...entführen dich in eine andere Welt

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Schmidt und Steinbrück - Zug um ZugWährend für die Christlich Demokratische Union die Kanzlerkandidatin genau genommen schon seit dem Ergebnis der letzten Wahl feststand, gab es beim großen Gegenspieler der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gleich drei Kandidaten. Nachdem Parteichef Gabriel früh seinen Verzicht erklärte und auch das Aushängeschild der vergangenen Wahl, Steinmeier, eine erneute Kandidatur ausschloss, erklärte sich Peer Steinbrück bereit, in die großen Fußstapfen früherer Tage zu treten. Zu denen, die sie hinterlassen haben, muss man in jedem Fall Helmut Schmidt zählen. Dieser regierte nicht nur acht Jahre lang das Land, sondern gilt noch heute als jene Institution, an der sich alle SPD-Politiker messen müssen. In „Zug um Zug“ hat es Steinbrück versucht und Altkanzler Schmidt mit seinen Aussagen komplett überzeugen können.

Nur scheinbar geht es um Schach

Auf der Printausgabe ziert ein Schachfeld das Cover, an dem sich Schmidt und Steinbrück scheinbar duellieren. Dass beide gleichzeitig zur Spielfigur greifen und auch das Feld verdreht ist, sind schon vorab deutliche Indizien dafür, worum es eigentlich geht. Schach steht im Hintergrund. Viel wichtiger ist es, den schon seit langem von Schmidt präferierten Steinbrück in den Fokus zu rücken, dem eher Unbekannten Politiker Format zu verleihen. Genau das fehlte bei vielen Parteigenossen zuletzt, Steinbrück beweist, dass dies nicht mehr lange so sein muss. Um das deutlich darzustellen philosophieren die zwei Sozialdemokraten im Dialog über das Leben und Politik, Probleme und Chancen.

Einer, der zu seinen Aussagen steht

Dadurch, dass Schmidt und Steinbrück selbst geschrieben und die Hörbuchversion persönlich eingesprochen haben, bekommen wir ihre Meinungen aus erster Hand. Diejenigen, die vor allem interessant sind, dürften die des aktuellen Kanzlerkandidaten sein. Dieser hält nichts von fadenscheinigen Aussagen und steht dafür, klar und deutlich die eigene Meinung kundzutun. Dabei kritisiert er vor allem die außenpolitische Rolle der EU und Deutschlands. Warum wurde in Libyen interveniert, in Syrien aber nicht? Warum befürwortete man ein Eingreifen beim Völkermord während des Balkankrieges, blieb im Fall von Ruanda aber tatenloser Zuschauer? Es sind gerade jene Aussagen, die Steinbrück als wirkliche Alternative zu Merkel zeigen. Schmidt unterstützt ihn dahingehend, verweist darauf, dass es schlecht ist immer Ja und Amen zu sagen und erteilt seinem Schützling eine Bestnote nach der anderen.

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Fitzek und Tsokos - AbgeschnittenAn sich halte ich nicht besonders viel davon, wenn sich zwei oder mehrere Autoren daran versuchen, ein gutes Werk aus dem Hut zu zaubern. Insbesondere bei Thrillern finde ich das schwierig, da es doch bei weitem nicht einfach ist, sich spannende Gedanken gemeinsam auszumalen. Der eine Autor hat ein Idee und spinnt sie in seinem Kopf weiter, der andere möchte darin einhaken. Das Problem sind dann aber die Lücken im Konstrukt, die so einem Werk schon einmal im Weg stehen können und für Spannungsverlust sorgen. Bei dem Autorengespann Fitzek und Tsokos muss ich diese Aussage relativieren. Ihre Coproduktion „Abgeschnitten“ ist wirklich ein schauriges Werk, das bis zur letzten Hörminute spannend bleibt.

Wie kommt der Zettel in den Kopf

Als Rechtsmediziner Paul Herzfeld, der unweigerlich an Tsoskos selbst erinnert, eine Leiche auf dem Tisch in der Berliner Gerichtsmedizin zu liegen hat, scheint es ein gewöhnlicher Tag zu sein. Natürlich handelt es sich hierbei um einen arg zugerichteten Körper, aber für ihn gehört auch so etwas zum alltäglichen Geschäft. Der Schrecken ergreift ihn, als er den Kopf des Opfers öffnet und sich in diesem ein Zettel befindet. Darauf steht zu allem Übel die Telefonnummer seiner Tochter, die er natürlich sofort anruft. Es gehört zur Spannungssteigerung, dass sie nicht herangeht. Wenig später steht fest, dass Hannah entführt wurde und auf Herzfeld eine gefährliche Hetzjagd zukommt.

Nächste Leiche in der Abgeschiedenheit

Der nächste Hinweis taucht auf Helgoland auf. Dumm nur, dass sich die Insel im Moment des Erscheinens heftigen Unwettern ausgesetzt sieht und so von der Außenwelt abgeschottet ist. Herzfeld hat keine Chance, die Leiche selbst zu untersuchen. So rennt ihm die Zeit immer mehr davon. Auf der Insel befindet sich Comiczeichnerin Linda, die ihrerseits auf der Flucht vor einem brutalen Exfreund ist. Zwar werkelt sie mit ihren Händen grazil und geschwind, ein Skalpell hatte sie aber noch nie in der Hand. Genau das soll sie jetzt unter telefonischer Anleitung von Herzfeld tun, um das Leben von Hannah zu retten. Besonders beeindruckend ist dieser Thriller, weil Tsokos´ Fachkenntnisse direkt in die Rolle des Hauptakteurs einfließen und dem ohnehin begnadeten Autoren Fitzek ein weiteres Element sehr realistischer Schriftstellerei ermöglichen.

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Günter Grass – Die Blechtrommel

Benjamin Jendro

16.Oktober
2012

Grass - Die BlechtrommelMit Mo Yan wird zum diesjährigen Jahrestag von Alfred Nobel der erste Chinese für sein Land mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Deutschland gelang dieses Kunststück bereits vor gut einhundert Jahren, als Paul Heyse den begehrtesten Schriftstellerpreis einheimsen konnte. Ihm folgten sieben weitere Landsleute, unter anderem mit Günter Grass jemand, der 1999 gewann, „weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat“. Gemeint war damit in erster Linie sein großer Durchbruch „Die Blechtrommel“. Der heutige Hörbuchtipp soll an einen der größten Literaten unserer Tage erinnern, auch, weil dieser heute seinen 85. Geburtstag feiert.

Ein Mann des 20. Jahrhunderts

Es kommt nicht von ungefähr, dass Günter Grass sich in seinen Werken intensiv mit den Geschehnissen seines Lebens beschäftigte. Insbesondere das 20. Jahrhundert hielt für die Menschen eine Reihe an guten und schlechten Augenblicken bereit. Gerade die deutsche Bevölkerung erlebte einen politischen Wandel, der seinesgleichen sucht. Mit gerade einmal 17 Jahren trat Grass damals der Waffen-SS bei. Mit Hitler selbst hatte er nie sympathisiert, die Hitlerjugend empfand er als ungeeignet. Nichtsdestotrotz war er ein Mann seiner Zeit und dieser wurde eben an gewisse Regeln gebunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Grass politisch aktiver und bekam nun auch vermehrt die Chance, die eigenen Ansichten publik zu machen. Kritisch beobachtete er beispielsweise die Entzweiung von Ost und West, noch gravierender ihren ungleichmäßigen Zusammenschluss. Ab den 1950ern dienten ihm auch seine schriftstellerischen Werke zur Meinungsäußerung. In der Danziger Trilogie, deren Auftakt „Die Blechtrommel“ bildete, wird dies mehr als sichtbar. Dort zeigt der Autor die Entwicklung seiner Heimat bis in die Adenauer-Zeit, wobei er mit dem Hauptakteur Oskar Matzerath eine sonderbare Figur in den Fokus stellt, die ihm selbst sehr ähnlich scheint.

Ein Liliputaner und seine Leidenschaft zu trommeln

Bevor besagter Oskar in das Geschehen integriert wird, erfährt der Zuhörer von den Gegebenheiten seiner Herkunft. Wir hören, wie seine Mutter Agnes gezeugt und in was für Verhältnisse sie geboren wird. Schon bei ihrem Schicksal zeigt Grass, in welch brisanter politsicher Situation sich die Menschen befinden. Im Lauf der Geschichte heiratet sie den Hobbykoch Alfred, Oskars Vater. Interessanterweise wurde auch Grass in ein vergleichbares Elternhaus geboren, was deutlich macht, wie sehr er im Werk seine eigenen Erlebnisse und offene Fragen etabliert. Nach einem von ihm herbeigeführten Unfall, wächst der kleine Oskar nicht mehr weiter und wandelt fortan als Liliputaner durch die Tücken des Lebens. Immer mit dabei hat er seine Trommel, von der er sich zu keiner Zeit lösen möchte. In diesem zeigt sich immer mehr der Einfluss, den der Krieg erzielt. So fungiert der Autor, der gleichzeitig zum Leser des 28-stündigen Hörabenteuers geworden ist, auch als ein brillanter Historiker. Dieser zeigt uns die sich wandelnde Gesellschaft bis in die später Nachkriegszeit, bleibt dabei ein Begleiter von Oskar und irgendwie auch immer ein Erzähler, der in jedem Augenblick präsent geblieben ist.

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Elias Canetti – Die Stimmen von Marrakesch

Benjamin Jendro

9.Oktober
2012

Canetti - Die Stimmen von MarrakeschViele Menschen lieben es Geschichten und Eindrücke aus Regionen zu hören, die sich kulturell von den ihnen bekannten unterscheiden. Es ist der mythische Zauber, der von ihnen ausgeht und uns in eine Welt entführt, in der sich unsere Phantasie frei entfalten kann. Bevor Literaturnobelpreisträger Elias Canetti sein wohl größtes Werk, die anthropologische Studie „Masse und Macht“ beenden konnte, musste auch er seinen kulturellen Horizont erweitern. Eine Art Schreibblockade hinderte ihn dabei, die monumentale Schrift fertigzustellen. So begab er sich währenddessen auf eine Reise ins entfernte Marokko, wo er sich nach eigenen Angaben neue Facetten des Menschlichen aneignen wollte. „Die Stimmen von Marrakesch“ sind das Resultat dieser Reise, die vielmehr als einen gewöhnlichen Urlaub darstellen sollte.

Ein Reisebericht, der seinesgleichen sucht

Reiseberichte aus dem Orient bekam man in den vergangenen Jahrhunderten schon des Öfteren vorgesetzt, Canettis Stimmen, die er vor Ort aufnahm und in der Folge versuchte, auf Papier einzufangen, sind aber etwas ganz Besonderes. Canetti, der das Werk selbst eingesprochen hat, beschreibt keine gigantischen Landschaften, keine Tempel, Moscheen oder andere historische Bauten. Viel wichtiger scheinen dem Autor die Laute von Menschen und Tieren, die sich in den meisten Fällen an der Grenze von Leben und Tod befinden. Canetti begleitet eine Kamelkarawane auf ihrem Weg ins Schlachthaus und lauscht einem Esel bei seinen letzten Lauten. Er lässt sich in den Bann eines nach Leben lechzenden Bündels ziehen und erhebt Bettler zu „Heiligen der Wiederholung“.

Orient und Okzident

Wenngleich einige Kritiker Canettis klischeehafte Darstellung kritisieren, versucht der Autor doch lediglich denen Wert zu schenken, die für die Gesellschaft sonst eben keinen haben. Er distanziert sich davon, Sehenswürdigkeiten zu beschreiben oder sie zu besuchen. Statt dem Palast des Sultans will er lieber das einfache Zuhause einer alten Frau sehen. Enttäuscht zeigt er sich überall da, wo man versucht, ihm Bekanntes aufzuzeigen. Canetti will schließlich neue Eindrücke sammeln, Neues auf sich wirken lassen. Sinnbildlich für dieses gewünschte Gefühl ist die Tatsache, dass der Schriftsteller von Weltformat kaum Aufzeichnungen von seiner Reise mit zurück in die Heimat nahm. Sein Werk, das erst mehr als ein Jahrzehnt später zu Papier gebracht wurde, gestaltet sich so als eine bloße Reflektion der eigenen Eindrücke.

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Di Fulvio - Der Junge, der Träume schenkteItalienische Autoren haben ihre ganz eigene Art, zu unterhalten. In den seltensten Fällen ist man sich beim Lesen der letzten Seite oder Hören der letzten Zeilen wirklich im Klaren darüber, was die ganze Zeit davor nun wirklich erzählt wurde. Der Römer Luca Di Fulvio ist ein Paradebeispiel dafür. Nach dem Lesen von „Inkubus“ habe ich mich wirklich gefragt, was er damit genau berichten wollte. Er scheint mir ein wenig überzogen bei der Darstellung von Strafhandlungen und dem Sexualverhalten der Menschen, auf der anderen Seite kontrastieren das dann weiche Momente, so dass man sich ernsthaft fragt, wie das zusammenpasst. Er erinnert in diesem Sinn ein wenig an Pier Paolo Pasolini, der ebenfalls nicht so leicht zugänglich war und bei dessen Werken man nur spärlich den roten Faden entdeckte. „Der Junge, der Träume schenkte“ von Di Fulvio sorgte im vergangenen Jahr nichtsdestotrotz für reichlich Aufsehen, die Hörbuchvariante von Timmo Niesner ist in jedem Fall zu empfehlen.

Der Traum im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Knapp 800 Seiten umfasst das gute Stück, gute siebeneinhalb Stunden dauert auch das Hörspiel. Beides jedoch wirkt zu keiner Zeit langatmig, die enge Szenenstruktur schafft ein gesundes Maß an Spannung. Nicht zu übersehen ist dabei jedoch die bereits angesprochene, sehr konfus wirkende Zusammenstellung der verschiedenen Elemente. Di Fulvio beginnt mit der Darstellung einer Mutter, die im frühen 20. Jahrhundert einen Sohn zur Welt bringt, der die Folge einer Vergewaltigung ist. Um sich selbst und dem Nachkömmling eine bessere Zukunft in Aussicht zu stellen, reisen sie in die Vereinigten Staaten von Amerika. Nach dieser kurzen Einführung beginnt dort die wahre Geschichte, in der Natale oder besser Christmas, wie man ihn nach der Einreise nennt, sich zunehmend in den Vordergrund drängt. Wir begleiten ihn in seiner Jugendphase, in der er sich Respekt erarbeitet und die eigene Klugheit zu nutzen versteht.

Kleiner Junge mit großer Bedeutung

In der Lower East Side, wo viele Menschen in Armut leben und sich durch kleinkriminelle Handlungen über Wasser halten, regiert das Gesetz der Straße. Christmas erkennt das ziemlich schnell und versucht sich selbst bestmöglich durchzuschlagen. Dabei stellt er sich als bedeutend dar, erfindet Verbindungen zu den großen Mafiosi der Stadt und beweist in den richtigen Situationen das richtige Gespür. Nachdem er ein junges Mädchen vor dem sicheren Tod bewahrt und sich folglich unsterblich in sie verliebt, verschiebt sich der Schwerpunkt des Autors. Das sorgt dafür, dass neben der Gangstergeschichte nun auch eine Liebesgeschichte erzählt wird und der Zuhörer des Öfteren verwirrt zurückgelassen wird. Doch Di Fulvio holt ihn immer wieder schnell in die Geschichte herein und hinterlässt so ein beeindruckendes Werk, wenngleich ich mir noch immer nicht so wirklich sicher bin, was er damit genau erzählen will.

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