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Heldt - Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnnen!Dora Heldt ist ohne Frage eine der erfolgreichsten Autorinnen, die sich in den letzten Jahren an die Spitze der Bestsellerlisten geschoben haben. Ihre Werke um Menschen, die sich auch im Bekanntenkreis oder gar in der eigenen Familie jedes einzelnen Lesers wiederfinden könnten, treffen den Tonus der Leserschaft. Auch mit ihrem neuen Werk ist sie wieder einmal in der oberen Liga der meistverkauften Stücke angekommen. Dabei hat sie es dieses Mal mit ein bisschen weniger Herzschmerz und innerer Befindlichkeit versucht und stattdessen eine Geschichte geschaffen, die durchaus einen gewissen gesellschaftlichen Gehalt mit sich bringt. „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen!“ ist eine erfrischende Mixtur aus Unterhaltung und Sozialkritik, die 220-minütige Hörbuchfassung geht herunter wie Butter.

Zwei Rentner auf einem Abzocktrip

Von Charlotte, Inge und Christine, die sonst fest zum Repertoire in der Familienbüchern der Dora Heldt gehören, erfährt der Zuhörer dieses Mal eher weniger. Zentraler sind die beiden, ebenfalls aus den Papa-Büchern bereits bekannten, Rentner Heinz und Walter. Letzterer hat in einem Gewinnspiel eine luxuriöse Reise ergattert und dank eines Tricks gelingt es ihm, den neidischen Heinz gleich mit in den Reisebus zu bringen. In diesem sollten eigentlich nur exklusive Gäste sitzen. Von Beginn an ist klar, dass die versprochene Gesellschaft sich als alles andere als exklusiv charakterisiert. Nur Finchen, in etwa im Alter der zwei, und ihre Nichte Johanna scheinen ein Lichtblick.

Heikle Immobilienversprechungen

Während Finchen die Reise mit dem Plan angetreten ist, ihre Begleiterin wieder mit dem Ehemann zu versöhnen, will Radiojournalistin Johanna hinter die betrügerische Abzocke der Kaffeefahrt gelangen. In der Tat geben auch die Unterkunft, die ein heruntergekommenes Landgut anstatt eines Luxusdomizils für die Gäste bereithält und die Versorgung während der Fahrt bereits erste Aufschlüsse. Wiener auf Papptellern anstatt Kaviar und Co. Selbst für die Getränke sollen die Reisenden plötzlich bezahlen. Auf einmal ist dann auch von einer Ferienanlage die Rede, die bei hohen Investitionen lukrative Renditen verspricht. Als wäre das nicht schon des Guten zu viel, macht die Reisegruppe auch noch einen mysteriösen Leichenfund.

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Philip Roth – Jedermann

Benjamin Jendro

30.April
2013

Roth - JedermannSelten ist es leichte Lektüre, die man sich vor die Sinne führt, wenn es darum geht, das Werk eines wirklich großen Autors zu erleben. In der heutigen Zeit werden wir beinahe täglich mit neuer Unterhaltungsliteratur überschwemmt, die oftmals allein darauf ausgelegt ist, kommerziellen Erfolg zu garantieren. Bei denjenigen Autoren, die mit Tiefe arbeiten, ist das eher selten der Fall. Es sind jene Autoren, die in der engen Auswahl für die jährliche Vergabe des Literaturnobelpreises genannt werden. Autoren wie Murakami, DeLillo oder auch Philip Roth. Dieser hat mit „Jedermann“ eine Geschichte hinterlassen, die uns das ganze Elend eines gewöhnlichen Menschenlebens zeigt.

Affären und eine Ehe nach der anderen

Erzählt wird die Geschichte eines Unbenannten. Nur seine Kinder – Lonny, Randy und Nancy – sowie Angehörige und Freunde werden benannt. Ihn selbst erleben wir zwar als Erzähler, er bleibt aber namenlos. Somit wäre der Titel bereits bestätigt, schließlich spielt Autor Roth darauf an, dass es auch das beschriebene Leben eines jeden anderen sein könnte. Beginnend mit der Beerdigung der Hauptperson schließt das Werk mit der sein Leben beendenden Vollnarkose. Dazwischen hört man von einzelnen Stationen seines Lebens, den drei Ehefrauen und drei Kindern, dem Beruf als Creative Director einer renommierter Werbeagentur und der späteren Arbeit als Hobbymaler. Noch zentraler wirken seine jüdische Herkunft, die nicht schließen wollende Krankheitsakte und manch kribbelnde Affäre.

Eine Geschichte von Elend und Einsamkeit

Roth nimmt kein Blatt vor den Mund, Peter Fitz als Sprecher der sechsstündigen Hörbuchfassung macht es ihm nach. Sexuelle Erfahrungen werden durchaus auch detailliert beschrieben. Nichtsdestotrotz aber ist es der dunkle Grundtonus, der überwiegt. Dieser beginnt bei der Leisten-OP im Kindeslater, und setzt sich beim Blinddarmdurchbruch, Koronararterienverstopfung und einem Hinterwandinfarkt fort. Während der Bruder sein Leben lang kerngesund ist, plagt sich der Protagonist mit unzähligen Krankenhausaufenthalten. Dass er zu Werkende eher wehmütig wirkt und der zweiten Ehefrau hinterher trauert, die er mit einem jungen dänischen Model, seiner dritten Gattin, mehrfach betrogen hat, passt ins Gesamtbild. Dieses wird auch im Sterben einzelner Gefährten des Lebens deutlich, die auf den letzten Seiten aus dem Leben scheiden. Da er seine Tochter mit einer erneuten Operation nicht belasten möchte, stirbt er letztlich einsam und für die Verwandten überraschend. Der Zuhörer aber ist nach der fortlaufenden Leidensgeschichte irgendwie auch ein wenig erleichtert – leichte Kost ist das bei weitem nicht.

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James Joyce – Ulysses

Benjamin Jendro

2.April
2013

Joyce - UlyssesLiteraturklassiker tragen eine ganz besondere Bedeutung für uns Menschen. Gerade deshalb klassifizieren wir sie ja auch als Klassiker. Es sind jene literarischen Werke, die aufgrund ihres Inhaltes Elemente in sich binden, die für den Leser bzw. Zuhörer Werte vermitteln und ihn für sein Leben prägen. Erkennen kann man einen Klassiker ganz gut an der Tatsache, dass er es nicht nur in eine aktuelle Bestsellerliste schaffen konnte, sondern auch noch Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später eine gewisse Bedeutsamkeit zugeschrieben bekommt. Der dazugehörige Autor wird dann ebenfalls mit einer gewissen Wertschätzung verbunden. Auf den Iren James Joyce trifft diese Einschätzung ganz sicher zu, die Anerkennung erfolgt nicht nur auf der grünen Insel. Nein Joyce hat die globale Menschheit geprägt, sein Werk „Ulysses“ ist auch heute noch die berühmteste Beschreibung eines erlebten Tages, die jemals in Literatur verpackt wurde.

Ein Tag mit Leopold Bloom

Diesen besagten Tag verbringen wir als Leser oder Zuhörer an der Seite von Leopold Bloom, seinerseits Anzeigenakquisiteur einer Zeitung inmitten von Dublin. Die Erlebnisse, die er am erzählten Tag durchlebt, hören wir unter anderem von Corinna Harfouch, Manfred Zapatka und Dietmar Bär. Diese erzählen das Geschehen, bei dem der Protagonist an den verschiedensten Orten Dublins auf die facettenreichsten Gesichter trifft, die von der Stadt bereitgehalten werden. Das ist letztlich derart interessant, dass auch die Vergabe des Deutschen Hörbuchpreises 2013 für das Beste Hörbuch nicht wirklich überraschend kam. Auch das ist nur ein weiteres Zeichen für die große Klasse, die das Werk von Joyce in sich trägt.

Parallelen zur Odyssee

Wenn man mal bedenkt, dass der Tag, an dem wir Mister Bloom begleiten, der 16. Juli 1904 ist, scheint der Bezug zu einem gewissen Homer durchaus verwegen. Nicht umsonst aber wählte Joyce für sein wohl größtes Stück die englische Übersetzung von Odysseus, jenen bekannten Helden, der einst im antiken Griechenland auf Reisen ging. Auch dabei handelt es sich um einen großen Klassiker der Literaturgeschichte. Wohlgemerkt bestand dieser aus drei Teilen, die „Ulysses“ setzt sich aus der gleichen Anzahl zusammen. Die insgesamt 18 Episoden, die den Tag des Herrn Bloom bestimmen, ähneln denjenigen des früheren Epos ebenso. Anders als der große Odysseus aber plagt sich Leopold Bloom eher mit seinen inneren Gedanken als mit üblen Seemonstern und anderen scheinbar unbesiegbaren Wesen. Während der eine durch die Irren der Welt fährt, geht der andere durch die Irren seiner Stadt und der eigenen Befindlichkeit.

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Michael Tsokos – Die Klaviatur des Todes

Benjamin Jendro

19.März
2013

Tsokos - Die Klaviatur des TodesWenn Gerichtsmediziner Michael Tsokos seine alltäglichen Gebrauchsgegenstände auf den Seziertisch packt, kann das durchaus auch einmal so aussehen wie es die Filme um den Kannibalen Hannibal Lecter vermitteln wollen. So wirklich viel gemeinsam hat das Werkeln eines Gerichtsmediziners mit demjenigen, das Hollywood sonst präsentieren möchte, aber nicht. Schon in seinem ersten Werk „Dem Tod auf der Spur“ hat Tsokos daran keine Zweifel aufkommen lassen. Die Ermittlungen des CSI sind durchaus unterhaltsam, der Realität entsprechen sie nicht. Häufig ist diese weder schwarz noch weiß, sondern eher grau. Ebenso trist ist der gewöhnliche Arbeitstag des Charité-Mediziners. Manche aber bringen dann doch ein wenig Spannung mit sich. Von den brisantesten erzählt uns der Autor durch die Stimme David Nathans in „Die Klaviatur des Todes“.

Authentisch, weil real passiert

Tsokos großes Plus war schon in den ersten beiden Sammelbänden ein besonders hoher Faktor an Authentizität. Beim letzten Projekt „Abgeschnitten“ tat er sich mit Thrillerautor Sebastian Fitzek zusammen und schuf einen durchaus lesenswerten Roman. Das lag auch daran, weil der Hauptakteur Paul Herzfeld ohne Frage den einen oder anderen Wesenszug des Autors übermittelt bekam. Im neuen Band nun kehrt der Autor zu seinen Wurzeln zurück und berichtet von neuen interessanten Fällen. Gepaart mit der Aufdeckung medizinischer Mysterien und einem guten Einblick in das Handwerk eines Rechtsmediziners sind es gerade die realen Verbrechen unserer Gesellschaft, die interessanten Literaturstoff in sich tragen.

Ein Teil des Ganzen

Während Jurist Ferdinand von Schirach, der in einer ähnlichen Art über seine Arbeit schreibt, eher ausschmückend und insofern literarisch hochwertiger agiert, versucht der Wahlberliner einzelne Fälle keinesfalls zu umschreiben. Seine größte Qualität ist die klare Analyse, wenngleich sich dabei während der Ermittlungen manch verborgenes Rätsel ergibt. Interessant ist das vor allem, weil wir von einigen seiner Fälle gehört, manche sogar in den Nachrichten verfolgt haben. Vor knapp zwei Jahren beispielsweise wurde in der Berliner Spree eine zerstückelte und mit Tätowierungen übersäte Leiche gefunden. Wochenlang suchte die Polizei nach einem Täter, Tsokos und seine Kollegen trugen ihren Teil zum Ermittlungserfolg bei. Auch darum macht er keinen Hehl. Des Rätsels Lösung wird nie allein von Rechtsmedizinern gefunden, kein Fall nur durch sie gelöst. Vielmehr liefern sie das eine oder andere Puzzlestück, das seinen Anteil am Gesamten trägt.

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Klüpfel & Kobr - HerzblutDeutsche Krimis können eigentlich nur Eindruck schinden, wenn sie versuchen ein wenig Abstand von den großen Amerikanern zu gewinnen. Nur dann können sie authentisch wirken, nur dann versteht es auch ein mordender Psychopath aus dem Allgäu, viele Leser und Zuhörer für sich zu gewinnen. Als am vergangenen Sonntag Til Schweiger im „Tatort“ erstmals als neuer Chef-Ermittler Nick Tschiller auf die Bühne trat, bekamen die Fernsehzuschauer einen neuen, einen schießgewaltigen Sonntagabendkrimi in die Flimmerkiste gezaubert – sehr eindrucksvoll muss man festhalten. Richtig eindrucksvolle Krimis produziert auch das Autorenduo Klüpfel & Kobr, das seinen legendären Kommissar Kluftinger in „Herzblut“ vor seine nunmehr siebte Aufgabe stellt.

Ein besorgniserregender Anruf

Zur Abwechslung beginnen die Autoren, die erstmals beim Droemer Knaur Verlag veröffentlichten und so ihrer langjährigen Lektorin folgten, mal nicht mit einer Leiche. Zumindest keiner, die der Kommissar zu Gesicht bekommt. Vielmehr ist es ein mysteriöser Anruf, der Kluftinger in seinen neuen Fall katapultiert. Während einer Pressekonferenz seines hochgeliebten Chefs, Polizeipräsident Lodenbacher, erhält Klufti einen anonymen Anruf. So wirklich reden möchte aber niemand mit ihm, dafür aber werden seine Ohren Zeuge einer Mordtat. Seine Kollegen haben dafür nur ein Schmunzeln parat, doch der Angerufene will der Sache energisch auf den Grund gehen.

Ganz neue Facetten

Neben dem Verlagswechsel haben sich auch andere Elemente der Reihe verändert. Die Autoren Klüpfel und Kobr, die auf ihrer Homepage auch mit Koch- und Sightseeingtipps ihres Hauptprotagonisten werben, halten diesen frisch am Leben und zeigen auch die eine oder andere Veränderung. Nicht nur, dass er dem Anrufer hinterherjagt, zeitgleich treibt auch ein Serientäter im Allgäu sein Unwesen. Das dritte Übel bildet Kluftis Körper, der sich erstmals widerspenstig zeigt. Die Pumpe scheint ordentlich gebeutelt und so ist es auch manch amüsante Neuerung im alltäglichen Leben des Ermittlers, die uns bei Laune hält. Weniger Spätzle und ein paar Yogastunden bestimmen das recht unterhaltsame Geschehen, welches Sprecher Christian Baumann auf mehr als zehn Stunden vorträgt.

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Das Nibelungenlied

Benjamin Jendro

5.Februar
2013

Das NibelungenliedEs ist eine der ältesten Erzählungen unseres Landes und gleichzeitig eine, die jede Menge Geheimnisse bewahrt. Noch heute, mehr als 700 Jahre nachdem „Das Nibelungenlied“ erstmals zu Papier gebracht wurde, begeben sich zahlreiche Menschen auf die Suche nach dem legendären Schatz der Nibelungen. Einst hatte Drachentöter Siegfried nach einer mörderischen Verschwörung durch die Hand Hagens dem Tod ins Auge blicken müssen. Aus Angst vor dem Fluch, der auf dem von ihm gefundenen Schatz lag, schüttete der Mörder das Gold in den Rhein. Wo genau, das weiß niemand, so dass der Mythos des so genannten Rheingoldes noch immer zu den größten Rätseln unseres Landes zählt.

Ein Held, der an seinem Ruhm stirbt

Siegfried ist zu Beginn der größten aller deutschen Volkserzählung die zentrale Gestalt. Er besiegt einen schrecklichen Drachen und sichert sich einen gigantischen Schatz. Nach dem Todesstoß badet er im Drachenblut, das seinen ganzen Körper unverwundbar macht. Ein herabfallendes Lindenblatt jedoch verdeckt eine Stelle an seiner Schulter, so dass es für den neidischen Hagen eine Möglichkeit gibt, den Held dem Erdboden gleich zu machen. Siegfried aus Xanthen stellt sich in den Dienst König Gunthers und ehelicht dessen Schwester Kriemhild. Er hilft ihm beim Brauterwerb der Walküre Brünnhilde und ist ihm auch ansonsten sehr ergeben. Doch Gunther ist schwach und offen für neidische Stimmen, die ihn zum Tod des Helden ermuntern. Hagen nutzt die Gunst der Stunde und erhält von der Gattin, die den perfiden Plan nicht durchschaut, den entscheidenden Hinweis auf Siegfrieds Schwachstelle.

Eine Rache, die keine Grenzen kennt

Es ist Kriemhild, welcher der komplette zweite Teil gewidmet ist. Getrieben vom Hass und einer immensen Rachelust vertreibt sie Hagen zunächst aus dem Königreich und verfolgt ihn in der Folge bis an das Ende der vorhandenen Landkarte. Unterwegs sichert sie sich unterschiedliche Hilfe. Da auch der Mörder genügend Kampfbereite für sich begeistern kann, fallen scheinbar Unbeteiligte zu Haufe dem Tode zum Opfer. Sprecher Rolf Boysen, der auch der „Ilias“ seine Stimme lieh, versinnbildlicht die Szenerie in Perfektion. So werden wir als Zuhörer direkt in das Geschehen eingebunden und können die Gefühle und Emotionen der einzelnen Protagonisten in jeder Zeile mitfühlen. Über allem jedoch schwebt das ewige Mysterium des größten heute noch verborgenen Schatzes.

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Die Fernsehjournalistin Anne Gesthuysen ist eher aus dem „ARD-Morgenmagazin“ denn als Autorin bekannt. Doch mit ihrem Romanerstling „Wir sind doch Schwestern“ schaffte sie es auf Anhieb in die Bestsellerlisten. In dem Buch, das hier mit der Sprecherin Doris Wolters hervorragend vertont wurde, arbeitet Gesthuysen das Leben ihrer drei patenten und schicksalserprobten Großtanten auf.

Katharina, Paula und Gertrud stammen vom Niederrhein und sind zusammen 298 Jahre alt. Um Gertruds 100. Geburtstag zu feiern, treffen sie sich auf dem Tellemannshof, der allerdings für alle Schwestern Erinnerungen an die Vergangenheit hervorruft – gute und schlechte. In vielen Rückblicken auf ihre allesamt nicht geradlinigen Lebensläufe erzählt Gesthuysen vom Schicksal der Großtanten. Vor allem die Liebesgeschichten der faszinierenden Frauen bewegen beim Zuhören: Gertruds und Kattys große Lieben scheitern am Standesunterschied, Paulas Ehemann entpuppt sich als homosexuell und wird sogar wegen seiner Neigung verhaftet, ein jüdischer Verehrer wird von Gertrud wegen seiner Religion abgelehnt. Die kleinen Anekdoten aus dem Familienleben, die im schönsten Plauderton vorgetragen werden, spiegeln so immer wieder das Weltgeschehen des 20. Jahrhunderts wider, das Porträt der Großtanten wird auch zum Porträt einer Epoche.

Eine mitreißende Geschichte – mal komisch, mal berührend, liebevoll erzählt und von Doris Wolters gekonnt gelesen – „Wir sind doch Schwestern“ ist einfach gute Unterhaltung.

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Irene Dische – Großmama packt aus

Benjamin Jendro

8.Januar
2013

Dische - Großmama packt ausSelbstverständlich finden sich in jedem Werk auch immer Charakteristika wieder, die der Autor oder die Autorin selbst aufweist. An niemandem zieht das Leben so einfach vorbei, ohne dass man durch die gemachten Eindrücke geprägt wird. Für Schriftsteller gilt das wohl umso mehr. Sie sind es nämlich letztlich, die ihren Eindrücken auf einem Stück Papier volle Entfaltung zukommen lassen können. Schriftstücke jeder Art dienen auch immer dazu, eigene Fragen an das Leben zu beantworten. Für Irene Dische war das in „Großmama packt aus“ die eigene Zugehörigkeit. Christin oder Jüdin, Deutsche oder Amerikanerin?

Jude ist man von Geburt an

Ohne Frage lässt sich in der Erzählung aus Sicht ihrer Großmutter Elisabeth Rother eine Menge aus dem Leben der Autorin selbst herauslesen. Irene selbst wird in den nostalgischen Erinnerungen der Erzählerin als missratenes Mädchen dargestellt, das schon aufgrund der Gene ihre Vaters für den folgenden Weg gekennzeichnet wurde. Noch aussagekräftiger aber sind die Ereignisse, die sie über die früheren Generationen vermittelt. Elisabeth ist eine gute Katholikin, die sich lange vor Kriegsausbruch in den jüdischen Arzt Carl Rother verliebt. Dieser konvertiert zum Christentum, hat kaum etwas für das Judentum übrig und selbst bei genauer Betrachtung erinnern nur seine große Nase und die dunkeln Augen an die Herkunft. Das ändert jedoch nichts am Hass der Nazis, die ab 1933 die Geschicke des Landes leiten.

Auf der Suche nach der jüdischen Identität

Es scheint ihr entscheidender Fehler gewesen zu sein, einst einen Juden geheiratet zu haben. Mit Lug und Trug gelingt es ihr, die Familie in Sicherheit zu bringen, noch ehe das große Morden losgeht. Elisabeth hat eigentlich nichts für Juden übrig, sie liebt einfach nur ihre Familie, zu der auch Tochter Renate gehört. Auch für sie ist das Leben schwer, obwohl sie selbst kein Bezug zum Judentum hat. Die Sinnlosigkeit dessen zeigt sich beispielsweise in der Haltung von Hausdame Liesel, die zwar Urdeutsche ist, aber vehement für die Familie eintritt. Deren Schicksal bringt sie in die USA, wo Renate sich weiterentwickelt und später einen Juden nach dem anderen heiratet. Sie ist in den Augen ihrer Mutter ebenso verkommen wie auch die spätere Irene. Nüchtern betrachtet Elisabeth Rother das Geschehen ohne der Autorin, ihrer Enkelin, eine abschließende Erklärung darüber zu geben, wo sie eigentlich hingehört.

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Feuchtwanger - Die Geschwister OppermannGerade in der deutschen Geschichte kann man auf der Suche in der Historie so manch dunkle Kapitel finden. Wir sind uns durchaus über unsere Vergangenheit im Klaren, spüren sie selbst heute noch tagtäglich. Obwohl wir mittlerweile innerhalb der Europäischen Union auf rechtmäßigem Weg zu einer unersetzlichen Führungsfigur gereift sind, bringt man die Deutschen auch immer mit der nationalsozialistischen Phase zwischen 1933 und 1945 in Verbindung. Viele der heutigen Menschen jedoch wissen bis auf das, was ihnen der Lehrunterricht über Hitler, seine Machtergreifung und den Zweiten Weltkrieg vermittelt, kaum etwas über die Phase. Wie gestaltete sich das Leben in ihr, besonders als Jude. „Die Geschwister Oppermann“ von Lion Feuchtwanger erzählen es und zeigen dafür das Schicksal einer Familie in den frühen 1930ern.

Ein Familienimperium in Berlin

Der zweite Teil von Feuchtwangers Wartesaal-Trilogie beginnt mit der Darstellung von Möbelhausbesitzer Gustav Oppermann, der seinen 50. Geburtstag feiern soll. Neben seinen Lebensumständen erfahren wir auch jede Menge über seinen Bruder Martin, den Geschäftsführer des Möbelhauses, der mit der Tochter eines hohen preußischen Beamten verheiratet ist. Auch von den anderen beiden Geschwistern, dem Arzt Edgar und der Schwester Klara, erfahren wir einiges. Es sind insbesondere die alltäglichen Begebenheiten, von denen wir in diesem Familienroman zu hören bekommen. Diese vermitteln durchaus ein Bild der frühen Phase nach der Machtergreifung, die es dem Leben der jüdischen Familie alles andere als leicht macht.

Verschiedene Perspektiven

Obwohl sich das Werk auf beinahe 8 Stunden streckt und von Michael Degen aufgrund der Thematik auch in bedrückender Art und Weise vorgetragen wird, erscheint es zu keiner Zeit langatmig. Vielmehr ist man dank der Figurenbreite gefesselt, von den einzelnen Charakteren und auch von dem, was von ihnen erzählt wird. Aus mehreren Sichten erleben wir den Blick auf das nationalsozialistische Deutschland. Die Gefahr, die für die Oppermanns von diesem ausgeht, wird wie von vielen anderen der Zeit anfangs noch unterschätzt. Später aber verstehen nicht nur sie, warum ein Emigrieren zwanghaft notwendig ist. Dass es dann für einige Mitglieder bereits zu spät ist, gehört ebenso zum Geschehen wie der dunkle Beigeschmack, den das Gesamtwerk für uns bereithält.

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Günter Grass – Die Blechtrommel

Benjamin Jendro

16.Oktober
2012

Grass - Die BlechtrommelMit Mo Yan wird zum diesjährigen Jahrestag von Alfred Nobel der erste Chinese für sein Land mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Deutschland gelang dieses Kunststück bereits vor gut einhundert Jahren, als Paul Heyse den begehrtesten Schriftstellerpreis einheimsen konnte. Ihm folgten sieben weitere Landsleute, unter anderem mit Günter Grass jemand, der 1999 gewann, „weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat“. Gemeint war damit in erster Linie sein großer Durchbruch „Die Blechtrommel“. Der heutige Hörbuchtipp soll an einen der größten Literaten unserer Tage erinnern, auch, weil dieser heute seinen 85. Geburtstag feiert.

Ein Mann des 20. Jahrhunderts

Es kommt nicht von ungefähr, dass Günter Grass sich in seinen Werken intensiv mit den Geschehnissen seines Lebens beschäftigte. Insbesondere das 20. Jahrhundert hielt für die Menschen eine Reihe an guten und schlechten Augenblicken bereit. Gerade die deutsche Bevölkerung erlebte einen politischen Wandel, der seinesgleichen sucht. Mit gerade einmal 17 Jahren trat Grass damals der Waffen-SS bei. Mit Hitler selbst hatte er nie sympathisiert, die Hitlerjugend empfand er als ungeeignet. Nichtsdestotrotz war er ein Mann seiner Zeit und dieser wurde eben an gewisse Regeln gebunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Grass politisch aktiver und bekam nun auch vermehrt die Chance, die eigenen Ansichten publik zu machen. Kritisch beobachtete er beispielsweise die Entzweiung von Ost und West, noch gravierender ihren ungleichmäßigen Zusammenschluss. Ab den 1950ern dienten ihm auch seine schriftstellerischen Werke zur Meinungsäußerung. In der Danziger Trilogie, deren Auftakt „Die Blechtrommel“ bildete, wird dies mehr als sichtbar. Dort zeigt der Autor die Entwicklung seiner Heimat bis in die Adenauer-Zeit, wobei er mit dem Hauptakteur Oskar Matzerath eine sonderbare Figur in den Fokus stellt, die ihm selbst sehr ähnlich scheint.

Ein Liliputaner und seine Leidenschaft zu trommeln

Bevor besagter Oskar in das Geschehen integriert wird, erfährt der Zuhörer von den Gegebenheiten seiner Herkunft. Wir hören, wie seine Mutter Agnes gezeugt und in was für Verhältnisse sie geboren wird. Schon bei ihrem Schicksal zeigt Grass, in welch brisanter politsicher Situation sich die Menschen befinden. Im Lauf der Geschichte heiratet sie den Hobbykoch Alfred, Oskars Vater. Interessanterweise wurde auch Grass in ein vergleichbares Elternhaus geboren, was deutlich macht, wie sehr er im Werk seine eigenen Erlebnisse und offene Fragen etabliert. Nach einem von ihm herbeigeführten Unfall, wächst der kleine Oskar nicht mehr weiter und wandelt fortan als Liliputaner durch die Tücken des Lebens. Immer mit dabei hat er seine Trommel, von der er sich zu keiner Zeit lösen möchte. In diesem zeigt sich immer mehr der Einfluss, den der Krieg erzielt. So fungiert der Autor, der gleichzeitig zum Leser des 28-stündigen Hörabenteuers geworden ist, auch als ein brillanter Historiker. Dieser zeigt uns die sich wandelnde Gesellschaft bis in die später Nachkriegszeit, bleibt dabei ein Begleiter von Oskar und irgendwie auch immer ein Erzähler, der in jedem Augenblick präsent geblieben ist.

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