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24.April
2013

Andrea Camilleri – Die Sekte der Engel

Benjamin Jendro

Camilleri - Die Sekte der EngelIn der letzten Woche nahm ich mir auch mal eine Art Auszeit, eine vom Alltag, nicht aber von hochwertiger Literatur, die auch im Urlaub einen wichtigen Lebensinhalt darstellt. Meine Wahl fiel auf Sizilien, eine Insel vieler Facetten. Vor allem in Sachen literarischen Naturells kommt man da auf seine Kosten. In der Nähe von Agrigento, wohlgemerkt der Geburtsstadt von Nobelpreisträger Luigi Pirandello, befindet sich das überschaubare Küstenstädtchen Porto Empedocle, das über einen Hafen, ein paar enge Gassen und eine recht schöne Fußgängerzone verfügt. Am Rande dieser befindet sich ein kleines Restaurant namens Vigáta. Bei den Literaturinteressenten könnten jetzt schon die Glocken läuten, spätestens mit dem Verweis auf Andrea Camilleri, der im besagten Ort das Licht der Welt erblickte, sollte es zu donnern beginnen. Sofort wurden in mir Erinnerungen an Werke wie „Die Sekte der Engel“ hervorgerufen.

Hörbuchgenuss in gemütlicher Atmosphäre

Es gehört zur Normalität eines sizilianischen Restaurants, dass eine breite Palette an Fisch angeboten wird. Auch die Selektion eines erlesenen Weißweins scheint Gewohnheit. Umso beeindruckender empfindet es der Reisende, wenn aus dem Hintergrund die Klänge eines deutschsprachigen Hörbuchs ertönen. Das Restaurant, welches in Verbundenheit zum berühmtesten Sohn des Örtchens seinen häufig auftretenden, fiktiven Ort als Namen trägt, verfügt über ein breites Repertoire an Literatur von und über Camilleri. Aufgrund der recht regen deutschen Anwesenheit wählte man wohl eine derartige Version. Natürlich kannte ich das Werk bereits, in Hörbuchform aber dringt das beschriebene Geschehen, was im Ort Palizzolo vorgeht, aber ebenso gut in die neuronale Zentrale.

Blindes Vertrauen

Es ist kein Geheimnis und genau genommen historisch begründet, dass die Italiener eine enge Verbundenheit zum christlichen Glauben. In den ländlichen Regionen ist dies umso stärker spürbar. Als der Polizeipräfekt von einer wahren Epidemie in der Region hört, geht er zunächst von einer Art Cholera aus. Schon bald jedoch stellt sich heraus, dass die ausbrechende Krankheit auf die örtlichen Kleriker zurückgeht und sich in der überhohen Geburtenrate widerspiegelt. Der Jurist Teresi will dem Übel ein Ende setzen, stößt aber vermehrt auf taube Ohren und blinde Augen. So arbeitet Camilleri nicht allein auf Unterhaltungsebene, sondern wagt auch einen kritischen Ansatz auf das bewusste Wegsehen der Menschen und ihren sturen Gehorsam. Ein Roman, der das Lesen auf jeden Fall wert war und bei dem es sich auch lohnt, einmal acht Stunden zu lauschen.

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