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Karin Slaughter – Pretty Girls

Benjamin Jendro

27.November
2015

Slaughter - Pretty GirlsKarin Slaughter ist eine absolute Ausnahme in der Literatur. Ich habe bisher keine andere Schriftstellerin zugehört, die derart brutale Szenarien in Worte fassen kann. Die ehemalige Werbetexterin, die in einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Georgia aufgewachsen ist und mit heute 44 Jahren eine der erfolgreichsten Autorinnen unserer Zeit darstellt, hat die Erfahrungen, die als Heranwachsende gesammelt hat, in ihre Werke einfließen lassen. „Pretty Girls“ ist wieder so ein Stück, das letztlich auf ihre Heimat, die punktuell mit großer Kriminalitätsrate aufwarten kann, zurückgeht. Es ist die Geschichte zweier Schwestern, die sich unterschiedlich entwickelt, gar voneinander entfernt haben und die durch einen grausamen Vorfall mit einem Schicksalsschlag aus der Vergangenheit konfrontiert werden.

Pretty Girls ist eigentlich die Geschichte dreier Schwestern

Claire ist entsetzt, als sie mit dem plötzlichen Tod ihres Ehemanns konfrontiert wird. Er wurde umgebracht. Doch nicht nur der herbe Verlust lässt sie fast verzweifeln, sondern auch ein sonderbarer Fund. Im Nachlass ihres Liebsten entdeckt sie Videomaterial. Auf diesem sind grauenhafte Morde zu sehen, eines der Opfer kommt Claire bekannt vor. Es ist ihre Schwester Julia, die mit 19 Jahren entführt wurde. Zwanzig Jahre später hat sie das eigentlich ganz gut verarbeitet, sich zu einer glamourösen Dame entwickelt, sie ist millionenschwer. Ganz anders ihre Schwester Lydia, die alleinerziehend ist, sich mit einem Ex-Häftling eingelassen hat. Die beiden sind komplett verschieden, müssen aber jetzt durch den brisanten Fund wieder zueinander finden.

Slaughter mal wieder in Höchstform

Die weiblichen Kollegen zollen Karin Slaughter für ihre Schreibart seit Jahren großen Respekt und auch die männliche Schreiberschaft zeigt sich stets fasziniert von ihren äußert grausamen Darstellungen. „Pretty Girls“ macht da keine Ausnahme. Was Sprecherin Nina Petri da in den 450 Hörbuchminuten vorträgt, lässt einen schon mal das Blut in den Adern gefrieren. Die Geschichte beginnt im März 1991. Besagte Julia geht auf eine Party. Es wird ihre letzte sein, denn sie kehrt niemals wieder zurück. Für die Ermittler scheint schnell klar, dass sie Opfer eines Gewaltverbrechens geworden sein muss. Was aber genau geschehen ist, weiß niemand. Die Ermittlungen verlaufen im Sand, eine Leiche wird nie gefunden. Das Video, das Claire schließlich entdeckt, wirbelt den Fall neu auf und lässt die beiden Hauptprotagnisten tief in einen Sog fallen, der sich durch die Konfrontation mit der Vergangenheit weit öffnet.

 

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krone_des_schaefersDie magisch begabte Tiffany Weh hatte 2003 in dem Märchen „Kleine freie Männer“ ihren ersten Auftritt in der Scheibenwelt. Der im März verstorbene Terry Pratchett fand an diesem Charakter so sehr gefallen, dass bald drei weitere Bände mit der Nachwuchs-Hexe folgten und nun sogar sein letzter Scheibenwelt-Roman „Die Krone des Schäfers“ der Schülerin von Oma Wetterwachs gewidmet ist. Der schon lange erkrankte Fantasy-Autor muss gespürt haben, dass dies vermutlich sein letzter Roman wird, denn – zumindest für die Hexen-Reihe – ist dieser Band ganz klar als Abschluss konzipiert.

Über den Inhalt sollte hier deshalb geschwiegen werden, nur so viel sei verraten: Die Elfen (bekannt aus dem Hexen-Roman „Lords und Ladies“) wollen wieder in die Scheibenwelt eindringen, und die Hexen von Lancre und aus dem Kreideland müssen sich zusammenraufen, um die Invasion im Keim zu ersticken. Es gibt ein Wiedersehen mit allen bekannten und über die Jahre liebgewonnenen Hexen-Charakteren – u.a. Königin Magrat, Agnes Nitt, Frau Prust, Frau Tick, und selbstverständlich Nanny Ogg und Oma Wetterwachs – und natürlich den rauflustigen Wir-sind-die-Größten, die Tiffany wie immer zur Seite stehen. Entwicklungen aus den letzten Romanen – die Emanzipation der Goblins, der Ausbau des Eisenbahnnetzes – baut Pratchett geschickt in die Handlung ein. Mag manches Kapitel unvollständig wirken und v.a. die Entwicklung im letzten Teil des Hörbuchs zu schnell vorangehen: Es gibt keine großen Lücken in diesem unvollendeten Werk und es ist ein Genuss, ein letztes Mal Pratchetts unvergleichlichen Stil zu genießen.

Etwas enttäuscht war ich zunächst, dass Boris Aljinovic, der alle bisherigen Tiffany-Romane gelesen hatte, nicht mehr als Sprecher dabei ist. Aber Volker Niederfahrenhorst macht seine Sache in dieser ungekürzten Lesung sehr gut. Auch ihm gelingt es, Pratchetts Sprachwitz zu übertragen und allen Figuren auf wundervolle Art und Weise Leben einzuhauchen.

Ein schöner, leider letzter fantasievoller Ausflug in die Scheibenwelt!

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Jaud - Einen Scheiß muss ichEin Typ wie Sean Brummel ist ja schon von seinem Namen her jemand, dem das Verhalten praktisch in die Wiege gelegt wird. Tommy Jauds erfundene Persönlichkeit mit besagtem Namen ist aber auch jemand, der dem in seiner Lebensführung absolut gerecht wird. „Sean Brummel: Einen Scheiß muss ich“ ist dann so gesehen auch noch der perfekte Titel für ein Hörbuch, in dem es letztlich um nichts anderes geht als die Akzeptanz des Individuellen. Mit der gewohnten, komischen Art hat der mehrfach prämierte Bestsellerautor und Schreiberling für diverse Fernsehsendungen da mal wieder was für unser Zwerchfell ausgepackt.

Einen Scheiß muss ich – nur Spaß haben muss ich

Mangelnde Faulheit soll zu Burnout führen. So zumindest lautet die Theorie. US-Bestsellerautor Sean Brummel, der sich darüber Gedanken gemacht hat, sieht das alles ein wenig anders. Er hinterfragt die Hypothese, hinterfragt den Wahn abnehmen zu müssen, die chronische Aufräumlust und das zwanghafte ökologisch korrekte Verhalten. Sein Fazit ist klar: Wir müssen nicht herausgehen, nur weil die Sonne scheint oder im Job Karriere machen. „Einen Scheiß muss ich“. Niemand geht zugrunde, weil er kein Tageslicht sieht. Stattdessen fehlt es den Menschen in erster Linie an Spaß. Genau dafür tritt Sean Brummel, hinter dem sich natürlich Autor Tommy Jaud selbst versteckt, ein. Mehr Spaß am Leben.

Tommy Jaud wird zu Sean Brummel

Inspiriert und offensichtlich auch sehr fasziniert von den vielen US-amerikanischen Ratgeber-Büchern hat Tommy Jaud jetzt mit „Sean Brummel: Einen Scheiß muss ich“ einen eigenen verfasst. Weil er selbst kein Ami ist, hat er Brummel geschaffen und dessen fiktiven Bestseller „Do Whatever the Fuck You Want“ ins Deutsche übertragen. So kommen auch die deutschen Leser in den Genuss einer Hommage an das selbstbestimmte Leben, ganz ohne Bevormundung und Leistungswahn. Das Stück spricht der Autor dann auch noch selbst und verleiht seinen einzelnen Aspekten so die nötige komische Klangfarbe, die er stets anschlägt. Das macht dann summa summarum 350 Minuten tolle Kost für unser Gemüt.

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Helmut Schmidt – Was ich noch sagen wollte

Benjamin Jendro

13.November
2015

Schmidt - Was ich noch sagen wollteEr hat sein Leben lang gequalmt, viel Kaffee getrunken, Kautabak förmlich inhaliert. Es sind wahrlich nicht die gesündesten Methoden, sich bei Laune zu halten und dennoch hat Helmut Schmidt es geschafft, 96 Jahre auf dieser Welt zu leben. Ein Leben, das in dieser Woche beendet wurde und an das wir uns trotzdem noch lange zurückerinnern werden. Nach aktuellen Umfragen ist Dr. Wolfgang Schäuble, gestern mit einem Bambi geehrt, derzeit der beliebteste deutsche Regierungspolitiker. Helmut Schmidt ist einer der beliebtesten aller Zeiten. Der Hanseat stand stets zu dem, was er sagte und wenn er etwas sagte, dann hatte es immer Hand und Fuß sowie großes Aneckpotenzial. In „Was ich noch sagen wollte“ berichtet der Altkanzler von seinen großen Vorbildern.

Eine ganz persönliche Bilanz

Die Deutsche Presseagentur (dpa) resümierte, dass es sich bei „Was ich noch sagen wollte“ um „Eine ganz persönliche Bilanz“ handle und genau diese stand einem Mann wie Helmut Schmidt stets zu. Sein Verdienst für unser Land, seine politischen Leistungen und vor allem seine Persönlichkeit werden wir so schnell nicht vergessen. Das zeigt auch das enorme Medienecho, welches sein Tod in dieser Woche auslöste. Das Vorbild Schmidt erzählt im Werk, das in der fünfeinhalbstündigen Hörbuchversion von Hanns Zischler gelesen wird, von seinen individuellen Vorbildern. Er zeigt uns, welche Leute ihn geprägt, ihn zu einer der zentralen Säulen unserer politischen Historie geformt haben.

Helmut Schmidt – Ein Mann des Pragmatismus

Es mag den Zuhörer wenig verwundern, dass die Namen Cicero oder Marc Aurel fallen. Auch Helmut Schmidt war immer ein Mann, der für seine Ideale stand und der vorausging. Natürlich beschäftigte er sich als ein Mann von Welt später mit Kant oder Weber. Auch der Name Karl Popper fällt in „Was ich noch sagen wollte“, ebenso der des Konfuzianers Deng Xiaoping. Schmidt, der Politiker des Pragmatismus und der fest verankerten Grundorientierung, die sein Handeln lenkte. Auch die Begegnungen zur Schulzeit und selbstverständlich auch Loki haben ihn beeinflusst und zu einer der Lichtgestalten gemacht, an die man sich immer zurückerinnern wird, wenn es um die deutsche Nachkriegsgeschichte geht.

 

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So ein MistEr ist jung, sympathisch, clever und mit all jenen jugendlichen Problemen gesegnet, die Teenager heute zu durchlaufen haben bzw. alle Erwachsenen einmal in einer ihrer Zeit gerechten Form durchlaufen mussten. Jeff Kinneys Comicheld Greg Heffley. Das Strichmännchen wird von seinem Autor immer wieder in brenzlige Situationen geschickt. Dabei sucht Kinney diese nicht in irgendwelchen besonderen Abenteuerausflügen, sondern im ganz alltäglichen Dahinvegetieren. Greg ist ein Kerl, der sich mit Übeln wie Schule, Wünsche und Bedürfnisse der eigenen Familienmitglieder sowie mit dem stetigen mit-sich-selbst-Ringen, wenn es darum geht, einmal nicht auf der faulen Haut zu liegen. „So ein Mist!“ ist bereits die zehnte Episode des beliebten Helden.

Gregs Mom will Elektronik aus dem Wochenende vertreiben

Die Telekom zeigt gerade werbetechnisch mit ironischer Bravour, wie sinnlos es ist, Kindern den Zugang zu Smartphones zu versperren. Jeff Kinney greift diesen Leitfaden in „Gregs Tagebuch Band 10: So ein Mist!“ elegant auf. Gregs Mom plant nämlich, ein komplett elektronikfreies Wochenende für die gesamte Stadt zu organisieren. Das bedeutet: keine Handys, kein Fernsehen und keine Computerspiele. Dafür aber das Genießen in freier Natur, Saubermachen und Limonadenstände. Im wahrsten Sinn des Wortes: „So ein Mist!“. Man konnte es bereits erwarten, dass Greg nur wenig vom Engagement seiner Mama hält und als wäre das nicht schon genug, muss er sich nun auch noch Gedanken über die anstehende Klassenfahrt zur Schweiß-und-Fleiß-Farm machen.

Jeff Kinneys Held begeistert Millionen

Vor zehn Jahren ist Greg das erste Mal aufgetaucht. Spieldesigner Jeff Kinney hat einen kleinen Satansbraten kreiert, der eigenwillig durchs Leben tappst und in dem sich viele Heranwachsende gut abgebildet fühlen. Gregs Tagebücher haben sich längst zu einem internationalen Kult entwickelt. Mittlerweile wurde die einzelnen Bände millionenfach verkauft, jede neue Ausgabe erreicht in wenigen Tagen Bestsellerstatus. Deshalb ist natürlich auch „So ein Mist!“ Pflichtlektüre für alle Fans der Reihe. Zumal der nunmehr zehnte Band, der von Marco Esser eingesprochen wurde, wirklich sehr gelungen ist und wieder eine Thematik behandelt, die sehr am jugendlichen Alltag anzusiedeln ist.

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