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Der Hörkanon

Gisela Blank

30.September
2010

Was Marcel Reich-Ranicki sich wohl beim Blick auf die Trivialliteratur in den aktuellen deutschen Bestsellerlisten denkt? Vor einigen Jahren jedenfalls veröffentlichte der oberste Kritiker der Nation einen (inzwischen vergriffenen) „Kanon der deutschen Literatur“, um die seiner Meinung nach wichtigsten Werke in allen Gattungen vorzustellen, darunter auch eine zehnbändige Ausgabe mit Erzählungen. Zum 90. Geburtstag Reich-Ranickis erschien im Juni dieses Jahres eine Auswahl aus diesem Erzähl-Kanon zum Hören: 40 CDs mit 70 Novellen, Kurzgeschichten, Fabeln, Parabeln, Legenden, Märchen, Kalendergeschichten und Anekdoten aus der Feder von 61 Autoren. Das Spektrum reicht dabei von Goethe über Heine bis Thomas Bernhard. Natürlich legt Reich-Ranicki hier eine sehr subjektive Auswahl vor, aber er mischt souverän Berühmtes und Unbekanntes und berücksichtigt von der Klassik über alle Epochen der deutschen Literatur bis zur jüngsten Gegenwart sämtliche literarischen Strömungen.

Es dauerte einige Zeit, bis ich mich durch die ca. 51 Stunden dieser Box gehört habe, aber das hat sich definitiv gelohnt: Die Erzählungen, von denen ich viele aus dem Schulunterricht kannte, entfalten in der gesprochenen Version einen ganz neuen Reiz. Das ist vor allem den ausgezeichneten Sprechern zu verdanken, denn mit Burghart Klaußner, Andrea Sawatzki, Ulrich Matthes, Ulrich Noethen, Martina Gedeck, Gert Voss u.v.a. sind hier durchwegs erstklassige Schauspieler zu hören. Sie verstehen es, die heute oft ungewohnte Sprache der Klassiker durch ihren Vortrag ganz leicht verständlich klingen zu lassen. Marcel Reich-Ranicki selbst ist im Vorwort zu hören, in dem er einen kurzweiligen literaturwissenschaftlichen Exkurs über die Entstehung und Bedeutung der Gattung Erzählung in Deutschland gibt. Das übersichtlich gestaltete Booklet stellt die auf den CDs versammelten Werke samt Autoren nochmal kurz vor und rundet die Aufmachung dieser empfehlenswerten Box ab.

Fazit: Wer Angst vor dicken Romanen hat, sich aber trotzdem gerne einen Überblick über die deutsche Literatur verschaffen möchte, hat mit dieser Auswahl eine ganz bequeme Möglichkeit dazu!

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Tess Gerritsen – Schwesternmord

Benjamin Jendro

24.September
2010

Wie Sie mittlerweile sicherlich schon bemerkt haben, habe ich eine gewisse Vorliebe für Tess Gerritsens Romane. Das liegt einfach an dem durchweg hohen Niveau und der gleichbleibend atemberaubenden Spannung, die in ihren Romanen vorherrschen. Auch ihr vierter Roman, Schwesternmord, macht hier keine Ausnahme.

Der neueste Fall von Rizolli und Maura Isles ist zugleich ein sehr persönlicher. Denn nachdem Isles aus Paris nach Hause zurückkehrt, ist sie zunächst überrascht von dem Polizeiaufgebot, das sie vor ihrem Haus vorfindet. Auch die Polizei ist irritiert, nahm man doch an, Isle wäre tot. Doch die Leiche, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht, entpuppt sich als ihre Zwillingsschwester. Da Maura schon früh adoptiert wurde, hatte sie bis dato keine Ahnung davon und ist nun bemüht, die Hintergründe und die Geschichte ihrer Familie herauszufinden. Woher stammen sie und ihre Schwester? Sie findet dann auch letztlich ihre Mutter in einer Nervenklinik und mit ihr noch ein dunkles Geheimnis. Warum musste ihre Schwester sterben, war es wegen dieses Geheimnisses oder ist der wütende Ex-Freund der Mörder?

Schwesternmord ist erneut ein grundsolider und sehr spannender Roman. Das Hörbuch wird Sie fesseln, auch wenn der Plot an einigen Stellen doch arg konstruiert wirkt. Fans erfahren zudem noch mehr Hintergrundinfos zu den Protagonisten und werden so tiefer in diesen Kosmos hineingezogen.

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Glennkill – ein Schafskrimi

Benjamin Jendro

20.September
2010

Glennkill ist ganz sicher ein schafer Roman. Hier bekommen Sie auch als eingefleischter Krimifan mal etwas ganz anderes geboten. Denn in dem Hörbuch geht es um eine Herde Schafe, die den Mord an ihrem Schäfer versuchen aufzulösen. Wie Schafe eben sind, versuchen sie es auf ihre ganz eigene Art und Weise. Dank einer täglichen halben Stunde Krimivorlesung seitens des verstorbenen Schäfers haben sie zum Glück ein wenig Vorwissen. Doch die menschliche Natur bereitet ihnen das eine ums andere Mal Kopfzerbrechen.

Wenn Schafe sich in Menschen hineindenken, führt das zum Teil zu sehr lustigen Konstellationen. Und hiervon lebt das Buch. Erwarten Sie keine Mordlust, Rachefeldzüge oder atemberaubende Spannungsbögen. Vielmehr kommen interessante Schafe auf Sie zu, die eben etwas anders denken.

Der Roman ist dabei lustig, traurig, absurd und eröffnet mitunter auch eine andere Sichtweise auf die für uns so normalen Denkstrukturen. Eben von jedem ein bisschen.

Versuchen Sie nicht krampfhaft, den Täter selbst zu überführen, sondern lassen Sie sich von den Protagonisten anleiten. Die Autorin hat hier und da Hinweise versteckt, die sich am Ende als sehr wertvoll entpuppen. Apropos Ende: Das ist, wie sollte es anders sein, auch überraschend und sicher anders als Sie es vermuten würden.

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Ferdinand von Schirach – Schuld

Benjamin Jendro

13.September
2010

Mit seiner Erzählung in dem 2009 erschienenen Buch “Verbrechen” hat Schirach in beeindruckender Weise auf sich aufmerksam gemacht. Der Berliner Strafverteidiger hat von Fällen erzählt, die den Leser sofort für sich eingenommen haben und das in einer klaren, knappen und kühlen Erzählweise, die man so wohl nur einem Anwalt abnimmt.

“Schuld” ist nun die Fortsetzung und entgegen einem immer wieder zu beobachtenden Trend ist sie ganz hervorragend gelungen und knüpft nahtlos an die Kunst aus dem ersten Buch an. Wieder gelingt es Schirach schon in einigen Sätzen, den Zuhörer dazu zu bewegen, Partei zu ergreifen und sich auf die eine oder andere Seite zu stellen. Plötzlich ist man Richter ohne es genau zu bemerken, nur um dann im Lauf der Geschichte auf einmal überrumpelt zu werden. Der Autor versteht es meisterlich, vorgefertigte Meinungen zu brechen und die Frage von Schuld einzubringen. Schuld ist juristisch so gar nicht mehr das, was wir mit moralischer Schuld verbinden. So werden vermeintlich Unschuldige schuldig gesprochen und was zum Himmel nach Gerechtigkeit schreit, bleibt ungesühnt.

Und wer nun auch noch glaubt, Täter hätten immer eine Handlungsfreiheit, wird sich umso mehr in Bedrängnis fühlen, nachdem er dieses Hörbuch durch hat. Eine ganz faszinierende Fortsetzung, abseits der alltäglichen Lektüre, die bisweilen sogar richtig komisch sein kann, gewollt oder ungewollt.

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Franka Potente – Zehn Stories

Benjamin Jendro

9.September
2010

Wenn Stars Bücher schreiben, kann man schon mal darüber schmunzeln. Zu oft wurde ihnen lediglich aufgrund ihrer Popularität Kredit eingeräumt, den sie dann mit ihrer Buchveröffentlichung grandios verspielten. Langweilig bis uninteressant sind da noch die harmlosesten Formulierungen. Doch ab und an trifft auch mal ein gutes Buch, oder in diesem Fall ein Hörbuch, auf den Leser/Zuhörer und man kann sich glücklich schätzen, darauf gestoßen zu sein.

Zehn Stories von Franka Potente ist ein solches Hörbuch, das lohnenswert ist. Darin enthalten sind zehn Kurzgeschichten, die sich allesamt um die japanische Kultur drehen. Eine Kultur, die für die meisten von uns wohl immer noch befremdlich, bzw. nicht alltäglich ist. Behutsam schafft es Potente uns darin einzuführen und durch die verschiedenen Geschichten Aspekte dieser von Stolz geprägten Nation aufzuzeigen. Da geht es um unerreichbare Liebe, Schicksal oder einfach nur die Begegnungen eines Tages. Im Grunde alles Dinge, die man auch von uns kennt und doch so anders erzählt und erlebt. Die Geschichten wirken zum Teil sehr ruhig, fast melancholisch und auch schon einmal traurig.

Der Schreibstil der Autorin ist ungemein knackig. Kurze Sätze und wenig Ausschmückungen. Daran muss man sich evtl. zunächst gewöhnen, kommt aber schnell damit zurecht und wird Fan davon. Auf jeden Fall erhält man durch dieses Hörbuch einen Einblick in die japanische Kultur und wird ganz nebenbei gut unterhalten.

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Der Erlöser – Jo Nesbo

Benjamin Jendro

6.September
2010

Der Erlöser – welch zynischer Name für einen Auftragskiller. Doch Stankic, der Berufskiller, muss noch diesen einen „Fall“ erledigen, um sich dann zur Ruhe zu setzen. Dumm nur, dass er den Falschen ermordet, nämlich den Bruder der Zielperson. Durch Zufall auf diesen Fehler aufmerksam geworden, verbleibt Stankic in Norwegen, um seinen Auftrag zu Ende zu bringen. Derweil geht Harry Hole dem Ganzen auf den Grund und versucht alles, um die Zielperson zu schützen. Nach und nach gerät er dabei jedoch auch auf die dunklen Flecken in dessen Vergangenheit und alles hat irgendwie mit der Heilsarmee zu tun, diesem „Verein von Gutmenschen“.

In Der Erlöser geht es einmal mehr heiß her. Der Roman ist ein wahrer Page-Turner, bzw. ein Hörbuchgenuss, der einen von Beginn an zu fesseln weiß. Schlag auf Schlag führt die Geschichte den Zuhörer immer tiefer und lässt einen nicht zu Atem kommen. Jo Nesbo versteht es wie kaum ein Zweiter, den „Leser“ in Beschlag zu nehmen und ihm eine Welt vor Augen zu halten, die so detailreich ist, dass man sich noch im Hochsommer die eisige Kälte Norwegens vor Augen führt und zu frieren beginnt.

Auch der Protagonist Harry Hole wird erneut sympathisch und eigenbrötlerisch gezeichnet und obwohl man nun meinen könnte, alles über diesen Charakter zu wissen, hat Nesbo Neues für ihn erdacht und weiß zu überraschen.

Mag das Ende nicht unbedingt von vollkommener Logik durchzogen sein, der Krimi ist in jedem Fall ein Muss für Freunde dieser Unterhaltung. Absolut empfehlenswert!

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