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15.Oktober
2013

Alice Munro – Zu viel Glück

Benjamin Jendro

Munro - Zu viel GlückExakt zwanzig Jahre mussten vergehen, um den Literaturnobelpreis mal wieder nach Nordamerika zu holen. In den letzten Jahren wurde der Unmut vieler Nordamerikaner über eine scheinbar strukturelle Nichtbeachtung immer lauter. Seit Toni Morrison die bedeutendste literarische Auszeichnung 1993 überreicht bekam, war es das vorübergehend mit nordamerikanischen Literaturnobelpreisträgern. Das scheint durchaus sonderbar, wenn man an Namen wie Don DeLillo oder Philip Roth denkt. Diese gingen auch in diesem Jahr leer aus, dafür aber entschied sich die Schwedische Akademie für die 82-jährige Alice Munro, die als dreizehnte Frau und erste Kanadierin in die Geschichtsannalen des Nobelpreis für Literatur eingeht. „Zu viel Glück“ ist eines der herausragenden Zeugnisse ihres literarischen Wertes.

Eine Meisterin der Short Stories

Literaturfans würden Alice Munro vermutlich in einer Linie mit Ernest Hemingway betrachten. Auch der Gewinner des Jahres 1954 schrieb sehr bedeutende Kurzgeschichten und benötigte nicht wirklich viele Seiten, um den Leser nachhaltig zu berühren. Munro schrieb in ihrer Karriere, die erst im Alter von fast 40 losging, nur einen einzigen Roman. Dementgegen stehen 13 Bände mit wundervollen Kurzerzählungen, die das Leben und die Menschen in ihrer Heimat, der kanadischen Provinz, problematisieren. Dafür benötigt sie im Regelfall nicht mehr als dreißig Seiten. Trotzdem aber findet sich in diesen eine derartige Fülle verborgen, die es oftmals in keinem 800-Seiten-Roman zu entdecken gibt. Munro bewundert all jene Schriftsteller, die dazu in der Lage sind, einen dicken Roman zu publizieren. Eigentlich jeder Schriftsteller Alice Munro für ihre kurzen, aber so ins Schwarze treffenden Geschichten.

So Banales, so Alltägliches

Es ist in der Tat gar nicht so leicht, das Besondere in ihren Stories zu bestimmen. Oftmals handelt es sich um banale Erzählungen, die Alltägliches thematisieren und Charaktere beinhalten, die so normal sind wie die Leser. Zugegeben, insbesondere ihre letzten Werken, zu denen auch das von Christian Brückner gelesene Hörbuch gehört, wirken etwas drastischer als frühere. Sexualität drängt sich ebenso in den Vordergrund wie der Hang zur Gewalt. Nichtsdestotrotz aber bleibt Munro ihrem bewährten Stil treu und erfindet immer wieder neue Charaktere, die wir bewundern, beneiden und bemitleiden können. Was denkt man über eine Frau, die aus gutem Willen ihren Mann in der Psychiatrie besucht, nachdem dieser die eigenen Kinder ermordet hat? Es sind genau diese Schicksale, die Munros Werk so beeindruckend machen und ihr verdientermaßen den Literaturnobelpreis einbrachten.

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