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di Fulvio - Das Kind, das nachts die Sonne fand hbWochenlang schon habe ich auf dieses Hörbuch gewartet. Nun ist es endlich soweit und in einer guten Woche können auch Sie das Highlight des Frühjahrs vor die Ohren bekommen. Der italienische Kultautor Luca di Fulvio hat mal wieder ein wenig getüftelt und folgt mit seinem neuen Werk der zuletzt so erfolgreichen Schreibweise. „Der Junge, der Träume schenkte“ rückte den Römer in den Fokus des literarischen Geschehens und machte ihn von einem guten zu einem herausragenden Autor. Dieser Eindruck bestätigte sich bei „Das Mädchen, das den Himmel berührte“. Die Erfolgsstory setzt sich beim neuen Roman „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ weiter fort.

„Das Kind, das nachts die Sonne fand“ ist eine gelungene Fortsetzung

Während sich di Fulvio bei „Inkubus“ eher noch dem Thrillergenre zuordnen ließ, ging er bei „Der Junge, der Träume schenkte“ einen komplett anderen Weg. Bereuen wird er diesen Wandel nicht. Sowohl Cover als auch Titel zogen unzählige Leser und Zuhörer an, dem Folgewerk erging es ähnlich. Auch „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ setzt auf diese erfolgreichen Elemente. Obwohl die Werke weder zeitlich noch in den Charakteren irgendeinen Zusammenhang vorweisen können, müssen sie doch gemeinsam betrachtet werden. Auch beim neuesten Stück ist der Titelheld auf dem Cover abgebildet und natürlich dreht sich nicht nur der Titel, sondern auch die Erzählung selbst um diesen Charakter. Das macht „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ zu einer lang ersehnten und definitiv gelungenen Fortsetzung.

Das Kind, das nachts die Sonne fand – Ein junger Thronfolger

Marcus ist ein junger Thronfolger im Herrschaftsgebiet Raühnval in den Ostalpen. In einer Zeit der einflussreichen Landesfürsten führt er zunächst ein privilegiertes Leben. Das ändert sich mit einem Massaker, bei dem seine ganze Familie und sämtliche Burgbewohner ihr Leben verlieren. Die Tochter einer Dorfhebamme rettet „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ und verschleiert folglich dessen Identität. Besagte Elisa lässt ihn ein Leben unter den Dorfbewohnern führen, Marcus scheint diesem von Beginn an zugetan. Gleichzeitig rumort in ihm das Gefühl einer anderen Bestimmung. Diese bringt di Fulvio, bzw. Sascha Rotermund, der die zehn Stunden eingesprochen hat, sehr gut zur Sprache. Klar ist jedem di Fulvio Fan auch, dass „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ die Menschen im Umfeld nachhaltig beeinflussen wird.

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Khaled Hosseini – Tausend strahlende Sonnen

Benjamin Jendro

27.Februar
2015

Hosseini - Tausend strahlende SonnenIn der nächsten Woche feiert Khaled Hosseini seinen fünfzigsten Geburtstag. Das ist für ihn persönlich wahrlich ein bedeutendes Ereignis. Eines, das mit den Liebsten gefeiert wird. Viel wichtiger, so sehr wir ihm zu diesem Jubiläum auch gratulieren wollen, sind seine literarischen Leistungen, mit denen er uns den Einblick in eine Welt ermöglicht, die wir oftmals so noch nicht gesehen haben. Hosseini schreibt über Afghanistan, aber er konzentriert sich nicht auf die Kriegsschauplätze, zumindest nicht ausschließlich. Romane wie „Tausend strahlende Sonnen“ sind den Menschen gewidmet. Den Menschen, die in dieser kriegerischen Welt beheimatet sind.

Tausend strahlende Sonnen in Afghanistan

Tausend strahlende Sonnen“ war der erste Roman, die ich von Khaled Hosseini lesen bzw. hören durfte. Er ist dafür verantwortlich, dass ich mittlerweile alle Werke verschlungen habe und die einzelnen Zeilen mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Die neun Stunden Hörbuch, gelesen von Andrea Hörnke-Tries, gehen runter wie Öl, hinterlassen aber einen schweren Pfropfen im Körperinneren. Hosseinis Werke haben die Eigenschaft, vor allem im Nachhinein zu bewegen. Zu jener Zeit, wenn man das Gehörte Revue passieren lässt und sich die Erzählungen zu schaurigen Bildern zusammensetzen. Natürlich spielt das Geschehen in Afghanistan. Auch das ist ein fester Bestandteil bei diesem Autor.

Das Schicksal zweier Frauen

Anders als in „Drachenläufer“ – der nicht weniger bekannte Bestseller – spricht Hosseini in „Tausend strahlende Sonnen“ über zwei Frauen. Ihre Freundschaft und ihr Mut überwinden die Unterdrückung. Parallelen sind also trotz differenter Personenstruktur deutlich zu spüren. Ihr Leid ist Hauptthema im Werk. Ihr Kampf, dieses zu überwinden, die Botschaft, die Khaled Hosseini mitgibt. Selbst, wenn eine Situation ausweglos scheint, lohnt es sich doch, für die eigenen Träume zu kämpfen. Das zeigen Mariam, die mit 15 Jahren an einen zwanzig Jahre älteren Mann zwangsverheiratet wird, und auch Leila. Letztere erlebt das gleiche Martyrium zwanzig Jahre später, wird Zweitfrau des gleichen Mannes, der nunmehr jenseits der 60 ist. Der Weg, wie Mariam und Leila zueinander finden ist ein Übel der Kultur. Es ist aber zugleich die Chance beider, dem zu entfliehen.

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Michel Houellebecq – Unterwerfung

Benjamin Jendro

10.Februar
2015

Houellebecq - Unterwerfung hbIn den letzten Wochen wurde wahnsinnig viel über den Terror des IS gesprochen und geschrieben. Verantwortlich für diese Fokussierung sind die sich immer stärker häufenden Angriffe und Hinrichtungen, die durch die Vertreter des IS im Religionskampf vollzogen werden. Nicht zuletzt haben die Anschläge in Paris gezeigt, dass Europa dieses Thema ernst nehmen sollte. Im engen Zusammenhang mit dem Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo wurde immer wieder ein Autor genannt, der mit seinen Werken schon des Öfteren angeeckt ist und dessen neuester Roman an jenem Tag im Januar erschienen ist, als einige seiner Bekannten aus dem Leben schieden. Ohne Frage ist Michel Houellebecq ein Querdenker. Sein aktuelles Stück „Unterwerfung“ thematisiert den Islam, ist aber nicht als Kritik dessen zu verstehen. Vielmehr handelt es sich um ein Zukunftsszenario, das der Autor erdacht hat und das seine schriftstellerische Klasse beweist.

Es ist die Unterwerfung unter eine starke Religion

Houellebecq macht in allen öffentlichen Diskussionen keinen Hehl daraus, was er über die derzeitige Führung seines Frankreichs denkt. Die bisherigen Romane durften getrost auch als politische Kritik verstanden werden. „Unterwerfung“ tendiert in diese Richtung, zeigt aber einen stilistisch sehr gereiften Michel Houellebecq. Erzählt wird im 8-stündigen Hörbuch von einer Regierungsübernahme in der Zukunft. Es ist das Jahr 2022, als Paris in einen Bürgerkrieg gerät. Bei der letzten Wahl konnte sich Präsident Hollande noch einmal durchsetzen. Dieses Mal aber haben die altgedienten Parteien keine Chance mehr. Stattdessen hat sich Front National mit Marine Le Pen zahlreiche Wählerstimmen sichern können. Der einzige, der ihrer Machtübernahme und einer rechtsgerichteten Politik im Weg steht, ist Mohammed Ben Abbes. In der Stichwahl entscheiden sich die Wähler und Vertreter der gescheiterten bürgerlichen Parteien für ihn, um das Übel Le Pens abzuwenden. Die Folge ist eine „Unterwerfung“ der bisherigen Glaubenswerte und die Islamisierung Frankreichs, die der Autor aber äußerst positiv darstellt.

Unterwerfung erzählt von der Wiederherstellung des Einheitsgedankens

Sprecher Christian Berkel hat ein gutes Gespür dafür, was Houellebecq mit „Unterwerfung“ eigentlich sagen will und überbringt dank sehr eigenwilliger Schwerpunktsetzung bei der Intonation die zwischen den Zeilen stehende Botschaft an die Zuhörer. Ben Abbes ist ein recht charismatisch dargestellter und weitdenkender Staatspräsident, der nach Ausgleich bemüht ist. Seine Bruderschaft der Muslime verändert natürlich das gesellschaftliche Zusammenleben innerhalb Frankreichs. Die Islamisierung erfolgt aber moderat und wird kaum kritisch beäugt, von vielen sogar gern angenommen. Allen voran von Literaturwissenschaftler François. Der Hauptcharakter trägt Züge Houellebecqs in sich und ist vom Wandel positiv beeindruckt. Er überlegt sogar, den muslimischen Glauben anzunehmen, weil sich dadurch seine sexuellen Vorlieben realisieren könnten und er gleich mehrere Frauen ehelichen dürfte. Alles in allem polarisiert Houellebecq mit seinem Werk und das weiß er sehr wohl. Nichtsdestotrotz aber kritisiert er mit „Unterwerfung“ weder den Islam noch seine Grundelemente. Dies geschieht auch nicht auf satirischer Ebene, denn letztlich ist die Situation, wie sie fiktiv aufgezeigt wird, keinesfalls negativ konnotiert. Vielmehr würden die Franzosen dank der Machtübernahme endlich wieder Einheit symbolisieren, weil sie Werte verinnerlichen, an denen es festzuhalten gilt.

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William Shakespeare

Benjamin Jendro

18.November
2014

William ShakespeareLiteratur ist Geschmackssache. Jeder Leser oder in diesem Fall auch jeder Zuhörer präferiert andere Autoren und Autorinnen, differente Genres und niemand kann sich anmaßen, dass das Buch, was er gelesen hat, das beste aller Zeiten ist. Nein, das geht nicht, denn literarischer Geschmack ist stets subjektiv. Dennoch gibt es aber einige Werke, denen man einen allgemeingültigen Unterhaltungswert zuspricht. Werke, die prägend für ihre Zeit sind und womöglich auch über diese hinaus einen gewissen Sonderstatus verinnerlichen. Zu diesen Werken gehören einige aus der Feder eines Herren Shakespeare. Der Brite ist ohne Frage und ganz objektiv gesehen einer der Größten, die es in der Literaturgeschichte jemals gab. Insofern ist eine Sammlung seiner größten Stücke gar nicht hoch genug einzuschätzen. „William Shakespeare“ sorgt definitiv für ein paar Tage absoluten Hörgenuss.

William Shakespeare – 46 Stunden grandiose Literatur

Einem Literaturfan würde es nicht wirklich schwer fallen, eine Liste mit den größten Klassikern aller Zeiten aufzustellen und bei der Top-5 nur auf Schriften von William Shakespeare zurückzugreifen. Ohne Frage hat der britische Dramaturg aus dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert, wenngleich seine Vita bis heute nicht vollständig rekonstruiert werden konnte, einiges bewegt und die Welt nachhaltig beeinflusst. Gesammelt sind seine Leistungen in dieser einzigartigen Anthologie, die alle zehn Tragödien, die fünf Königsdramen, zwei Komödien und ein Fragment beinhaltet.

Schauspielgrößen erweisen dem Meister Shakespeare die große Ehre

Einen Teil zum großen Unterhaltungswert dieser Hörbuchsammlung trägt auch die sehr vielstimmige Erzählweise bei. Keinesfalls werden die Werke von „Hamlet“ bis „Der Kaufmann von Venedig“ hier einfach nur heruntergesagt. Nein, „William Shakespeare“ ist eine Hommage großer deutscher Schauspieler aus den vergangenen Jahrzehnten, die den Literaturklassikern viel Leben und Emotion einhauchen. Gesammelt aus den deutschen Hörspielarchiven lauscht man so beispielsweise einem Klaus Kinski, wie er seine Interpretation von „Romeo und Julia“ vorlegt, oder Peter Lohmeyer, wie er den „Sommernachtstraum“ verstanden hat. Summa Summarum macht das ein echtes Meisterstück klassischer Dicht- und Erzählkunst.

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Paulo Coelho – Untreue

Benjamin Jendro

24.September
2014

Coelho - UntreueGanz persönlich vertrete ich ja die Ansicht, dass südamerikanischen Autoren bei uns in Europa viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Einzig auf der iberischen Halbinsel finden die Geschichten Eingang in unseren Kontinent. Bei Recherchen zur Fußball-Weltmeisterschaft ist mir einmal mehr aufgefallen, welch großartige Erzählungen uns dabei verschlossen bleiben. Paulo Coelho ist einer der wenigen, wenn nicht sogar der einzige Schriftsteller, der es auch in Deutschland zu großem Ansehen gebracht hat, obwohl er aus Südamerika stammt. Seit Jahren schon erscheinen seine einfühlsamen Stücke beim Diogenes-Verlag. „Untreue“ reiht sich da nahtlos ein und lässt den Zuhörer wieder mal dahinschmelzen.

Untreue ist nicht pauschal verwerflich

Die „Untreue“ eines Menschen ist generell zu verurteilen. Es gibt wenige Gründe, die ein derartiges Vorgehen rechtfertigen und dennoch gibt es sie. So unsympathisch uns Coelho seine Figur, die Journalistin Linda, auch einführt, so mehr versteht man sie nach und nach. Besagte junge Frau hat sich von ihrem Leben scheinbar nie mehr erträumen können als das, was sie jetzt um sich hat. Im Job ist sie auf die Erfolgsspur geraten, privat  sieht es ebenfalls nicht allzu schlecht aus. Daheim warten ein liebender und fürsorglicher Ehemann und selbst Bambini haben die beiden bereits auf die Welt gebracht. Dennoch ist Linda nicht zufrieden mit der Situation und begeht ein Wagnis, das alles verändern wird.

Was bedeutet es, wirklich zu lieben?

Die zentrale Frage, die Paulo Coelhos „Untreue“ als der rote Faden durchzieht, besteht darin, was wahre Liebe wirklich ist. Linda ist dreißig, als sie an diesen Scheideweg gerät. Sie begibt sich Hals über Kopf in eine Affäre mit einem früheren Bekannten und schlittert damit voll in den Gefühlsrausch. Ist es das, was sie glücklich macht und ist es wirklich verwerflich, im Leben auch einmal an sich zu denken? Das mag niemand beantworten. Erst recht nicht, wenn mal Coelhos Werk, das von Luise Helm recht emotional gefärbt eingesprochen wurde, hinter sich hat.

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Angelika Klüssendorf – Das Mädchen

Benjamin Jendro

18.September
2014

Klüssendorf - Das MädchenDer Deutsche Buchpreis ist nicht nur die angesehenste Auszeichnung, die ein Literat Deutscher Sprache einheimsen kann, sondern zugleich einer, dank dem sich der Kontostand mit einem Schlag um 25.000 Euro erhöht. Das nimmt man gerne mit, selbst als erfolgreiche Autorin. Angelika Klüssendorf ist eine Schriftstellerin, die mit „April“ nun bereits zum zweiten Mal in der finalen Auswahl auf der Shortlist zu finden ist. Selbiges Kunststück gelang ihr bereits mit dem vorhergehenden Roman „Das Mädchen“. Dass dieser  2011 nicht gewann, lag schlussendlich auch an der Erzählkunst des Siegers Eugen Ruge. Womöglich wäre die Wahl in einem anderen Jahr auf Klüssendorf gefallen. Der Plot hätte einen Sieg nämlich durchaus gerechtfertigt.

Das Mädchen – 263 Minuten bewegende Geschichte

Es ist kein Zufall, dass Angelika Klüssendorf mit „Das Mädchen“ einen Titel auf ihr Werk gesetzt hat, der aufgrund seiner beispielhaften Benennung nicht nur für die Hauptprotagonistin zutreffend ist. Das, was in den 263 Minuten von Sprecherin Julia Nachtmann erzählt wird, kann unzähligen Menschen passieren und ist zugleich ein Ansporn, nicht am Übel des Lebens zu zerbrechen. Im Werk wird uns ein Vater vorgestellt, der trinkt und raucht, sich nur gelegentlich zuhause zeigt. Die Mutter lässt ihren Frust darüber an den Kindern los. Selbst diese entfernen sich immer mehr voneinander.

Es gibt Sachen, die „Das Mädchen“ träumen lassen

In dieser Situation versucht „Das Mädchen“, dem wir auch an dieser Stelle keinen Namen zuordnen möchten, zurechtzufinden und einen individuellen Weg auszumachen, der für das Kind persönlich der beste ist. Kraft geben „Brehms Tierleben“ oder auch „Grimms Märchen“. Sie laden zum Träumen ein, dem Träumen von einer besseren Zukunft, einem kleinen Haus mit Garten irgendwo auf dem Land. Bis es soweit ist, wird das Heranwachsen in all seiner Brutalität vorgestellt. Interessanterweise wird das Kinderheim zu einem Ort, der Erfüllung und schöne Erlebnisse mit sich bringt.

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von Schirach - Die Würde ist antastbarUnser juristisches System ist eines der komplexesten Gebilde auf diesem Erdball. Es ist einer der modernsten dieser Kategorie und eigentlich auch eines der besten. Man zweifelt an dieser Tatsache eigentlich nur, wenn Dinge passieren, die der Otto-Normalverbraucher als ungerecht einstuft. Entscheiden Sie selbst, ob es gerechtfertigt ist, dass ein pädophiler Vergewaltiger ein junges Leben zerstört und dafür ein paar Jahre Haft bekommt, dann wieder auf freien Fuß wandeln darf und womöglich ein weiteres Leben aus den Angeln reißt. Der Vater des Opfers übt Rache, lässt den Straftäter dafür bluten und bekommt lebenslänglich. Für wen würden Sie Partei ergreifen? Ferdinand von Schirach spricht es zwar nie aus, doch der erfahrene Jurist hinterlässt sehr wohl einen Fingerzeig, was alles falsch läuft in unserem Rechtsstaat. In seiner Essaysammlung „Die Würde ist antastbar“ macht er das wieder mal deutlich.

Ferdinand von Schirach spielt mit dem Leser

Ferdinand von Schirach ist ein brillanter Literat. Vor allem, wenn es darum geht, nichts zu sagen und dennoch sehr viel zu sagen. Mit seinem letzten Werk, dem Roman „Tabu“, hat er eine Thematik vorgestellt, die fest in unserem System verankert ist und bei der dennoch deutliche Fehler unterlaufen. Ein Fotograf mit zugegeben schwierigem Charakter hat die Justiz bloßgestellt. Noch zentraler aber war die Frage nach den Methoden, die angewandt werden sollten, um ein Opfer vor dem Tod zu bewahren. Muss man die Würde eines Straftäters wirklich wahren, wenn man dadurch das Leben eines Menschen verliert? Zwischenzeitlich lautet das Fazit: nein. Abschließend jedoch hat von Schirach irgendwie alles wieder über den Haufen geworfen. Schließlich war der vermeintliche Straftäter ja gar kein Straftäter. Dass er die Frage der unantastbaren Würde auch in seinem Essayband wieder aufnimmt, zeigt, wie viel Diskussionsstoff dieses Thema bietet.

Ist die Würde antastbar oder nicht?

Was auch nach dem Hörbuch des neuen Bandes von Ferdinand von Schirach klar ist, bleibt der Umstand, dass man nicht so wirklich sagen kann, ob der Vertreter des Systems dieses gutheißt oder anprangert. Das war in den Kurzgeschichtensammlung „Schuld“ und „Verbrechen“ so, bei „Tohrbergs Weihnachten“ und dem „Fall Collini“ nicht anders, bei „Tabu“ ohnehin nicht. „Die Würde ist antastbar“ mag im Titel einen Hinweis auf die Intention des Autors geben, im Werk aber kommen da immer wieder Zweifel auf. Der Schriftsteller von Schirach spricht über gesellschaftlich relevante Themen wie das Rauchen oder den Umgang mit Literatur, vor allem aber natürlich über Strafverfahren, die er uns wie kein anderer so unterhaltsam vorlegt. Es ist Ehrensache, dass er das Hörbuch gleich selbst eingesprochen hat.

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Ken Follett – Winter der Welt

Benjamin Jendro

6.August
2014

Follett - Winter der Welt hbGeschichte scheint heute immer so schwer vermittelbar. Zwar kauen wir gerade unsere Landeshistorie von Grund- bis Oberschule durch und wälzen sämtliche helle und vor allem auch die dunklen Kapitel ab, so wirklich eine Gefühl für die wahren Umstände aber bekommt man nie. Wenn man nicht selbst dabei war, kann man Dinge nur schwer nachvollziehen. Man hinterfragt die Entscheidungen und Lebenstaktiken der einzelnen Menschen, war aber nie in ihrer Situation und darf sich deshalb genau genommen gar kein Urteil erlauben. Natürlich kann ein Hörbuch eines Romans, in welchem es irgendwie um Geschichte geht, eine eigene Präsenz in der erzählten Phase nicht ersetzen oder herstellen. Dennoch aber, und das wird bei Ken Folletts „Winter der Welt“, dem zweiten Band der „Jahrhundert-Saga“, äußerst deutlich, fühlt man sich, als wäre man mitten im Geschehen.

In Winter der Welt geht es wieder um die einzelnen Familien

Schon im ersten Teil der Trilogie, „Sturz der Titanen“, ging es um die Historie, die globale, aber auch diejenige von einzelnen Familien. Stand zunächst die parentale Generation der von Ulrichs und Co. Im Rampenlicht, sind es jetzt die Kinder der Protagonisten, die sich mit den Irrungen und Wirrungen des bewegenden 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen haben. „Winter der Welt“ umfasst die Zeit zwischen 1933 und 1949, beinhaltet demnach unter anderem die Machtergreifung Hitlers und das Wirken der ihm folgenden Nationalsozialisten, den Spanischen Bürgerkrieg und das weltweite Duell, möglichst als erster die effektivste Atombombe zu basteln. Es sind global bedeutende Ereignisse, die in diesen Jahren geschehen und dennoch sind sie nur der Rahmen für Follett, der in diesem Einzelschicksale unter die Lupe nimmt.

Sie sind nicht von ihrer Zeit zu trennen

Sprecher Johannes von Steck führt mit viel Emotion durch die etwa 14 Stunden Hörbuch. So kommt der Zuhörer stets in den Genuss der etwaigen Gefühlsregungen aller Akteure. Zu ihnen gehören die deutsche Adelige Carla, die im Widerstand gegen das für sie unverständliche Handeln ihrer Landsleute kämpft und der Brite Lloyd, der es sich ebenso zum Ziel gesetzt hat, dem Faschismus den Krieg zu erklären. Selbst Daisy, eine junge Amerikanerin, ist nicht von den zeitlichen Umständen ausgeschlossen und sucht ihren ganz individuellen Platz.

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William Shakespeare – Leicht erzählt

Benjamin Jendro

1.Juli
2014

Shakespeare - Leicht erzähltDer begnadetste Literat aller Zeiten? Das ist keine Frage, die sich so leicht beantworten lässt, da es einige helle Köpfe gab, die man nicht so einfach miteinander vergleichen kann. Eines jedoch scheint selbst bei Beachtung aller bisher erschienen Schriftstücke gewiss. Der Brite William Shakespeare ist einer der größten Literaten, die unsere Spezies je hervorgebracht hat. Seine Werke kreuzen irgendwann den Weg jedes Menschen, manchmal früher, manchmal später. Wer seinen kleinen Kindern mal etwas Gutes tun möchte, findet bei der Hörbuchversion „William Shakespeare – Leicht erzählt“ eine kindergerechte Dreiersammlung an herausragenden Stücken des Meisters. Ein Elias Canetti hat auch mal mit einer solchen Version den Zugang zur Literatur gefunden. Warum sollte nicht auch einer der jungen Hörer dieses Hörbuchs ein kommender Literaturnobelpreisträger werden?

Shakespeare – Ein Mann, von dem sich alle Werke lohnen

Von „Othello“ bis „König Lear“, von „Der Kaufmann von Venedig“ bis zu „Julius Caesar“ – Shakespeares Stücke waren stets ein Passion von mir. Ob in der Buch-, der eBook- oder auch der Hörbuchvariante – Sämtliche Werke aus seiner Feder sind ein literarischer Genuss. Das greift sogar so weit, dass mich selbst Werke begeistern, in denen es um Shakespeare geht wie zum Beispiel Charlie Lovetts „Das Buch der Fälscher“. Den persönlichen Kontakt mit den Shakespeare´schen Werke hatte ich wie viele andere relativ spät, erst in der Oberstufe. Die Liebesromanze „Romeo und Julia“ brachte zwar keinen von Shakespeare neu entwickelten Stoff. Die Art und Weise, wie das Schicksal den beiden Liebenden übel mitspielt, ist aber bis heute unerreicht. Auch der kleine Fiesling Puck, der in „Ein Sommernachtstraum“ sein Unwesen treibt, ist zur Legende geworden und heute den meisten Literaturfans bekannt.

Hamlet komplettiert das Geschichten-Trio

Neben diesen beiden haben Samuel Weiss, Devid Striesow und Co. noch ein weiteres der großen Werke kindergerecht eingesprochen. „Hamlet“ ist nach wie vor eine der größten und bedeutendsten Geschichten aus Shakespeares Feder. Der Plot, in dem der junge dänische Prinz nicht mehr erkennt, was Wahrheit ist und in Tobsucht verfällt, findet noch heute, 450 Jahre nach Shakespeare, Anerkennung auf den Theaterbühnen weltweit. Es ist seine Geschichte, die meinen Zugang zu Shakespeare bildete und für deren Ausarbeitung ich ihm noch heute große Anerkennung schenke.

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John Dickie – Omerta

Benjamin Jendro

10.Juni
2014

Dickie - OmertaMan meint als geübter Kinogänger das Ausmaß der Mafia komplett überblicken zu können. Ohne Frage hat die Verfilmung von Mario Puzos „Il Padrino“ der Gesellschaft das Thema nähergebracht. In der Realität lässt sich das Phänomen Mafia aber nicht mehr auf das kleine sizilianische Dorf Corleone beschränken, das im Übrigen bei einem Besuch alles andere als mafiös erscheint. Nein, die Mafia oder das, was wir als Mafia bezeichnen, hat sich längst zu einem Geflecht entwickelt, in welchem es nicht nur um Gefallen und deren gegenseitige Erbringung geht, sondern um die brutale Wirklichkeit von Drogengeschäften, Menschenhandel, Mord, Korruption und Glücksspiel. Autoren wie John Dickie leisten einiges, um das gigantische Ausmaß zu verdeutlichen. Mit „Omerta“ haben wir einen guten Überblick dessen, was die Mafia heute alles beeinflusst.

Omerta – Fünf Stunden geballte Mafiageschichte

Mehr als dreihundert Minuten umfasst das Hörbuch, in dem Dickies Bestseller von Gordon Piedesack gesprochen wird. Sie informieren den Zuhörer über die Geschichte der drei großen Mafiaorganisationen, ihre Herkunft, den individuellen Werdegang und den heutigen Einfluss auf das globale Gefüge. Die Kreise der Cosa Nostra, Camorra und Ndrangheta haben sich längst über die Grenzen Italiens hinweg ausgedehnt. Heute, das macht Dickie schnell klar, leiten sie die Geschicke in ganz Europa, Nordamerika und selbst in Australien.

Omerta – Hier wird nichts verschwiegen

„Omerta“ bedeutet ins Deutsche übertragen das Schweigen. Über die Mafia und ihre Taten schweigt man, man verrät nichts und niemanden. Zahlreiche Akteure haben die „Omerta“ in der Vergangenheit gebrochen oder sie angetastet. Die Meisten von ihnen haben dafür mit dem Leben bezahlt und nebenbei auch mit dem ihrer Liebsten. Recherchefleißige Enthüllungsjournalisten wie Roberto Saviano („Zero Zero Zero“) oder eben John Dickie lassen sich davon nicht einschüchtern und geben uns so einen Überblick über die wahre Situation, die in dieser Form eben zumeist lieber verschwiegen wird. So bekommt der Unwissende mal ein paar Informationen über die Bereiche, die bereits fest in den Händen der Mafia sind, ihre Strukturen und ihre Strategien. So viel sei verraten – Wer dieses Hörbuch hört, wird seine Sicht auf unsere Welt verändern.

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