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29.Oktober
2014

Sebastian Fitzek – Passagier 23

Benjamin Jendro

Fitzek - Passagier 23Sind Sie schon einmal auf einem Schiff gefahren? Bei Nacht, wenn es dunkel ist und die Wellen mit all ihrer Kraft gegen den Metallklotz peitschen? Nein? Dann stellen Sie sich das doch bitte einmal vor! Sie hören, wie der Wind fegt und spüren des turbulenten Seegang. Sie sehen ihn nicht, weil sie an Deck sind, aber nicht an der Reling, sondern in einem Schiffsdeck, das sonst nicht für Sie geöffnet ist, dem Maschinenraum. Jetzt stellen Sie sich bitte vor, dass Sie dort nicht allein sind, sondern jemand da ist, der sie töten möchte! Wenn Sie jetzt an diesem Punkt angelangt sind, wissen Sie in etwa, was Sie bei Sebastian Fitzeks neuem Thriller „Passagier 23“ erwartet.

Sebastian Fitzek lässt uns wieder zittern

Wem das nicht bildlich genug war, dem sei ein Blick auf den dazugehörigen Trailer auf Fitzeks Homepage empfohlen. Deutschlands Thrillerautor Nummer Eins hat das Schifffahren für sein neues Stück „Passagier 23“ auserkoren und damit einmal mehr sein Gespür für schaurige Szenarien bewiesen. In der Tat wird jeder, der schon in einem Maschinenraum im Bauch eines großes Schiffes stand, dem zustimmen müssen. Das fünfstündige Hörbuch, das von Simon Jäger spannend gesprochen wird, erzählt von einem Familienvater, der Frau und Kind bei einer Schiffsreise verloren hat. Sie sind spurlos verschwunden, niemand weiß, was geschehen ist. Niemand, bis auf das kleine Mädchen, das auftaucht und den Kuschelteddy seines Sohnemanns im Arm hält.

Sie ist Passagier 23

Früher arbeitet Martin Schwartz als angesehener Polizeipsychologe. Nach diesem Schicksalsschlag aber ist er selbst in tiefe Depressionen verfallen. Als verdeckter Ermittler widmet er sich oberflächlich einigen speziellen Fällen, eigentlich aber bestimmt eine tiefe Psychose seinen Alltag. Was genau mit Nadja und Tim geschehen ist, lässt sich nicht rekonstruieren, beschäftigen tut ihn das aber trotzdem. Da keimt zumindest etwas Hoffnung auf, als ihn eine Thrillerautorin mit der Aussicht auf neue Erkenntnisse kontaktiert. Martin soll sich auf den Unglücksdampfer Sultan of the Sea begeben. In diesem Zusammenhang erscheint der „Passagier 23“, ein kleines Mädchen, das Tims geliebten Teddy mitbringt.

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21.Oktober
2014

Patrick Modiano – Im Café der verlorenen Jugend

Benjamin Jendro

Modiano - Im Cafe der verlorenen JugendPünktlich zum Todestag von Alfred Nobel werden am 10. Dezember in Stockholm wieder die Nobelpreise vergeben. Bis auf jenen, den es für das Engagement für den Frieden gibt. Dieser wird traditionell in Oslo überreicht. Etwa zwei Monate vorab werden die jeweiligen Preisträger bekanntgegeben. In die namhafte Rangliste der Nobelpreisträger für Literatur, zu der Leute wie ein Canetti, ein Pirandello, ein Hemingway oder eine Herta Müller gehören, gesellt sich in diesem Jahr der Franzose Patrick Modiano, der zwar etwas überraschend, aber keinesfalls unverdient die Nachfolge von Alice Munro antreten darf. Einer der Gründe dafür ist sein Werk „Im Café der verlorenen Jugend“, das beispielhaft für den Stil des Romanciers steht.

Im Café der verlorenen Jugend – Eine Geschichte über Menschen

Wer von Patrick Modiano bisher nichts gehört hat, muss keineswegs ein Kunstbanause sein. In der Tat ist der 69-Jährige in Deutschland eher unbekannt, weil seine Romane hier noch nicht so ganz durchstarten konnten, obwohl ihnen zumeist eine Thematik zu Grunde liegt, die sich auf unsere Geschichte bezieht. Modiano widmet sich in vielen Schriften der Deutschen Besetzung in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs und erzählt von den dadurch resultierenden Eindrücken der Franzosen. Das machte ihn in Frankreich zu einem der erfolgreichsten und einflussreichsten Autoren der heutigen Zeit. Ebenfalls sehr präsent sind die 1960ern, die einen anderen Bereich seines literarischen Schaffens ausmachen. In ihnen geht es zumeist um das Thema Liebe und die individuelle Existenz jedes Einzelnen. Im Grunde genommen handeln seine Erzählungen von Menschenschicksalen. Da nimmt sich auch „Im Café der verlorenen Jugend“ nicht aus.

Louki sucht nach einem Halt im Leben

In sehr einfühlsamen Zeilen erzählt Modiano in „Im Café der verlorenen Jugend“ von Louki, die bereits als Kind immer aus den heimischen vier Wänden geflüchtet ist. Diese nicht vorhandene Bereitschaft, sich an etwas zu binden, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. So ist sie vor einem Jahr auch ihrem Mann Neuilly, einem Immobilienmakler, davon gelaufen. Ihr Geliebter Roland könnte eine Konstante darstellen. Er könnte, denn beruhigend ist die Situation auch jetzt nicht. Das liegt daran, dass sie „Im Café der verlorenen Jugend“ vom Detektiv ihres Mannes auf Schritt und Tritt beobachtet wird. Eingebunden in die Atmosphäre der Stadt der Liebe in den sechziger Jahren erlebt man so eine emotional bewegende Geschichte mit Höhen und Tiefen.

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15.Oktober
2014

Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt – Das Mädchen, das verstummte

Benjamin Jendro

Hjorth&Rosenfeldt - Das Mädchen, das verstummteSebastian Bergman ist ein echt eigenartiger Kauz. Da erwecken ihn die beiden schwedischen Autoren Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt dank ihren Romanen zum Leben und dem raubeinigen Kriminalpsychologen fällt nichts Besseres ein, als mit seiner überheblichen, selbstverliebten Art zwar einen Fall nach dem anderen zu lösen, dabei aber selten mit Sympathie zu punkten. Okay, Sebastian Bergman ist ein wirklich guter Ermittler, aber ein wenig mehr Freundlichkeit schadet nicht, oder? Die beiden Schriftsteller haben sich in „Das Mädchen, das verstummte“ ein wenig von ihrer gewohnten Linie entfernt. Denn erstmals in der Karriere des Sebastian Bergman erleben wir Emotionen, was den sehr schwierigen Charakter endlich einmal mit einem Hauch Menschlichkeit versieht.

Das Mädchen, das verstummte, hat einen Vierfachmord erlebt

Sebastian Bergman wird stets dann in einem Mordfall hinzugezogen, wenn der Laie am Ende der Ermittlungsarbeit angelangt ist, sich alles noch immer als ein unüberschaubares Rätsel erweist und man die Hilfe eines alleswissenden Experten benötigt. In Torsby kommt man ohne diesen nicht weiter. Die Familie Carlsten, ein Ehepaar und ihre beiden Söhne, wurden aus nächster Nähe in die ewigen Jagdgründe befördert. Der ziemlich kaltblütige Mord wirft Fragen auf, vor allem das Motiv und der Tathergang sind weitgehend ungeklärt. Ein entscheidendes Puzzleteil könnte „Das Mädchen, das verstummte“ liefern. Ihre Fußspuren führen nämlich vom Tatort in den dunklen Wald hinaus.

Das Mädchen, das verstummte, lässt Erinnerungen aufkommen

Wer Sebastian Bergman bisher auf seinem Lebensweg begleitet hat, weiß um den harten Schicksalsschlag, der er hinnehmen musste und der ihn sicherlich zu diesem kalten Mann werden lassen hat. „Das Mädchen, das verstummte“ ist die zehnjährige Nichte des erschossenen Familienvaters und sie erinnert Bergman an seine eigene Tochter, die er einst nicht retten konnte. Aus Angst verschanzt sich die Kleine im Wald und legt bewusst falsche Spuren. Das macht es auch den Ermittlern zunehmend schwer, sie zu finden und so ihre Überlebenschancen wieder zu erhöhen. Wer den siebeneinhalb Stunden Hörbuch lauscht, wird es selbst sehnlichst herbeiwünschen, dass „Das Mädchen, das verstummte“ gefunden wird.

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7.Oktober
2014

Hape Kerkeling – Der Junge muss an die frische Luft

Benjamin Jendro

Kerkeling - Der Junge muss an die frische LuftKaum eine Stunde vergeht, in der es nichts Brisantes aus der Promiwelt unseres Landes zu berichten gibt. Weitet man das Ganze über die Grenzen hinaus aus, bleibt der Liveticker keine fünf Minuten still. Das ist manchmal ganz unterhaltsam, ein Freund vom Breittreten dieser Informationen bin ich aber nicht. Wenn man es einmal gehört hat, reicht es dann auch, oder etwa nicht? Anscheinend nicht – so schauen momentan alle mit Argusaugen auf die Berichterstattung zu Hape Kerkelings nun offenbartem Kindheitstrauma. Dieses ist ohne Frage keine schöne Erfahrung und Kerkeling nutzt sein neues Werk „Der Junge muss an die frische Luft“ sicherlich auch, um darüber hinwegzukommen. Schreiben als Seelenreinigung wäre keine neue Sache. Man sollte ihm aber auch zugestehen, dass er mit dieser autobiographischen Schrift einen Strich unter die Sache zieht und vielleicht nicht vergessen, aber doch abschließen kann.

Der Junge muss an die frische Luft

Neben dem Suizid seiner Mutter gibt es nämlich auch andere Sachen, die in der Autobiographie, die Hape Kerkeling gemäß seines Naturells für dieses Hörbuch selbst eingesprochen hat, Eindruck machen. An vielen Passagen wird deutlich, dass es sich beim fast Fünfzigjährigen um einen Vollblut-Entertainer handelt, dem dies bereits in Kindheitsjahren anzusehen war. So schwer die Zeit war, in der seine Mutter sich für den Freitod entschieden hat, so groß war auch der familiäre Zusammenhalt, der Hape eine gewöhnliche Kindheit ermöglichte. Zumindest so gut, wie es ging. So entdeckt man beim Zuhören einen ganz gewöhnlichen Jungen aus Recklinghausen, der nach Ansicht der Tante auch mal an die frische Luft gehörte und es einst der Großmama versprach, irgendwann einmal im Rampenlicht zu stehen.

Hape Kerkeling liebt das Leben

Insofern lautet das Fazit, das Hape Kerkeling zwar nicht explizit ausspricht, es dafür aber zwischen allen Zeilen zu spüren ist, dass er das Leben liebt und als lebenswert einstuft. Schicksalsschläge gehören dazu, sie formen einen Menschen. Man wächst daran, wie man etwas verarbeitet. Hape Kerkeling macht das mit Humor und das gelingt ihm zu unserem Glück bemerkenswert gut. „Der Junge muss an die frische Luft“ ist nun der zweite Beweis dafür, dass er auch literarisch etwas zu bieten hat. Schon die Pilgerbeschreibung „Ich bin dann mal weg“ kam gut an, das neue Stück muss sich dahinter nicht verstecken.

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30.September
2014

Volker Klüpfel und Michael Kobr – Grimmbart

Benjamin Jendro

Klüpfel und Kobr - GrimmbartAutorengespanne sind ohne jegliche Abstriche ein recht sonderbares wie auch faszinierendes Element der heutigen Literaturwelt. Bei den vielen Duos, die heute die Szene bestimmen, möchte man sich nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn die Herren von Goethe und Schiller gemeinsame Sache gemacht hätten. Eine ebenso interessante Vorstellung wäre doch eine Zusammenarbeit von Agatha Cristie und Sir Arthur Conan Doyle gewesen. Irgendwie schade, dass dies der Menschenwelt vorenthalten blieb. Dafür aber bekommt man beim Gespann Klüpfel und Kobr ein kleines, aber nicht weniger unterhaltsames Trostpflaster. Ihr Kommissar Kluftinger darf sich in „Grimmbart“ bereits in sein achtes Abenteuer stürzen.

Grimmbart ist fabelhaft

Als „fabelhaft“ wurde Kluftingers neuer Fall vorher auf der Homepage der beiden Autoren angepriesen. Nach den 15 Stunden ungekürzte Krimi-Hörbuchfassung von „Grimmbart“ kommt man zur selben Einschätzung. Ja, die beiden haben sich mal wieder selbst übertroffen. Das, über was beim veröffentlichten Buchtrailer bereits zu spekulieren war, zieht sich durch das gesamte Werk. „Grimmbart“ strotzt nur so vor spannenden Ereignissen und wird durch einen Ermittler bereichert, den man einfach gern haben muss. Mit dem Schloss Bad Grönenbach, zu dessen Besuch ihn Intimfeind Langhammer überredet, bekommt das Ganze auch noch eine schaurige Szenerie.

Grimmbart – Ganz schön was los bei den Blaublütigen

Kaum dort angekommen, um nach dem Rechten zu sehen, entdeckt Klufti die Frau des Barons, die ziemlich verrenkt keinen Atemzug mehr von sich gibt. Dass direkt dahinter Selbiges in Gemäldeform abgebildet ist, verwundert nicht nur den Protagonisten. Zudem verzieht sich der Baron immer wieder in den schlosseigenen Märchenwald. Was für eine grausige Familiengeschichte geht hier von Statten? Die Situation wird von beiden Autoren mal wieder perfekt auf Kluftingers eigene Familie übertragen. Tot ist hier zwar keiner, aber der Sohnemann möchte seine Yukimo heiraten. Da haben sich doch glatt ihre Eltern aus Japan angekündigt. Langhammer nutzt die Chance und unterstützt den Besorgten bei dieser kulturellen Herausforderung.

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24.September
2014

Paulo Coelho – Untreue

Benjamin Jendro

Coelho - UntreueGanz persönlich vertrete ich ja die Ansicht, dass südamerikanischen Autoren bei uns in Europa viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Einzig auf der iberischen Halbinsel finden die Geschichten Eingang in unseren Kontinent. Bei Recherchen zur Fußball-Weltmeisterschaft ist mir einmal mehr aufgefallen, welch großartige Erzählungen uns dabei verschlossen bleiben. Paulo Coelho ist einer der wenigen, wenn nicht sogar der einzige Schriftsteller, der es auch in Deutschland zu großem Ansehen gebracht hat, obwohl er aus Südamerika stammt. Seit Jahren schon erscheinen seine einfühlsamen Stücke beim Diogenes-Verlag. „Untreue“ reiht sich da nahtlos ein und lässt den Zuhörer wieder mal dahinschmelzen.

Untreue ist nicht pauschal verwerflich

Die „Untreue“ eines Menschen ist generell zu verurteilen. Es gibt wenige Gründe, die ein derartiges Vorgehen rechtfertigen und dennoch gibt es sie. So unsympathisch uns Coelho seine Figur, die Journalistin Linda, auch einführt, so mehr versteht man sie nach und nach. Besagte junge Frau hat sich von ihrem Leben scheinbar nie mehr erträumen können als das, was sie jetzt um sich hat. Im Job ist sie auf die Erfolgsspur geraten, privat  sieht es ebenfalls nicht allzu schlecht aus. Daheim warten ein liebender und fürsorglicher Ehemann und selbst Bambini haben die beiden bereits auf die Welt gebracht. Dennoch ist Linda nicht zufrieden mit der Situation und begeht ein Wagnis, das alles verändern wird.

Was bedeutet es, wirklich zu lieben?

Die zentrale Frage, die Paulo Coelhos „Untreue“ als der rote Faden durchzieht, besteht darin, was wahre Liebe wirklich ist. Linda ist dreißig, als sie an diesen Scheideweg gerät. Sie begibt sich Hals über Kopf in eine Affäre mit einem früheren Bekannten und schlittert damit voll in den Gefühlsrausch. Ist es das, was sie glücklich macht und ist es wirklich verwerflich, im Leben auch einmal an sich zu denken? Das mag niemand beantworten. Erst recht nicht, wenn mal Coelhos Werk, das von Luise Helm recht emotional gefärbt eingesprochen wurde, hinter sich hat.

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18.September
2014

Angelika Klüssendorf – Das Mädchen

Benjamin Jendro

Klüssendorf - Das MädchenDer Deutsche Buchpreis ist nicht nur die angesehenste Auszeichnung, die ein Literat Deutscher Sprache einheimsen kann, sondern zugleich einer, dank dem sich der Kontostand mit einem Schlag um 25.000 Euro erhöht. Das nimmt man gerne mit, selbst als erfolgreiche Autorin. Angelika Klüssendorf ist eine Schriftstellerin, die mit „April“ nun bereits zum zweiten Mal in der finalen Auswahl auf der Shortlist zu finden ist. Selbiges Kunststück gelang ihr bereits mit dem vorhergehenden Roman „Das Mädchen“. Dass dieser  2011 nicht gewann, lag schlussendlich auch an der Erzählkunst des Siegers Eugen Ruge. Womöglich wäre die Wahl in einem anderen Jahr auf Klüssendorf gefallen. Der Plot hätte einen Sieg nämlich durchaus gerechtfertigt.

Das Mädchen – 263 Minuten bewegende Geschichte

Es ist kein Zufall, dass Angelika Klüssendorf mit „Das Mädchen“ einen Titel auf ihr Werk gesetzt hat, der aufgrund seiner beispielhaften Benennung nicht nur für die Hauptprotagonistin zutreffend ist. Das, was in den 263 Minuten von Sprecherin Julia Nachtmann erzählt wird, kann unzähligen Menschen passieren und ist zugleich ein Ansporn, nicht am Übel des Lebens zu zerbrechen. Im Werk wird uns ein Vater vorgestellt, der trinkt und raucht, sich nur gelegentlich zuhause zeigt. Die Mutter lässt ihren Frust darüber an den Kindern los. Selbst diese entfernen sich immer mehr voneinander.

Es gibt Sachen, die „Das Mädchen“ träumen lassen

In dieser Situation versucht „Das Mädchen“, dem wir auch an dieser Stelle keinen Namen zuordnen möchten, zurechtzufinden und einen individuellen Weg auszumachen, der für das Kind persönlich der beste ist. Kraft geben „Brehms Tierleben“ oder auch „Grimms Märchen“. Sie laden zum Träumen ein, dem Träumen von einer besseren Zukunft, einem kleinen Haus mit Garten irgendwo auf dem Land. Bis es soweit ist, wird das Heranwachsen in all seiner Brutalität vorgestellt. Interessanterweise wird das Kinderheim zu einem Ort, der Erfüllung und schöne Erlebnisse mit sich bringt.

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9.September
2014

Dave Eggers – Der Circle

Benjamin Jendro

Eggers - Der CircleWas meinen Sie, ist die am meisten besprochene Thematik der letzten Jahre? Richtig, noch vor dem Hype um den von uns ausgelösten Klimawandel, der erdhistorisch gar nicht einmal abnormal ist, spricht die ganze Welt über den immer größeren Einfluss der neuen Medien und demdamit verbundenen Verlust an Privatsphäre. Ist das denn wirklich ein Faktor, bei dem uns Angst und Bange werden sollte? Die heutige Generation liebt es, per Tweet die ganze Welt über die nächste Mahlzeit zu informieren, das Bild vom neuen T-Shirt bei Facebook zu posten und via WhatsApp die SMS-Kosten zu sparen und in Gruppen über alles Mögliche zu kommunizieren. In einer solchen Zeit bietet es sich natürlich an, wie Dave Eggers mit „Der Circle“ ein Buch zu schreiben, in welchem das Ganze ein unkontrollierbares Übermaß nimmt. Es stellt sich nur die Frage, ob das nicht ohnehin bereits der Fall ist und wir es als alltäglich ansehen.

Der Circle möchte die Welt vernetzen

Früher wurde Literatur gefeiert, in der es um Roboter-Invasionen geht. Seit wir Menschen technisch Neues schaffen, also schon immer, gab es Akteure in der kulturellen Welt, die daraus Angstszenarien schufen. Gut, es gibt sicher auch in zehn Jahren keinen Mr. Facebook, der mit Waffengewalt unser Leben auslöschen möchte, infiltriert hat er es aber jetzt schon. Eggers inszeniert in „Der Circle“ eine vergleichbare Thematik. Die junge Mae Holland wird dort vom titelgebenden Internetkonzern angeworben. Das Unternehmen möchte ein neues Zeitalter einläuten und setzt auf volle Transparenz. Aus Identität wird Online-Identität – E-Mails, Bankdaten, Social-Media sollen miteinander vernetzt werden. Eine echte Neuerung eben.

Es sind die Fragen, die uns bereits beschäftigen

Was anfangs wie ein Traumjob scheint, entwickelt sich für Mae schon bald zu einem unkontrollierbaren Albtraum. Sie ist erstaunt über das, was technisch möglich ist und rutscht in einen Strudel aus Intrigen. Eggers vernetzt einzelne Elemente, die uns bereits heute schon in Sorge versetzen sollten. Sein Plot ist insofern nicht unrealistisch, spielt mit der heutigen Generation und ihren Interessen. Vermutlich ist er deshalb unterhaltsam. Selbstverständlich geht es um die zentralen Problematiken. Wie viel Privatsphäre sollten wir bewahren, was von uns preisgeben? Eine Antwort ist „Der Circle“ nicht, ein weiteres Stück, das uns offenbart, wo wir derzeit stehen, aber schon.

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9.September
2014

Wolf Haas – Brennerova

Gisela Blank

BrennerovaDie Russinnen habe es dem Brenner angetan. Zumindest im Internet. Denn im wirklichen Leben, da läuft es mit der Herta eigentlich richtig gut. Doch als sie zum Weltwandern nach Marokko fliegt, kann er der Anfrage einer möglichen Brennerova (so würde eine russische Angetraute ja heißen) nicht widerstehen, und so fängt mit einem Kurzausflug nach Nischni Nowgorod das Verhängnis an. Denn dort wartet keine Braut, sondern die schöne Nadeshda, die den „Polizeibeamten i.R.“ für die Suche nach ihrer in Wien verschwundenen Schwester Serafima gewinnen will. Und da der Brenner ein „Frauentränenumfaller“ ist, nimmt er im Wiener Rotlichtmilieu tatsächlich Ermittlungen auf. Doch er gerät bald ins Visier des Wu Tan-Clans, und abgehackte Hände pflastern seinen Weg …

Wolf Haas‘ Brenner-Romane leben von der Erzählstimme, der fingierten Stammtischsprache, die grammatikalisch total inkorrekt aber sehr unterhaltsam das aberwitzige Geschehen zum Besten gibt. Auch der mittlerweile achte Fall mit Simon Brenner wartet mit gekonnten Sprachspielchen und feinstem Humor auf. Dieser erfrischende Erzählstil eignet sich hervorragend für Lesungen, v.a. wenn man wie Wolf Haas ein begnadeter Interpret seiner eigenen Texte ist. Allen Figuren seines hintersinnig-skurrilen Krimis haucht er gekonnt Leben ein und verpasst ihnen den entsprechenden Schmäh. Ob du’s glaubst oder nicht – Brennerova ist als ungekürzte Lesung ein Hörvergnügen der besonderen Art.

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3.September
2014

Stephen King – Mr. Mercedes

Benjamin Jendro

King - Mr. Mercedes HörbuchWenn es einen Schriftsteller gibt, der die Inkarnation seines Genres darstellt, dann Stephen King. Dieser hat im Bereich des Science Fiction Horror Maßstäbe gesetzt, für die ihn andere nicht nur bewundern, sondern die zugleich als Idealvorstellung gelten, an dem alles andere sich messen lassen muss. Was Stephen King in den letzten Jahren aufgeschrieben hat, ist zu Gold geworden und das ist bei seinem unnachahmlichen Schreibpensum wahrlich nicht wenig. Es ist noch gar nicht lange her, da musste ich ihm für „Doctor Sleep“ große Anerkennung entgegenbringen. Nun steht mit „Mr. Mercedes“ bereits die nächste Schrift im Fokus der Öffentlichkeit und das obwohl, sich der Maestro aus seinem Genrenest herauswagt.

Mr. Mercedes – Ein Thriller nach bewährtem Muster

Die besten Thriller der heutigen Zeit funktionieren nach einem ähnlichen Schema – die gute alte Schwarz-Weiß-Gegenüberstellung. Natürlich leben die heutigen Werke vor allem auch davon, dass die Ermittler sich eher im Grauzonenbereich bewegen und ihre eigene Vita nicht strahlend weiß erleuchtet. Grundsätzlich aber verkörpern sie das Gute und ein werkelnder psychotischer Killer das Böse auf der dunklen, der schwarzen Seite. In „Mr. Mercedes“ sind die Rollen recht früh klar verteilt. Ein pensionierter Ex-Cop, der in seinem langweiligen Rentner-Dasein nicht weiß, wie er die Tage sinnvoll ausfüllen kann und sogar über Suizid nachdenkt, bekommt Post von einem Massenmörder, der ihm in seinem letzten Fall begegnet ist. Ein Mercedesfahrer ist da in eine Menschentraube vor einem Arbeitsamt gerast und hat neben 15 Schwerverletzten auch acht Tote hinterlassen. Nun berichtet er dem ehemaligen Ermittler Bill Hodges, dass er daran auch noch Spaß hatte und bereit ist, weiter und in noch größerem Stil zu morden.

In Kings Werken steckt auch immer ein Spiegelbild der Gesellschaft

Interessanterweise wartet Stephen King nicht lange, um dem Zuhörer „Mr. Mercedes“ vorzustellen. Dieser heißt Brady Hartfield, wohnt noch bei Mama, fährt tagsüber Eis durch die Gegend und hat sich im Keller ein hübsches IT-Inventar zusammengestellt, um die nächste grauenvolle Tat zu durchdenken. Er ist der typische US-Durchschnittsjunge, den King gemäß seiner bisherigen schriftstellerischen Aktionen zugegeben als einen Kerl darstellt, der zudem über recht kranke Phantasien verfügt. Brady spielt mit den Nerven von Hodges, was immer mehr an dessen Psyche aber auch Physis zehrt. Gleichzeitig schafft es der Autor einmal mehr, viele Elemente der heutigen US-amerikanischen Gesellschaft in seine Geschichte einzubinden. Nicht umsonst ist es ein Arbeitsamt, vor welchem die Auftaktszene geschieht, nicht umsonst eine junge verwahrloste Existenz, der es so einfach gemacht wird, andere Menschen ins Unglück zu stürzen.

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