...entführen dich in eine andere Welt

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Moritz Netenjakob – Der Boss

Benjamin Jendro

28.August
2012

Moritz Netenjakob - Der BossWenn man in der Hauptstadt beheimatet ist, bekommt man des Öfteren einen Eindruck davon, wie das Zusammenleben von Deutschen und Türken abläuft. Natürlich gibt es einige Ausnahmesituationen, die von vielen gleich so umgedeutet werden, man sei ausländerfeindlich und könne einfach nicht friedlich nebeneinander leben. Dass dieses Nebeneinander aber längst zu einem gemeinsamen Leben gewachsen ist, beachten die Wenigsten. Beide Seiten profitieren vom kulturellen Austausch. Längst hat der Großteil der einheimischen Menschen diejenigen, die einen anderen Geburtsort haben, akzeptiert. Dass kulturell gesehen aber immer noch Unterschiede vorhanden sind und man beim Kontakt miteinander auch mal auf komische Art und Weise zusammenstoßen kann, ist ein regelmäßiges Alltagsszenario. Die TV-Serie „Türkisch für Anfänger“, die es mittlerweile auch auf die Kinoleinwand geschafft hat, versinnbildlichte dies in besonderem Maße. Gleiches gilt für Comedian Moritz Netenjakob, der mit „Der Boss“ bereits sein zweites Werk veröffentlicht hat.

Längst keine Unbekannte mehr

Der Autor, von dem man literarisch bisher eher weniger vernommen hat und der mit „Macho Man“ erstmals so wirklich in Erscheinung trat, ist bei Weitem keine unbekannte Größe. Ganz im Gegenteil. Seit gut zwanzig Jahren ist er bereits für das Fernsehen tätig, schrieb reihenweise Sketche und unzählige Bühnenstücke für angesagte Stars wie Pastewka, von Sinnen oder Hoëcker. Auch bei den Drehbüchern für einige Serien werkelte er fleißig mit. Hinzu kommen vereinzelte Gastauftritte, so dass sein Gesicht bestimmt schon mal dem einen oder anderen vor die Augen gelaufen ist. In seinem zweiten Roman nun spüren wir die ganz Klasse seines Handwerkes. Thema ist der eingangs erwähnte Austausch von Türken und Deutschen, den er in parodistischer Weise bis an das Optimum des Komischen heranführt.

Die alles entscheidende Frage war nur der Anfang

Endlich hat Aylin ja gesagt, Daniel ist am Ziel seiner Träume. Was er nicht bedacht hat, sind die zahlreichen Überraschungen, die fortan auf ihn einprasseln. Da wären zum Beispiel die 374 Familienmitglieder, die alle ihren Teil zum erfolgreichen Fest beitragen wollen. Wie er ihnen gerecht werden soll, weiß er selbst noch nicht so wirklich. So muss er unter anderem die eine Tante belügen, damit ein anderer Onkel nicht gleicht beleidigt ist. Auch seine Eltern sind bei allem Trubel keine große Hilfe. Sie mögen Aylin, wirken bei der übertriebenen Fürsorge für das Ausländische aber schon wieder verdammt ausländerfeindlich. Das eigenartig wirkende Gespräch über Sexualität ist da nur ein Aspekt von vielen. Wie zum Teufel sollen Muslime und Atheisten zusammen das Weihnachtsfest verbringen? Was wäre die passende Hochzeitsreise? Viele Fragen die sich ihm stellen und gleichzeitig viele Episoden, die den Zuhörer ordentlich zum Lachen bringen.

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Robert Harris – Ghost

Benjamin Jendro

21.August
2012

Robert Harris - GhostAls Wortästhet hat man es in der realen Welt nun wirklich nicht leicht. Die meisten Autoren zerbrechen daran, dass sie etwas wirklich Bedeutsames schreiben wollen. Ihr Problem liegt darin, dass sie von vielen nicht verstanden werden und ihre Zeilen erst Jahrhunderte nach ihnen gerühmt werden. Einen Johann Wolfgang von Goethe stufen wir heute als den größten Literaten unserer Geschichte ein. Trotzdem führte er ein ärmeres Leben als es heute ein eher zweitklassiger Bestsellerautor tut. Der Erfolg beschränkt sich oftmals auf die Meinung der Leser. Wer nicht nach ihrem Geschmack schreibt, wird keinen Erfolg haben. Insofern muss sich Literatur nach dem gesellschaftlichen Wunsch richten. Ghostwriter haben es gar noch schwerer. Die große Masse weiß gar nicht, was sie leisten und geschrieben haben. Um einen solchen Schriftsteller dreht sich „Ghost“ von Robert Harris, das Schauspieler Hannes Jaenicke in der Reihe „Die Krimis“ vorliest.

Die Memoiren eines ehemaligen Premiers

Eigentlich hat der Ghost gar nicht so richtig Lust darauf, die Memoiren von Ex-Premierminister Adam Lang zu Ende zu schreiben. Zehn Millionen Vorschuss hat man dem Prominenten geboten, wenn er innerhalb von zwei Jahren ein vollständiges Werk auf den Markt bringt. Als dann der eigentliche Schriftsteller McAra ums Leben kommt, rennt die Zeit davon. Schnell will man sich um Ersatz kümmern und schon dringt der eigentliche Hauptakteur in die Story. Dieser soll ganz seiner Berufung nach keinen Namen tragen. Die Geschichte bekommen wir aber letztlich von ihm geliefert. Er erzählt uns vom Unwohlsein, das in ihm selbst herrscht. Dieses Hin und Her aus Wollen und Nichtwollen und aus Steinen, die man ihm in den Weg rollt, lässt in weiten Teilen des Werkes auch den Leser hinterfragen. Warum darf er nichts am bisherigen Manuskript ändern, warum sind einige Bestandteile unwiderruflich? Weshalb muss er das Werk vor Ort fertigstellen?

Nur eine politische Marionette?

Die Antworten darauf ergeben sich bei der weiteren Recherche. Diese entführt den Ghost in ein Konstrukt aus politischer Berechnung. Es scheint fast so, als sei Lang nur eine Marionette gewesen, die durch andere Personen auf den Posten gehoben wurde. Wie passiv dabei seine eigene Rolle ist, erfährt man erst am Ende. Typisch für den Autor ist auch der offene Ausgang, welcher wieder einmal zu weiteren Spekulationen einlädt. Er gibt zwar eine Richtung vor, in welche diese gehen können. Ein endgültige Auflösung aber bleibt auch dieser packende Thriller von Robert Harris schuldig.

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Michael Tsokos – Der Totenleser

Benjamin Jendro

14.August
2012

Tsokos - Der TotenleserViele Autoren verdanken ihren literarischen Ruhm der Fantasie. Sie spinnen sich die unterschiedlichsten Geschichte zusammen, um Leser für sich zu gewinnen. Einigen gelingt das ganz gut. Die Hand dafür ins Feuer legen möchte ich zwar nicht. Sicher bin ich mir aber dennoch. Jeder dieser Schriftsteller verarbeitet in seinem Werk eigene Erfahrungen, ganz der Fiktion entspringt kein Werk. Immer mehr in den Fokus rücken in den letzten Jahren aber auch die wirklichen Geschichten. Jene, die das reale Leben schreibt und, für die es keine große Fantasie mehr braucht. Insbesondere trifft dies auf Kriminalgeschichte zu. Wir dürfen spannenden Episoden lauschen, die uns Juristen, Polizisten aber auch Mediziner erzählen. Einer von dieser Generation ist Rechtsmediziner Michael Tsokos. Dieser versteht es auch in seinem zweiten Werk „Der Totenleser“ Dinge zu erzählen, die mehr unterhalten als es jedes Gedankengespinst zu erreichen vermag.

Aus dem Herzen der Charité

In Berlin und auch deutschlandweit konnte sich der mittlerweile 45-Jährige einen großen Namen machen. In der Rechtsmedizin führt ohne Frage kein Weg an Tsokos vorbei. Dass dies mittlerweile auch im Genre Krimi der Fall ist, liegt an seinen beiden Werken „Auf der Spur des Todes“ und „Der Totenleser“. In beiden Bänden erzählt der Professor der Humboldt Universität zu Berlin, was ihm so täglich auf den Seziertisch kommt. Dass seine Arbeit mit derjenigen von Hollywood beladenen CSI-Agenten rein gar nichts gemeinsam hat, wird in jeder Sekunde klar. Tsokos schildert Irrtümer, die im Laien durch das Fernsehen entstehen und erklärt die Grundlagen seiner Arbeit. Ohne dabei Langeweile zu erzeugen, zeigt er wie trocken sein Handwerk doch eigentlich ist.

Spektakuläre Fälle

Viel interessanter wirkt hingegen die Darstellung der einzelnen zwölf Fälle. Bei den meisten von ihnen stellt sich letztendlich heraus, dass es sich um einen Suizid handelt. Tsokos lässt auch keinerlei Zweifel daran, dass diese in der Realität bei weitem überwiegen. Manchmal jedoch sind es auch brutale Gewaltverbrechen, die es wert sind, erzählt zu werden. Ein Junge beispielsweise misshandelt ein Mädchen und verscharrt es, um sich anschließend an der Suche nach ihr zu beteiligen. Interessant wirkt auch die Darstellung eines fünfhundert Pfund schweren Leichnams, den man nur per Vorschlaghammer aus der Wohnung bekommt, da die Leichenstarre bereits eingesetzt hat. Zu der einfühlsamen Schilderung und dem Respekt den Opfern gegenüber gesellt sich auch noch die Tatsache, dass einige Geschichten offenbleiben. Um wirklich hinter jeden Fall zu steigen, fehlen uns Menschen die Mittel und so bleibt nach wie vor vieles im Verborgenen. Ein Aspekt, der unsere Fantasie wohlmöglich zur Herausbildung noch finsterer Geschichten anregt.

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Hermann Hesse – Der Steppenwolf

Benjamin Jendro

9.August
2012

An manchen Tagen lohnt es, die Zeit mal ein wenig zurückzudrehen und sich an Vergangenes, große Taten und Ereignisse, zurückzuerinnern. Am heutigen Donnerstag vor exakt 50 Jahren verstarb mit Hermann Hesse eine der schillernsten Figuren der europäischen Literaturgeschichte. Diese wiederum hat selten so einen inhaltsschweren Autoren hervorgebracht wie den besagten aus Baden-Württemberg. Mit zahlreichen Erzählungen machte er auf sich aufmerksam und sorgte dafür, dass bei Beachtung großer deutscher Literaten eben nicht allein die Namen Goethe und Schiller fallen. Zu den ganz großen Stücken zählt neben der indischen Dichtung „Siddharta“ und der Jugendgeschichte „Demian“ auch „Der Steppenwolf“. Dieser verweist wohlgemerkt auf den Autor selbst, der sein Leben lang den individuellen Platz in der globalen Gesellschaft gesucht hat.

Biografische Studie

Die 450 min lange Hörspielfassung von Sprecher Will Quadflieg schafft es vielleicht noch mehr als das bloße Lesen in einem Buch die psychoanalytischen Widersprüche des Werkes zu verdeutlichen. Teil davon ist eine von drei Erzählern geprägte Beschreibung, die sich selbst in drei Teile unterteilt. Nach einer kurzen Einführung mit Blick auf Hauptakteur Harry Haller kommt dieser selbst zu Wort ehe wir im Steppenwolf-Tractat weitere Erkenntnisse über ihn in Erfahrung bringen. Nicht ganz zufällig wirkt die Gemeinsamkeit des Autors und seiner Figur mit Blick auf ihre Initialen. Auch die Liebesgeschichten und der ständige Kampf zwischen Verstand und Trieb scheinen sinnbildlich für Hesse selbst.

Drogenkonsum und sexuelle Fantasien

Ähnlich wie auch bei Nietzsche ist es nicht ungewöhnlich, dass man Hesse für seine fatalistischen Gedanken über eine missratende Gesellschaft kritisiert. Insofern sind seine Erzählungen schwer zu verarbeiten und wirken wie ein Stein in der Kehle, der sich nicht so einfach wegspülen lässt. Haller versucht seinen Frust über das Leben und die Ausgrenzung mit Halluzinogenen und erotischen Fantasien zu bewältigen. Dabei gibt er sich den Spielen der Prostituierten Hermine hin und wirkt mehr als ein Spielball gen als ein Akteur auf einer Welt, die so wenig bereit zu halten vermag.

 

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Rita Falk – Dampfnudelblues

Benjamin Jendro

2.August
2012

Rita Falk DampfnudelbluesBei einigen Werken fällt es immer schwer, sie einer Rubrik zuzuordnen. Bei Rita Falk beispielsweise hat man nie so wirklich eine Ahnung, was die Autorin mit ihrer Reihe um Kommissar Franz Eberhofer so wirklich erreichen möchte. In „Dampfnudelblues“ deuten viele Aspekte auf eine Art Comedy hin, die den Leser versucht mit hübschen Anekdoten zum Lachen zu bewegen. In diese Interpretation passt auch der Sprecher des Hörbuchs Christian Tramitz. Dem entgegen springt das Thema, ein mysteriöser Mordfall, den es aufzuklären gilt und der ein ganzes Dorf in Atem hält. Ein Realschulrektor erscheint nicht zum Unterricht, vor Ort ziert eine böse Botschaft die Szenerie und kurze Zeit später findet man ihn zerteilt auf Bahngleisen.

Bayrische Idylle durch eine Winzigkeit gestört

Eigentlich geht es inmitten des niederbayrischen Niederkaltenkrichen eher gesittet zu. Doch nachdem die Worte „Stirb, Du Sau“ auf einer Rauputzwand zu sehen sind und diese in Verbindung mit dem Verschwinden des Pädagogen Höpfl  gebracht werden, herrscht schon ein gewisser Trubel. Der Lehrer ist zwar keinesfalls beliebt, den Tod wünscht ihm aber wohl niemand. Dass es sich dabei um einen Irrtum handelt, zeigt sein zerteilter Körper auf Bahngleisen. Die Ermittlungen im Mordfall übernimmt wieder einmal der skurrile Franz Eberhofer, den Fans von Rita Falk bereits aus „Winterkartoffelknödel“ kennen. Dieser glänzt mehr mit persönlichen Geschichten als durch erfolgreiche Ermittlungsarbeit.

Das viele Drumherum ist das eigentliche Highlight

Wenngleich der Krimi, als der das Werk deklariert wird, durchaus mit einem mysteriösen Mordfall auf sich aufmerksam macht, sind es doch in erster Linie die Randgeschichten um den Hauptprotagonisten, die für den Unterhaltungswert sorgen. Ein Mord in einem kleinen Provinznest in Bayern ist zwar durchaus einen Blick auf das Geschehen wert. Viel entscheidender scheinen aber Eberhofers Vorliebe für den Leberkäse der liebevollen Oma und das zerrüttete Verhältnis zum Rest der Familie. Erwähnenswert wirkt auch seine Beziehung zu Susi, die ein wenig verändert aus dem Italienurlaub heimkehrt. Selbst, wenn das alles nichts mit dem Mord an Höpfl zu tun hat, wirken diese Nebengeschichten doch systematisch für die Autorin. Sie schafft es so, zahlreiche Leser und auch Zuhörer zu begeistern.

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