...entführen dich in eine andere Welt

Impressum Kontakt

Marc-Uwe Kling – Die Känguru-Chroniken

Benjamin Jendro

27.Dezember
2012

Kling - Die Känguru-ChronikenDie lange Vorweihnachtszeit zu Ende des Jahres zielt ja stets auf eine besagte Phase hin, die für drei Tage familiäres Miteinander steht. Monatelang bereiten sich sämtliche Geschäfte auf dieses Ereignis vor. Indem wir Geschenke aussuchen, Plätzchen backen und die Wohnung schmücken, verfallen wir diesem Gestus ebenfalls. Das Fest der Liebe dient dann von Heiligabend bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag auch immer dazu, sich untereinander auszutauschen, über neue Erkenntnisse und Interessen. Bei mir gibt es da beispielsweise jemanden, der mich schon vor einigen Jahren mal auf den amüsanten Autor Marc-Uwe Kling gebracht hat. Zu diesem Weihnachten gab es dann schließlich die Audioversion seines ersten Werkes „Die Känguru-Chroniken“ zu hören.

Ein Känguru in einer Berliner Wohnung

So gesehen ist es nicht mein erster Kontakt mit dem Berliner Kabarettisten. Schon vom Folgewerk „Das Känguru-Manifest“ wurde mir erzählt, ich verschlang es anschließend und schaltete auch immer mal wieder das Radio ein, in welchem der ehemalige Philosophiestudent zur Unterhaltung einlud. Worüber Kling mit seinem tierischen Partner debattiert, lässt sich gar nicht so leicht zusammenfassen. Es geht um die Zeit und Ansichten des Herrn Marx, doch auch um die RAF oder aber Idol Bertolt Brecht. Es geht um Drogen, Shoppingwahn und das alltägliche Leben in der Berliner Szene. Kurz gesagt geht es um „Gott und die Welt“ beziehungsweise um alles, über was es sich für Kleinkünstler Kling und seinen Mitbewohner, ein Känguru, zu debattieren lohnt.

Preisgekrönte Kurzgeschichten

Der große Vorteil, den das Werk mit sich bringt, liegt in der Struktur des Besprochenen. Die gut fünf Stunden, die der Autor selbst eingesprochen hat, enthalten mehr als 80 Kurzgeschichten, die allesamt als Anstoß zu sehen sind. Weder kann man die Aussagen des aggressiven, kiffenden Kängurus, das für die Rockgruppe Nirvana und Gammeln auf der Couch steht, allzu ernst nehmen, noch sollte man dies mit den Reaktionen des menschlichen Gegenübers tun. Erwarten kann das Kling ohnehin nicht. Vielmehr scheint es ihm drum zu gehen, den Menschen ihre Welt mal aus einer anderen Perspektive zu zeigen.

0

Raymond Khoury – Scriptum

Benjamin Jendro

20.Dezember
2012

Khoury - ScriptumErst vor knapp zwei Wochen sprach ich an dieser Stelle über ein Werk, in dem man die einzelnen Geheimgesellschaften zu Haufe vorgeführt bekam. Einer der Punkte, die Ecos Schrift letztlich so beeindruckend machte, ist die Tatsache, dass man als Leser oder Zuhörer nie so richtig einschätzen konnte, ob der Autor wirklich ein Fan oder aber Kritiker des Mysterythrillers ist. So sehr ich den Italiener auch für seine literarischen Fähigkeiten bewundere, so begeistert bin ich auch von den Darstellungen Khourys, der sich ebenfalls mit der Materie des Templerwesens auseinandersetzte. Während aktuell sein neues Buch „Memoria“ für Furore sorgt, war meine erste Leseerfahrung mit dem Libanesen der Thriller „Scriptum“, eine echt gelungene Templergeschichte.

Vier Tempelritter im modernen New York

Geschichte spielt immer eine Rolle. Selbst im 21. Jahrhundert sind wir noch fasziniert von den Artefakten früherer Tage, vielleicht sogar etwas mehr als von den heutigen technischen Errungenschaften. Ein wahrer Hype geht zu Beginn des Werkes von einer New Yorker Ausstellung aus. Auf dieser werden unter anderem Gegenstände und Zeugnisse der Kreuzzüge sowie des berühmtberüchtigten Templerordens gezeigt. Unter den Gästen ist auch Archäologin Tess Chaykin, die ihren Augen nicht traut, als vier Reiter in Templertracht das Museum stürmen und die Schaukästen kurz und klein schlagen. Das Einzige unter all den Kostbarkeiten, was sie zu interessieren scheint, ist ein mysteriöses Kästchen, das sie folglich an sich nehmen.

Geschichte verbindet die Welt

Besagte Archäologin ist eine der Hauptpersonen in Khourys Werk, welches von Heikko Deutschmann klar und unterhaltsam vorgetragen wird. Die zweite wichtige Größe ist FBI-Agent Sean Reilly, der nach dem Vorfall die Untersuchungen leitet. Nachdem sie sich am Tatort nur flüchtig wahrnahmen, kommen die Beiden in der Folge ziemlich schnell in Kontakt und werden zu absoluten Schlüsselfiguren. Diese reisen um den ganzen Globus und kommen einem uralten Geheiminis auf die Spur, das einer Jahrtausende alten Glaubensrichtung die Stützpfosten zertrümmern könnte. Khoury Genialität besteht darin, dass er durch Rückblenden in die Zeit der Templer immer mehr Informationen für den Leser freilegt, denen sich Tess und Sean erst nach und nach nähern können.

0

Yann Martel – Schiffbruch mit Tiger

Benjamin Jendro

11.Dezember
2012

Schiffbruch mit TigerEs ist wohl der Traum eines jeden Tierliebhabers, einmal selbst eine eigne Arche im Stile Noahs zu besitzen. Von jeder Tierart hätte man dann zwei Exemplare. Die Auswahl, wessen Nähe man genießen möchte, obliegt jedem selbst. Der Inder Piscine Molitor Patel, auch Pi genannt, gelangt in „Schiffbruch mit Tiger“ zumindest in eine vergleichbare Situation, wenngleich sich seine Arche als nicht ganz so stabil herausstellt. Seine Familie beschließt mit dem gesamten Inventar eines gut gefüllten Zoos nach Kanada auszuwandern. Auf der Reise jedoch sinkt der japanische Frachter und mit ihm der überwiegende Teil der Fracht. Pi überlebt und reist fortan mit tierischen Begleitern durch den Ozean.

Ein Vegetarier und ein Fleischfresser

Derzeit darf man die Geschichte des Kanadiers Martel ja auch im Kino bewundern, bei der Hörbuchfassung aber kann man sich noch viel besser in die Situation und das Denken Pis hineinversetzen, gar seine Ängste mitfühlen. Leser Ilja Richter vermittelt uns das Geschehen eindrucksvoll und erzählt davon, wie sich der Protagonist auf einem Rettungsboot mit Zebra, Orang-Utan, Hyäne und einem Tiger wiederfindet. Weil sich das größte Raubtier, das auf den Namen Richard Parker reagiert, anfangs noch ein wenig seekrank fühlt, frisst die Hyäne zunächst das Zebra und dann den Orang-Utan. An die neue Situation gewöhnt, tritt Richard Parker in Aktion und verspeist den unterlegenen Gegner. Pi jedoch verschont er und akzeptiert ihn als gleichberechtigten Reisegefährten, wohl auch, weil dieser ihn täglich mit geangeltem Fisch versorgt und selbst Vegetarier ist.

Zwei Reisende und jede Menge Abenteuer

Es vergehen Monate, in denen Pi und sein Tiger über das Wasser gleiten. Zwischendurch begegnen sie einem anderen Schiffbrüchigen, der schon einmal gemordet hat. Als er auf das Boot der Beiden steigt und Pi angreift, tötet Richard Parker ihn. Sie landen auf einer Insel, auf welcher der Junge sich von Algen ernährt, die er später als fleischfressende Varianten kennenlernt. Zu den Bewohnern zählen lediglich eine große Reihe an Erdmännchen, die des Tigers Gaumen erfreuen. Nachdem sie die Insel verlassen, werden sie an die mexikanische Küste gespült, wo der Tiger für immer im Dschungel verschwindet und Pi seine Geschichte erzählt. Diese wird ihm nicht geglaubt, wodurch er eine erfindet, die nicht gerade mehr Akzeptanz erhält. So schließt Martel mit einem Fazit zwischen den Zeilen, welches dazu neigt, der Fantasie keine Grenzen zu setzen.

0

Umberto Eco – Das Foucaultsche Pendel

Benjamin Jendro

4.Dezember
2012

Eco - Das Foucaultsche PendelMit Thrillern ist das immer so eine Sache. Irgendwie gibt es kaum ein literarisches Konstrukt, das als Thriller deklariert wird und dann nicht zu fesseln weiß. Auch, wenn sie sich in ihrer Qualität, der Gestaltung der Szenerie und auch derjenigen der einzelnen Akteure, arg unterscheiden können, legt man einen Thriller nach dem Beginn nur selten zur Seite. Woran das genau liegt, kann man gar nicht so recht sagen. Sind wir wohl erst einmal Zeuge eines Vorfalls, wollen wir auch sehen oder hören, wie dieser ausgeht. Ganz egal, wie unrealistisch oder einfach das Ende auch sein mag. Einen der größten Thriller aller Zeiten möchte ich heute als Hörbuch ans Herz legen. Zwar kann es bei den gut dreieinhalb Stunden durch das Übermaß an Begriffen und Institutionen schon mal ein wenig unübersichtlich werden – „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco muss man aber definitiv mal gehört haben.

Es beginnt mit den Templern

Ausgangspunkt für die folgende Geschichte ist eine Dissertation über die Templer, die der junge Casaubon in den siebziger Jahren in Italien abgeben möchte. Nach der dort zentralen Theorie kam es im 14. Jahrhundert keinesfalls zum Untergang des einst so mächtigen Ritterordens. Vielmehr habe er diesen selbst inszeniert und sich stattdessen in kleinere Gruppen aufgeteilt, um in der Moderne mittels unschätzbarem Wissen die Weltherrschaft zu übernehmen. Unter anderem integriert der stets intertextuell arbeitende Umberto Eco dort Thesen zum Mysterium des Heiligen Gral. Casaubon stößt auf die Lektoren Jacopo Belbo und Diotallevi, die sein Manuskript anfangs für komplett wertlos halten. In der Folge aber entwickeln sie ein großes Interesse. Gemeinsam spinnen die drei eine Verschwörungstheorie zusammen, die neben den Templern auch weitere Gesellschaften beinhaltet, zu denen es die verschiedensten Spekulationen gibt. Rosenkreuzer, Freimaurer, Kabbalisten, Illuminaten, Assassinen und Die Weisen von Zion werden so einfach alle in einen Topf geworfen.

Wenn eine Theorie gefährlich wird

Allein die Hirngespinste der Drei beinhalten schon einen gigantischen Unterhaltungswert. Noch spannender aber wird es, als jemand den Freunden an den Kragen will. Womöglich hängt das mit den aufgestellten Theoremen zusammen, vielleicht sind es die Templer selbst, die ihr Geheimnis wahren wollen. Eigentlich sollten diese bereits 1944 zurück an die Herrschaft gelangen, irgendetwas aber muss die Pläne verändert haben. So schlummern sie noch immer im Verborgenen, zumindest, wenn es nach Casaubon geht. Interessanterweise, und da unterscheidet sich Eco von Dan Brown und alles, was nach ihm kommt, bewahrheitet sich die Verschwörung nicht. Sie spielt mehr auf die fiktive Möglichkeit an und kann aus diesem Grund auch als Parodie auf alle Verschwörungstheorien der Neuzeit interpretiert werden. So oder so aber ist es eine Lektüre, die mit Blick auf Geheimbünde und Mystik zum absoluten Lehrwerk avanciert. Die einzelnen Details zu den Gegebenheiten zeigen einmal mehr, welche Hintergrundwissen der italienische Autor mit ins Spiel bringt.

0