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HandschuhHeinz Strunk wurde 2004 mit „Fleisch ist mein Gemüse“ bekannt, einem tragikomischen Roman über seine Jugendjahre, in denen er mit einer Tanzkapelle durch die norddeutsche Provinz tingelte. Weitere biografisch gefärbte Bücher folgten, zwar durchaus mit tragischen Episoden, aber immer humorvoll geschrieben. Und nun – ein Roman über einen Frauenmörder, der im kaputtesten Milieu von Hamburg spielt und dessen Thema an Trostlosigkeit eigentlich kaum zu überbieten ist.
Kann Heinz Strunk das überhaupt? Ja, er kann!

Der Bodensatz der Gesellschaft

Der titelgebende „Goldene Handschuh“ ist eine üble Absteigekneipe auf der Reeperbahn. Unter Zuhältern, ehemaligen Häftlingen, Seemännern, abgehalfterten Huren und komplett Gescheiterten soff hier in den 70er Jahren auch der Hilfsarbeiter Fritz „Fiete“ Honka. Der unansehnliche Mann mit dem eingedrückten Gesicht suchte hier seine Opfer, die er mit in die Wohnung nahm und dort quälte und ermordete. Da die „nachkriegsknochigen“ Frauen keiner vermisste, flog Honka nur durch Zufall auf: Bei einem Brand im Haus entdeckte die Feuerwehr Leichenteile von vier Opfern in seiner Mansarde.

Obwohl seine Hauptfigur ein Serienmörder ist, hat Heinz Strunk mit diesem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman keinen Krimi geschrieben. Ihm geht es – ohne zu entschuldigen – darum, was Honka zu seinen grausamen Taten trieb. Dabei beschreibt er lakonisch, aber nicht herablassend und durchaus mit Empathie das Milieu der Gescheiterten, in dem sich Honka bewegt. Dem gegenübergestellt sind immer wieder Episoden über Mitglieder einer Reederfamilie die zeigen, dass sich auch an der Spitze der Gesellschaft Abgründe auftun.

Zwischen Abscheu und Anteilnahme

Schon seinen ersten Bestseller „Fleisch ist mein Gemüse“ hat Heinz Strunk selbst als Hörbuch aufgenommen. Er ist ein begnadeter Erzähler seiner Geschichten: Wenn die alkoholisierten Gäste des „Goldenen Handschuh“ Fako (Fanta-Korn) kippen und vor sich hin schwadronieren, gibt er das perfekt wieder. Sein Einblick in diesen Vorhof der Hölle und in eine verrohte Seele lässt die Zuhörer zwischen Abscheu und Anteilnahme schwanken, sein Vortrag verleiht dem vielgepriesenen Roman noch einen Schuss schwarzer Komik.

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überläuferAnderthalb Jahre nach seinem Tod erobert ein Roman von Siegfried Lenz die Bestsellerlisten: Der Schriftsteller hatte „Der Überläufer“ bereits 1951 fertiggestellt, sein Verlag wollte das Buch aus Sorge vor der politischen Stimmung im Kalten Krieg aber nicht herausgeben. So sorgt sein eigentlich zweites Buch erst posthum für Aufsehen. Was aber hat dem Verlag an Lenz‘ Roman über den Irrsinn des Krieges so missfallen, dass das Manuskript abgelehnt wurde?

In „Der Überläufer“ werden die Erlebnisse des Soldaten Walter Proska im letzten Kriegssommer 1944 erzählt.

Die Liebe zu einer Partisanin

Proska, der wie der Autor aus Masuren stammt, reist vom Heimaturlaub zu seiner Einheit an der Ostfront zurück und nimmt im Zug heimlich das polnische Mädchen Wanda mit. Sie springt aber wieder ab, bevor die Fahrt durch eine explodierende Mine plötzlich endet. Proska überlebt, wird von Zwiczos, einem Soldaten auf Patrouille, gefunden und schließt sich zwangsweise dessen kleiner Gruppe an, welche im Sumpf sinnlose Streifengänge absolvieren muss. In ihrem Unterstand, der „Festung Waldesruh“, harren die Männer aus – zermürbt von Angriffen der Partisanen, von Mückenstichen und der drückenden Hitze. Proska trifft Wanda überraschend wieder – und obwohl sie auf verschiedenen Seiten stehen, entspannt sich zwischen den beiden eine Romanze. Als die Gruppe im Sumpf vom Trupp abgeschnitten und zurückgelassen wird, wechseln Proska und sein Kamerad „Milchbrötchen“ zur Roten Armee über …

Desertierende Soldaten

Diesen Handlungsstrang wollte Lenz‘ Lektor Anfang der 50er Jahre nicht gutheißen. Dabei wird im letzten Kapitel, das nach dem Krieg spielt, die sowjetische Besatzungszone durchaus kritisch skizziert, und Proska flieht letztlich in den sicheren Westen. Dass er dort keinen Frieden findet, liegt an dramatischen Geschehnissen bei der Heimkehr als Rotarmist auf seinen Heimathof …

Schön, dass „Der Überläufer“ 65 Jahre später doch noch veröffentlicht wurde, denn Lenz‘ Beschreibung der sinnlosen Patrouillen im Sumpfgebiet, die Übersprunghandlungen der leidgeprüften Soldaten und die inneren Monologe voller Zweifel und Ängste sind durchaus lesenswert. Und in dieser ungekürzten Hörbuchfassung durchaus hörenswert, denn mit dem renommierten Schauspieler Burghart Klaußner erweckt ein ausgezeichneter Sprecher die Geschichte zum Leben. Er vermag es, mit seiner Lesung die Stimmungen im Roman genau zu vermitteln, und in den Dialogen werden die Figuren der Geschichte unverkennbar lebendig (z.B. Zwiczos mit seinem oberschlesischen Dialekt). Eine tolle Vertonung eines bemerkenswerten Romans.

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allesistrelativDen Originaltitel von John Higgs geistreichem Streifzug durch das vergangene Jahrhundert finde ich viel passender: „Stranger than We Can Imagine: Making Sense of the Twentieth Century“. Das bringt es auf den Punkt: Das 20. Jahrhundert war voller einschneidender Veränderungen, großer Entdeckungen und radikal neuer Gedanken und Ideen, die John Higgs in 15 Kapiteln unterhaltsam und gekonnt vorstellt. Relativitätstheorie, Moderne, Krieg, Individualismus, Das Es, Unbestimmtheit, Science Fiction, Nihilismus, Weltraum, Sex, Teenager, Chaos, Wachstum, Postmoderne und Netzwerk heißen seine Kapitel. Anhand von gelungenen Anekdoten und anschaulichen Beispielen und mittels gründlich recherchierter Hintergrundinformationen führt Higgs in „Alles ist relativ und anything goes“ gekonnt durch diese komplexen Themen, deckt verblüffende Zusammenhänge auf und macht immer wieder Lust darauf, Neues zu entdecken – über eine Zeit, in der die meisten Hörer aufgewachsen sind und die wir in- und auswendig zu kennen glauben.

Eine Reise durch das unglaublich seltsame und ziemlich wahnsinnige 20. Jahrhundert

John Higgs gelingt es, auf seiner imaginären Reise Geschichte greifbar zu machen. Die Hörer begegnen neben Albert Einstein auch Keith Richards, Elvis Presley, Salvador Dalí, Wernher von Braun, dem Videospielhelden Mario, Schrödingers Katze und vielen anderen. Und jeder von Ihnen hat eine spannende Geschichte im Gepäck, die Higgs auf seine ganz eigene Weise erzählt: So erklärt er z.B. Einsteins Relativitätstheorie anhand eines fallenden Würstchens. Mit dem versierten Sprecher Frank Arnold wird dieses ungekürzte aber kurzweilige Sachbuch zu allerbestem „Infotainment“.

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