...entführen dich in eine andere Welt

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Evers - Wäre ich Du, würde ich mich liebenMan soll ja ein abgelaufenes Kalenderjahr immer mit etwas Positivem abschließen, damit letztlich auch gut ins neue gestartet werden kann. Dies gilt selbstverständlich auch für den kulturellen Bereich. Aus diesem Grund soll im heutigen Beitrag nicht alles ganz so ernst genommen und stattdessen besser mal ein wenig gelacht werden. Lauscht man den 350 Minuten pure Unterhaltung des Berliners Horst Evers, wird man aus der Erheiterung gar nicht mehr herauskommen. Zu lustig charakterisieren sich seine 65 Tracks, die vor Anekdoten und Neologismen nur so strotzen. Evers philosophiert in Wäre ich Du, würde ich mich lieben über verschiedene Elemente unseres Lebens, vor allem auch über dieses selbst.

Horst Evers – Ein Studienabbrecher mit Unterhaltungstalent

Germanistik und Sozialkunde hat der heute 46-jährige Kabarettist an der Freien Universität zu Berlin studiert. Ein Abschluss findet sich nicht in seiner Vita. Das scheint aber kein Muss, um erfolgreich mit Worten unterhalten zu können. Mehrfach schon hat Horst Evers das bewiesen, in „Für Eile fehlt mir die Zeit“ und „Der König von Berlin“. Dementsprechend zuverlässig entführt er uns auch jetzt wieder in seine Gedanken über die mehr oder weniger normalen Sachen unserer Welt. Themen wie die Pünktlichkeit bei der Deutschen Bahn und die Zuverlässigkeit beim Bau des Hauptstadtflughafen werden angesprochen und ausgeführt, teilweise karikiert, dies aber stets mit Stil.

Horst Evers – Ein Erzähler, der einem nichts aufzwingt

So sehr Horst Evers seine Leser und Zuhörer auch mit auf die Reise nimmt, so wenig versucht er ihnen etwas aufzuzwingen. Es steckt halt auch bei der noch so übertriebenen Ausformung der eigenen Gedanken immer noch ein Funke Wahrheit verborgen, durch den wir ihm und seinen Ansichten irgendwie immer zustimmen müssen. Ohne Frage ist die elektronische Zahnbürste eine tolle Erfindung, ein sich selbst ausleerende Mülleimer wäre aber definitiv auch eine langjährige Forschung wert. Es sind die banalen Phänomene des Alltags, die Evers in „Wäre ich Du, würde ich mich lieben“ interessieren und die er auf komische Art und Weise problematisiert.

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George Orwell – 1984

Benjamin Jendro

23.Dezember
2013

Orwell - 1984In der vergangenen Woche ging es hier um Jonas Jonasson. Der Schwede ist zurzeit einer der angesagten Literaten, weil er es schafft, mit interessanten Abenteuergeschichten den Literaturfan zu unterhalten. Sicher ist es nicht, aber zumindest im Bereich des Möglichen, dass man über Jonasson auch noch in sechs Jahrzehnten spricht. Dann hätte er eine Nachwirkung erzielt wie George Orwell, um dessen viel zitiertes Meisterwerk es heute gehen soll. Der Brite, der eigentlich Eric Arthur Blair heißt, hat genau genommen zwei große Stücke geschrieben – „Farm der Tiere“ und „1984“. Allein die Tatsache, dass der japanische Dauerkandidat auf den Literaturnobelpreis, Haruki Murakami, Letzteres in neuem Deckmantel veröffentlicht und in „1Q84“ darum auch kein Geheimnis macht, zeigt die große Wirkung, die noch heute von Orwell ausgeht.

Die Kontrolle ist alles

1948 hat George Orwell sein Werk fertiggestellt. Mittels cleverer Zahlendreherei ist als Titel schließlich „1984“ herausgesprungen. Wer die Geschichte nicht gelesen oder gehört hat, wird über den Inhalt nur spekulieren können und schließlich erschaudern, sobald er mitbekommt, worum es geht. In „1984“ wird durch Hörbuchstimme Sebastian Rudolph ein perfider Staatsapparat vorgestellt, dessen einzelne Zahnräder perfekt ineinandergreifen und in welchem einzelne Institutionen engmaschig angelegt sind. Sie dienen der kompletten Überwachung der einzelnen Bürger, die nicht einmal normal fernsehen können, weil die Teleschirme ebenso als Überwachung aus der anderen Richtung genutzt werden können. Der „Große Bruder“, der die Parteielite führt, gibt vor, was man sieht, wann man Spot treibt und was man denkt. Wer sich hinter dem Synonym versteckt, weiß niemand. Nur ist ein Hinterfragen nicht gerade ungefährlich.

Beängstigendes, zeitloses Szenario

„1984“ spielt mit uns, weil Orwell trotz aller Kritik nicht wirklich darlegt, wo Fiktion aufhört und Realität beginnt. Das Thema Überwachungsstatt ist nicht erst im Jahr 2013 in den Fokus geraten. Ebenso bedeutsam wie das Gesamtkonstrukt sind auch die im Staat unterdrückten Einzelschicksale. Ehen sind arrangiert, die Jugend wird bereits in jungen Jahren für die Interessen der Obermacht gewonnen und so mancher Jüngling verrät seine Eltern. Die Strafen sind drakonisch, teilweise schon für winzige Fehler, so genannte Gedankenexperimente, denen die Gedankenpolizei auf die Schliche kommt. Zum geordneten Ablauf tragen auch die einzelnen Ministerien bei. In einem davon sitzt Hauptfigur Winston Smith, aus dessen Sicht wir alles beobachten. Im „Ministerium für Wahrheit“ sorgt er dafür, dass sich historische Ereignisse und Aussagen mit der derzeitigen Richtung der Partei decken. Zwar liegt sein Posten im erweiterten Kreis und so ist er Teil des Konstruktes, konform mit ihm ist er aber nicht. Smith will die Verhältnisse ändern, geht eine verbotene Liebschaft ein und will Kontakt mit dem Untergrund aufnehmen. Es stellt sich nur die Frage, wie viel Potenzial darin zu finden ist.

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Jonasson - Die Analphabetin, die rechnen konnteWir nähern uns dem Jahresende und damit ist auch verbunden, dass es draußen kälter wird. Das ist eigentlich nicht so schön, zumindest nicht für all jene, die den Sommer lieben. Auch für diese aber hat der Winter seine Vorteile. Einer liegt darin begründet, dass wir mehr Zeit bekommen, um uns hochwertiger Literatur zu widmen. Unter der Kuscheldecke auf der heimischen Couch können wir da bei Kerzenschein und Räucherstäbchen entweder selbst die Seiten umblättern, es auf digitalem Format per Knopfdruck tun oder aber einem Hörbuch lauschen und sich von einem gefühlvollen Roman berieseln lassen.  Bei Jonas Jonassons „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ ist das besonders gut möglich. Die Geschichte um eine kleines afrikanisches Mädchen, das über besondere Fähigkeiten verfügt, ist unterhaltsam und arbeitet mit emotionaler Tiefe.

„Die Analphabetin, die rechnen konnte“, stammt aus den Slums

Nombeko Mayeki heißt „Die Analphabetin, die rechnen konnte“. Sie ist ein typisches afrikanisches Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen. Hat uns Jonasson in „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ noch die traumhafte Landschaft Schwedens gezeigt, entführt er uns nun in eine Welt, in der mehr Elend herrscht als die Meisten vertragen werden. Gerade auf den ersten Seiten kommt die einfühlsame Leseweise von Sprecherin Katharina Thalbach gut zur Geltung. Nombeko hat bereits viele Rückschläge hinnehmen müssen. Mit fünf geht sie erstmals arbeiten, mit zehn wird sie Waise, mit fünfzehn verliert sie beinahe das Leben. Wie viele ihrer Landsleute kann sie weder lesen noch schreiben. Ihr Talent aber liegt in hochwertigen Rechenkünsten, ist sie doch „Die Analphabetin, die rechnen konnte“.

„Die Analphabetin, die rechnen konnte“, erobert die Welt

Hat man zunächst das Gefühl, dass ihr sagenhaftes Talent unbeachtet bleibt, erobert „Die Analphabetin, die rechnen konnte“, schnell die politische Weltbühne. Nombeko gerät in ein System, in welchem sie mit Geheimagenten und hochdekorierten Wissenschaftlern kommuniziert. Dabei geht es um nukleare Sprengköpfe und die Interessen einzelner Machthaber. Im Moment, in welchem ihr alles zu viel wird, versucht sie sich in Schweden zur Ruhe zu setzen. Auch im beschaulichen Skandinavien aber möchte der Trubel des Lebens nicht aufhören.

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Dieter Nuhr – Nuhr ein Traum

Benjamin Jendro

10.Dezember
2013

Nuhr - Nuhr ein TraumDieter Nuhr zählt zu den ganz großen Comedians unseres Landes. Vollkommen zurecht, wie der Blogautor meint. Seine Witze mögen nicht immer auf den ersten Blick lustig sein, auf den zweiten spätestens aber sind sie es. Dieter Nuhr schafft es, seine Anekdoten geschickt zu verpacken. Eben so, dass man zunächst einmal etwas reflektieren muss, bevor die Lachmuskeln ins Zucken geraten. Nuhr ein Traum ist nicht sein erstes Hörbuch, der Mann hat bereits des Öfteren Platz in den Bestsellerlisten genommen. Der Live-Mitschnitt seines Bühnenprogramms aber hebt den Comedian Nuhr auf einen noch höher einzustufenden Level.

Ist unser Leben „Nuhr ein Traum“?

Dass wir Menschen gerne träumen, ist an sich keine besonders bemerkenswerte Erkenntnis. Die Fragen, die sich Nuhr für seine neuen Gags gestellt hat, sind aber tiefgreifender. Was ist, wenn wir generell nichts anderes mehr machen als zu träumen? Was ist, wenn wir träumen anstatt zu leben und die Traumwelt als Realität hinnehmen? Betrügen wir uns in unserem alltäglichen Leben nicht immer wieder neu, weil wir Sachen hinnehmen, die uns vorgegaukelt werden, obwohl sie gar nicht real sind? Na ja so ganz unreal ist das nicht. Schließlich weiß man bei der täglich gigantisch erscheinenden Nachrichtenflut im Internet ja gar nicht mehr so wirklich zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.

Nuhr ein Traum – 70 Minuten Unterhaltung pur

70 Minuten dauert das von Nuhr vorgetragene Programm. In diesem geht es um vieles, eigentlich um alles, was die heutige Gesellschaft so interessiert. „Nuhr ein Traum“ erzählt Geschichten über Religion, über das Zölibat, Jesus und die Zeugen Jehovas. Auch Demokratie und Weltpolitik an sich werden komisch abgehandelt. Nuhr spricht auch über innovative Fortbewegungsmittel, über das Schuldenmachen und Handystrahlung. Er redet über Angela Merkel und Jogi Löw, über Österreicher und den Schlimmsten von ihnen, der je einen Fuß nach Deutschland gesetzt hat. Das Leben an sich muss reflektiert werden und mit ihm Themen wie Ernährung, Freundschaft, Liebe und Tod. Komprimiert in 70 Minuten ist das durchaus hörenswert.

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Joseph Roth – Hiob

Benjamin Jendro

3.Dezember
2013

Roth - HiobFatal wäre es, wenn wir uns als literarisch Bewanderte lediglich jenen Werken widmen, die zur Zeit unserer Erfahrungen publiziert oder wie in diesem Fall vertont werden. Als Mensch ist man –  vollkommen gleich, in welcher Zeit man geboren wird – immer an Faktoren der Menschheitsgeschichte gebunden. Wir müssen uns mit dem auseinandersetzen, was passiert ist, selbst, wenn wir zu dieser Zeit nicht mal ein Gedanke waren, geschweige denn einen entwickeln konnten. Das Wissen über vergangene Generationen und Jahrhunderte wird uns am ehesten über literarische Erzeugnisse vermittelt. Joseph Roths „Hiob ist so ein Zeugnis, dem man Beachtung schenken sollte. Es lehrt uns viel über das, was einmal war.

Hiob – nicht ganz zufällig Titel des Werkes

Joseph Roths Wurzeln sind jüdisch, dementsprechend wird auch sein Schreiben bestimmt. 1894 in Ostgalizien geboren, erlebte er das dunkelste Kapitel des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib. „Hiob“ scheint so ohne Frage ein passender Titel, auch wenn man selbst noch nicht weiß, wofür der Titelheld des gleichnamigen Buches aus dem Alten Testament hier Sinnbild steht. Erzählt wird die Geschichte von Mendel Singer und seiner Familie. Gottesfürchtig und wahnsinnig fromm kommt Roths „Hiob“ allen Pflichten des Lebens nach und wird doch vom Allmächtigen großen Prüfungen unterzogen. Einen Sohn verliert er ans Militär, den zweiten an Amerika. Der dritte ist schwer krank und behindert mit seiner Epilepsie die familiäre Erfüllung, nach der alle Beteiligten lechzen.

Hiob – Hoffnung kommt von einer Seite, aus der man sie nicht erwartet

Nachdem Mendel und die noch verbliebenen Familienmitglieder (Frau Deborah und Tochter Mirjam) dem Sohn Schemarjah, der sich nun Sam nennt, nach Amerika folgen, um dort ein neues Leben zu beginnen, keimt Hoffnung auf. Vielversprechend scheint nicht nur dessen neu aufgebaute Existenz, sondern auch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Allerdings schwingt immer das schlechte Gewissen mit, den kranken Menuchim in der Heimat zurückgelassen zu haben. Die Jahre vegetieren so vor sich hin, die Familie bricht nach und nach auseinander, so dass schlussendlich nur noch Mendel übrigbleibt. „Hiob“ schließt mit der Ankunft eines berühmten Musikers, der aus dem gleichen Heimatdorf wie Mendel stammt und den alten Mann heimsucht. Vielleicht besteht für „Hiob“ ja doch eine Möglichkeit, das Leben mit einem zufriedenen Lächeln zu beenden.

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