

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4.Mai
2016

Jörg Maurer – Schwindelfrei ist nur der Tod

Gisela Blank

schwindelfreiEs ist schon erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Jörg Maurer einen guten Krimi nach dem anderen schreibt. Seit dem ersten Auftritt seines sympathischen Kommissars Hubertus Jennerwein in „Föhnlage“ erscheint jedes Jahr ein neuer Fall, der im „Bindestrich-Kurort“ vor idyllischer Alpenkulisse spielt.
Schwindelfrei ist nur der Tod“ ist der mittlerweile achte Krimi mit Jennerweins Team, und wieder ist die Geschichte interessant-skurril, zudem sprachlich gewandt und sehr humorvoll wiedergegeben.

Kommissar Jennerweins 8. Fall

Eigentlich führt dieses Mal kein Mord, sondern eine Tagung Jennerwein und seine Kollegen nach Garmisch. Da aber ein Heißluftballon vermisst und dahinter ein Verbrechen vermutet wird, stürzt sich das Team in die Ermittlungen. Der Kommissar selbst wirkt dabei seltsam abwesend – plagen ihn Sorgen? In welchem Verhältnis steht er zu dem frisch aus der Haft entlassenen Dieb Dirschbiegel?
Jörg Maurer gewährt in diesem Krimi nicht nur erstmals Einblicke in Jennerweins (eigentlich nicht vorhandenes) Privatleben, er lässt auch liebgewonnene Nebenfiguren der Reihe wie etwa das ehemalige Bestattungsunternehmerpaar Grasegger und den österreichischen Problemlöser Swoboda wieder auftreten. Den eigentlichen Fall – den Anschlag auf den Heißluftballon – würzt er mit zunächst amüsanten, später auch dramatischen Szenen aus dem Ballonkorb. Und immer wieder schildern kurze Kapitel einen Banküberfall mit Geiselnahme im Sommer 1971. Wie dieses Verbrechen, das durchaus amüsant geschildert wird, mit der Geschichte in der Gegenwart zusammenhängt, wird dem Hörer ziemlich schnell klar, was aber keineswegs den Spaß daran dämpft.

Jörg Maurers Alpenkrimis sind große Unterhaltungskunst

Dass Jörg Maurer vom Kabarett kommt, merkt man nicht nur seinem geistreich-witzigen Schreibstil an, sondern auch der Lesung seiner Krimis. Er ist der ideale Interpret seiner aberwitzigen Fälle und jongliert mühelos mit den verschiedenen bayerischen Dialekten. Im neuesten Jennerwein-Krimi amüsiert er z.B. mit Hölleisens Fluch- und Schimpfkanonade bei einem Beitrag zur Prävention von Gewalt oder dem ungarischen Akzent eines Ballonfahrt-Teilnehmers. Auch „Schwindelfrei ist nur der Tod“ wird durch Maurers Lesung zu ganz großer Unterhaltungskunst.

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22.April
2016

Heinz Strunk – Der Goldene Handschuh

Gisela Blank

HandschuhHeinz Strunk wurde 2004 mit „Fleisch ist mein Gemüse“ bekannt, einem tragikomischen Roman über seine Jugendjahre, in denen er mit einer Tanzkapelle durch die norddeutsche Provinz tingelte. Weitere biografisch gefärbte Bücher folgten, zwar durchaus mit tragischen Episoden, aber immer humorvoll geschrieben. Und nun – ein Roman über einen Frauenmörder, der im kaputtesten Milieu von Hamburg spielt und dessen Thema an Trostlosigkeit eigentlich kaum zu überbieten ist.
Kann Heinz Strunk das überhaupt? Ja, er kann!

Der Bodensatz der Gesellschaft

Der titelgebende „Goldene Handschuh“ ist eine üble Absteigekneipe auf der Reeperbahn. Unter Zuhältern, ehemaligen Häftlingen, Seemännern, abgehalfterten Huren und komplett Gescheiterten soff hier in den 70er Jahren auch der Hilfsarbeiter Fritz „Fiete“ Honka. Der unansehnliche Mann mit dem eingedrückten Gesicht suchte hier seine Opfer, die er mit in die Wohnung nahm und dort quälte und ermordete. Da die „nachkriegsknochigen“ Frauen keiner vermisste, flog Honka nur durch Zufall auf: Bei einem Brand im Haus entdeckte die Feuerwehr Leichenteile von vier Opfern in seiner Mansarde.

Obwohl seine Hauptfigur ein Serienmörder ist, hat Heinz Strunk mit diesem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman keinen Krimi geschrieben. Ihm geht es – ohne zu entschuldigen – darum, was Honka zu seinen grausamen Taten trieb. Dabei beschreibt er lakonisch, aber nicht herablassend und durchaus mit Empathie das Milieu der Gescheiterten, in dem sich Honka bewegt. Dem gegenübergestellt sind immer wieder Episoden über Mitglieder einer Reederfamilie die zeigen, dass sich auch an der Spitze der Gesellschaft Abgründe auftun.

Zwischen Abscheu und Anteilnahme

Schon seinen ersten Bestseller „Fleisch ist mein Gemüse“ hat Heinz Strunk selbst als Hörbuch aufgenommen. Er ist ein begnadeter Erzähler seiner Geschichten: Wenn die alkoholisierten Gäste des „Goldenen Handschuh“ Fako (Fanta-Korn) kippen und vor sich hin schwadronieren, gibt er das perfekt wieder. Sein Einblick in diesen Vorhof der Hölle und in eine verrohte Seele lässt die Zuhörer zwischen Abscheu und Anteilnahme schwanken, sein Vortrag verleiht dem vielgepriesenen Roman noch einen Schuss schwarzer Komik.

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18.April
2016

Siegfried Lenz – Der Überläufer

Gisela Blank

überläuferAnderthalb Jahre nach seinem Tod erobert ein Roman von Siegfried Lenz die Bestsellerlisten: Der Schriftsteller hatte „Der Überläufer“ bereits 1951 fertiggestellt, sein Verlag wollte das Buch aus Sorge vor der politischen Stimmung im Kalten Krieg aber nicht herausgeben. So sorgt sein eigentlich zweites Buch erst posthum für Aufsehen. Was aber hat dem Verlag an Lenz‘ Roman über den Irrsinn des Krieges so missfallen, dass das Manuskript abgelehnt wurde?

In „Der Überläufer“ werden die Erlebnisse des Soldaten Walter Proska im letzten Kriegssommer 1944 erzählt.

Die Liebe zu einer Partisanin

Proska, der wie der Autor aus Masuren stammt, reist vom Heimaturlaub zu seiner Einheit an der Ostfront zurück und nimmt im Zug heimlich das polnische Mädchen Wanda mit. Sie springt aber wieder ab, bevor die Fahrt durch eine explodierende Mine plötzlich endet. Proska überlebt, wird von Zwiczos, einem Soldaten auf Patrouille, gefunden und schließt sich zwangsweise dessen kleiner Gruppe an, welche im Sumpf sinnlose Streifengänge absolvieren muss. In ihrem Unterstand, der „Festung Waldesruh“, harren die Männer aus – zermürbt von Angriffen der Partisanen, von Mückenstichen und der drückenden Hitze. Proska trifft Wanda überraschend wieder – und obwohl sie auf verschiedenen Seiten stehen, entspannt sich zwischen den beiden eine Romanze. Als die Gruppe im Sumpf vom Trupp abgeschnitten und zurückgelassen wird, wechseln Proska und sein Kamerad „Milchbrötchen“ zur Roten Armee über …

Desertierende Soldaten

Diesen Handlungsstrang wollte Lenz‘ Lektor Anfang der 50er Jahre nicht gutheißen. Dabei wird im letzten Kapitel, das nach dem Krieg spielt, die sowjetische Besatzungszone durchaus kritisch skizziert, und Proska flieht letztlich in den sicheren Westen. Dass er dort keinen Frieden findet, liegt an dramatischen Geschehnissen bei der Heimkehr als Rotarmist auf seinen Heimathof …

Schön, dass „Der Überläufer“ 65 Jahre später doch noch veröffentlicht wurde, denn Lenz‘ Beschreibung der sinnlosen Patrouillen im Sumpfgebiet, die Übersprunghandlungen der leidgeprüften Soldaten und die inneren Monologe voller Zweifel und Ängste sind durchaus lesenswert. Und in dieser ungekürzten Hörbuchfassung durchaus hörenswert, denn mit dem renommierten Schauspieler Burghart Klaußner erweckt ein ausgezeichneter Sprecher die Geschichte zum Leben. Er vermag es, mit seiner Lesung die Stimmungen im Roman genau zu vermitteln, und in den Dialogen werden die Figuren der Geschichte unverkennbar lebendig (z.B. Zwiczos mit seinem oberschlesischen Dialekt). Eine tolle Vertonung eines bemerkenswerten Romans.

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11.April
2016

John Higgs – Alles ist relativ und anything goes

Gisela Blank

allesistrelativDen Originaltitel von John Higgs geistreichem Streifzug durch das vergangene Jahrhundert finde ich viel passender: „Stranger than We Can Imagine: Making Sense of the Twentieth Century“. Das bringt es auf den Punkt: Das 20. Jahrhundert war voller einschneidender Veränderungen, großer Entdeckungen und radikal neuer Gedanken und Ideen, die John Higgs in 15 Kapiteln unterhaltsam und gekonnt vorstellt. Relativitätstheorie, Moderne, Krieg, Individualismus, Das Es, Unbestimmtheit, Science Fiction, Nihilismus, Weltraum, Sex, Teenager, Chaos, Wachstum, Postmoderne und Netzwerk heißen seine Kapitel. Anhand von gelungenen Anekdoten und anschaulichen Beispielen und mittels gründlich recherchierter Hintergrundinformationen führt Higgs in „Alles ist relativ und anything goes“ gekonnt durch diese komplexen Themen, deckt verblüffende Zusammenhänge auf und macht immer wieder Lust darauf, Neues zu entdecken – über eine Zeit, in der die meisten Hörer aufgewachsen sind und die wir in- und auswendig zu kennen glauben.

Eine Reise durch das unglaublich seltsame und ziemlich wahnsinnige 20. Jahrhundert

John Higgs gelingt es, auf seiner imaginären Reise Geschichte greifbar zu machen. Die Hörer begegnen neben Albert Einstein auch Keith Richards, Elvis Presley, Salvador Dalí, Wernher von Braun, dem Videospielhelden Mario, Schrödingers Katze und vielen anderen. Und jeder von Ihnen hat eine spannende Geschichte im Gepäck, die Higgs auf seine ganz eigene Weise erzählt: So erklärt er z.B. Einsteins Relativitätstheorie anhand eines fallenden Würstchens. Mit dem versierten Sprecher Frank Arnold wird dieses ungekürzte aber kurzweilige Sachbuch zu allerbestem „Infotainment“.

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30.März
2016

Alpensagen. Zwischen Berg und Tal

Gisela Blank

alpensagenKennen Sie das Wettersteiner Mandl? Oder die Fee vom Höllental? Oder die zwei Schwirzer von Schleching? Mir waren diese Sagengestalten auch kein Begriff. Aber mit diesem Hörbuch, das aus einer Zusammenarbeit von BR2 Kinderfunk, Quadro Nuevo und der Autorin Julia Schölzel entstanden ist, werden urige Geschichten aus der oberbayerischen und allgäuerischen Bergwelt zu neuem Leben erweckt.

Die teils heiteren, teils schaurigen, aber immer spannend erzählten Alpensagen werden von Luise Kinseher (bekannt als „Bavaria“ beim Salvator-Anstich auf dem Nockherberg), Jockel Tschiersch und Richard Oehrmann in Mundart herrlich unterhaltsam erzählt. Nördlichere Hörer könnten die kräftigen Dialekte evtl. nicht verstehen, alle anderen werden von der lebendigen Vortragsweise und den verschiedenen Stimmlagen der Sprecher begeistert sein. Da kann man sich direkt ins Geschehen hineinversetzen und mit dem Allgäuer Männle fingerhakeln oder hinab in die Tiefen des Untersberges steigen. Umrahmt werden die Geschichten von der wunderbaren Musik von Quadro Nuevo, die teils tradierte Musikstücke neu arrangiert haben, teils eigens komponierte Stücke zum Besten geben. Witzige Unterhaltung nicht nur für Kinder – und beim nächsten Urlaub in den Bergen können die Schauplätze der Sagen im Chiemgau oder Werdenfelser Land erwandert werden.

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24.März
2016

Jonas Jonasson – Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind

Benjamin Jendro

Jonas JonassonWer es geschafft hat und den elend langen Titel des heute zu beschreibenden Hörbuchs bis zum Ende gelesen hat, läuft Gefahr, den dazugehörigen Autor längst wieder vergessen zu haben. Die Gefahr ist da, doch es wird den wenigsten passieren. Schließlich befinden wir uns längst in einer Phase, in der wir ganz genau wissen, dass derartige Titel nur auf einen Schriftsteller zurückzuführen sind. Ja, „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ ist ein echter Jonas Jonasson. Der Schwede, der vor einigen Jahren mit „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster steig und verschwand“ debütierte, hat mal wieder ein Werk über einen Sonderling geschrieben, der eine sonderbare Geschichte durchläuft.

Mörder Anders in der Körperverletzungsagentur

Der neue Protagonist heißt Johan Andersson. So nennt ihn aber keiner. Er ist kurz und schmerzlos „Mörder Anders“. Dabei ist der Gute gar kein Lebensvernichter. Er saß zwar schon unzählige Male hinter Schwedischen Gardinen, allerdings wegen diverser anderer Delikte. Im Roman nur kommt er wieder mal auf freien Fuß und möchte dort auch länger bleiben. Die Grundlage sind geordnete Finanzen und genau deshalb sucht er sich einen Job. Das Angebot einer Pfarrerin kommt ihm da genau recht. Johanna hat zusammen mit dem Hotelmitarbeiter Per eine Firma aufgemacht, zu der die von Anders angebotenen Dienst bestens passen. Die Körperverletzungsagentur, bei der als Schläger für gute Manieren sorgt, ist allerdings nur das erste Sprungbrett für „Mörder Anders“.

Jonas Jonasson überzeugt mit wahnwitzigen Ideen

Sein 448-minütiges Abenteuer ist hier in der Tat noch nicht zu Ende. Sprecher Jürgen von der Lippe – welch gelungene Wahl – führt den Akteur in „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ trotz guter Auftragslage in ein anderes Berufsfeld. Er beginnt plötzlich, das eigene Handeln massiv zu hinterfragen und wendet sich der Religion zu, weil Jesus zu ihm gesprochen hat. „Mörder Anders“ entwickelt eine waghalsige Idee, er möchte ein eigenes Gotteshaus bauen. Dies wird nochmal gesteigert, als er sich dazu entschließt, gleich eine eigene Religion aus dem Boden gedeihen zu lassen. „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“, und das merkt man schon bei diesem winzigen Auszug, sprüht nur so vor wahnwitzigen Einfällen. Dank ihnen und den lustigen Wendungen gelingt es Jonas Jonasson, mal wieder Leser und Zuhörer voll auf seines Seite zu ziehen.

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