...entführen dich in eine andere Welt

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Vier Frauen und ein MordDie Krimis von Agatha Christie wurden oft, gern und gut verfilmt. Dass Drehbuch und Romanvorlage zumeist aber entscheidend voneinander abweichen, ist den Wenigsten bekannt. Ein vortreffliches Beispiel hierfür ist das von Oliver Kalkofe gelesene Original von „Vier Frauen und ein Mord“, in der Agatha Christie ihren kauzigen Kommissar, Hercule Poirot, in einem Fall auf die Suche nach Beweisen schickt, der im Grunde längst schon geschlossen wurde.

Als die betagte Dame Mrs McGinty in ihrer Wohnung beraubt und ermordet gefunden wird, scheint die Lage klar: Zweifelsohne handelt es sich bei ihrem Mörder um ihren Untermieter James Bentley, auf den alle Indizien zeigen und der seine Schuld auch nicht widerlegt. Das Urteil lautet „Galgen“. Inspektor Spence vermutet einen größeren Zusammenhang und rekrutiert seinen Freund Hercule Poirot zur Aufklärung. Auch er tappt lange im Dunkeln, bis ihm ein Brief der Toten in die Hände fällt, der das Zeitungsbild von vier Verbrecherinnen beinhaltet. Zufall oder Zusammenhang?

Agatha Christie sät Zufälle so spärlich wie in der Wüste Blumen wachsen. Auch in „Vier Frauen und ein Mord“ durchwandert der Protagonist viele Sackgassen, Kreisverkehre und kommt schlussendlich doch ans Ziel. Oliver Kalkofe, eher bekannt als sympathisches Schandmaul der TV-Landschaft, navigiert seriös und unterhaltsam durch drei CDs. Der Facettenreichtum seiner Stimme passt perfekt zu den skurrilen Persönlichkeiten der Handlung, deren Ton er durchweg grandios trifft. Christie und Kalkofe – eine gelungene Kollaboration!

 

 

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Edgar Wallace – Der Joker

Benjamin Jendro

27.April
2012

Manche Menschen bekommen es einfach in die Wiege gelegt, diese Fähigkeit, andere mit den eigenen Worten zu berühren. Im Fall von Edgar Wallace ist es seit Urzeiten das Auslösen von Gefühlen wie Angst, Furcht und Spannung, was seine Kriminalgeschichten auszeichnet. Es ist schon verblüffend, wie die Ideen eines Mannes, der seit nunmehr über 80 Jahren nicht mehr auf einer Welt verweilt, die zunehmend grausamere Verbrechen kennenlernt, es noch immer schafft den dort lebenden Individuen einen Schauder in die Seele zu platzieren. Im Hörspiel von „Der Joker“ gelingt ihm dies einmal mehr, auch dank eines Protagonisten, der seine Brötchen auf clevere Weise ohne großes Dazutun verdienen möchte.

Er raubt weder einfachen Menschen noch großen Banken das Geld, dealt nicht mit Drogen oder hat seine Finger in anderen krummen Geschäften wie Prostitution und Glücksspiel. Seine große Einnahmequelle ist die eigene Autorität. Ganz nach großem Mafiavorbild will der Joker von jedem gedrehten Ding seinen Anteil haben. Jeder Ganove, der ihm das verweigert, bezahlt mit dem Leben. Alles, was die Ermittler Higgins und Lane dann bei den Leichen finden, ist eine Karte von Jolly Joker. Womöglich ist diese der einzige Weg, um dem Mörder das Handwerk zu legen, vielleicht aber auch dessen Vorliebe für schnelle schwarze Autos.

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Ferdinand von Schirach – Der Fall Collini

Benjamin Jendro

18.April
2012

Strafverteidiger Ferdinand von Schirach hat in seinem bisherigen Leben vermutlich mehr Übel in der Welt gesehen als es zehn andere Personen in zwei  oder drei Menschenleben schaffen würden. Zu seinem alltäglichen Klientel gehören Mörder, Erpresser und Drogenhändler, Psychopathen und, wohl noch schlimmer, vollkommen normale Menschen aus unserer Nachbarschaft. Hatte uns der Autor Ferdinand von Schirach anfangs mit der Darstellung von kürzeren Episoden seiner Arbeit begeistert, stellte er dies mit „Der Fall Collini“ zuletzt ein wenig auf den Kopf, was aber keinerlei Einfluss auf seinen Unterhaltungswert als Schriftsteller für bewegende Verbrechen ausüben konnte. Ganz im Gegenteil, denn anhand der längeren Geschichte kommt sogar noch ein wenig mehr Spannung auf.

In der Tat wird man bei der Betrachtung des jungen Anwalts Caspar Leinen und seinem Versuch, den Fall aufzuklären, irgendwie selbst zum Teil der Szenerie. Ein scheinbar friedlicher Mann, Werkzeugmacher Collini, bringt aus heiterem Himmel einen Großindustriellen auf heimtückische und brutale Art und Weise um. Leinen kennt den Toten und führte zumindest in seiner Kindheit eine recht enge Beziehung zu diesem. Der anfängliche Gewissenskonflikt, ob es richtig sei, weiter an dem Fall zu arbeiten, stellt im Vergleich zum Rest des Werkes, das von Burghart Klaußner gelesen wird, aber noch ein eher geringes Spannungsmoment da. Viel größer sind die nachfolgenden, die eine Wendung nach der anderen mit sich bringen.

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Ohren gespitzt! Volker Klüpfel und Michael Kobr, das erfolgreichste Autoren-Duo Deutschlands, präsentieren mit „Schutzpatron“ den sechsten Teil ihrer überaus erfolgreichen Comedy-Krimi-Serie rund um ihren Lieblings-Hauptkommissar Kluftinger, der abermals dümmer ist, als die Polizei erlaubt. Seine Arbeitsweise beschreibt man besser mit unbedarft als ausgereift, doch darin liegt der Reiz dieses paradoxerweise spießigen Chaoten. Schauplatz ist wieder Kempten, der Geburtsort beider Autoren, den sie natürlich kennen wir ihre Westentasche. Vor dieser Kulisse inszenieren sie eine spannende wie aberwitzige Geschichte, die doppelt gut unterhält.

Kluftinger hat nicht nur ein Problem, sondern mehrere: Zuerst stellt sich der vorab vermutete natürliche Tod der 82-jährigen Maria Zahn als Mord heraus und parallel wird er außerdem dazu abberufen, die heimgekehrte Wanderausstellung des Burgschatzes zu beaufsichtigen. Teil dieser Ausstellung sind die sterblichen Überreste des heiligen Magnus, dem Schutzpatron des Allgäus, mit unschätzbarem Wert. Er und Maier, ein ähnlich plumper Kollege, staunen nicht schlecht, als sich Zusammenhänge zwischen dem Tod der alten Frau und der baldigen Museumsausstellung ergeben. Neben diesem verzwickten Fall steht er außerdem vor dem Problem, dass sein Auto gestohlen wurde. Vor Scham verschweigt er den Diebstahl vor seinen Kollegen und seiner Frau, was selbstverständlich stressige Momente und dämliche Erklärungen zur Folge hat.

Mit lockerer Zunge verlesen Klüpfel und Kobr auf 6 CDs keine klassische Variante eines Krimi-Hörbuchs, sondern Klamauk, Possen und sketchartige Situationen verpackt in eine spannende Rahmenhandlung. Unkonventionell und bodenständig, clever, aber auch irgendwie wahnsinnig löst der sympathische Pseudo-Held Kluftinger jedes noch so schwierige Rätsel und unterhält uns dabei auf ganz prächtige Weise mit seinen Marotten. Ein erstklassiger Hörgenuss!

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Eine Mafia-Geschichte. Aha. Diese Thematik scheint im ersten Moment vollkommen ausgeschlachtet. „Die Sopranos“ oder „Der Pate“ vermittelten bereits einen allumfassenden Einblick in das Leben der italienischen Verbrecher in Amerika und lassen kaum Platz für größere Erfolge. Doch Josh Bazell begeistert in „Schneller als der Tod“ mit einer anderen Sichtweise und zeigt das scheinbar beruhigte Leben eines Mafiosis nach seinem Ausstieg. Doch seine Tarnung fliegt auf und ein Alptraum beginnt.

Pietro Brnwa wagt den gefährlichen Absprung und beendet seine Karriere als krimineller Mafiosi. Innerhalb des Zeugenschutzprogramms wird sein Name in Dr. Peter Bown geändert und er erhält eine Anstellung in einem New Yorker Krankenhaus. Seine verdeckte Identität bietet ihm lange den ersehnten Alltag und eine neue Sicherheit, die er bis dato nicht mehr kannte. Dummerweise ist einer seiner Patienten ein ehemaliger Bekannter aus seiner Vergangenheit, der ihn erkennt und verrät. Rettet Brown das Leben dieses bereits zum Tode verurteilten Krebspatienten, darf er sein eigenes behalten. Ein aussichtsloser Wettlauf gegen die Zeit beginnt…

Bazell gelang mit seiner ersten Veröffentlichung auf Anhieb ein weltweiter Riesenerfolg. Meisterhaft kombiniert er seine ausgefeilte Sprache mit einem gelungenen Spannungsbogen, trockenes Medizinwissen mit beißendem Sarkasmus und beschreitet überaus anschaulich den Weg eines gebeutelten Protagonisten, der früher moralisch zweifelhaft handelte und sich heute reumütig reflektiert. Gerade das Hörbuch weiß aufzutrumpfen, denn keiner könnte dieses zynische Treiben besser in Szene setzen als Christoph Maria Herbst, unser heißgeliebter Stromberg-Darsteller, dessen Stimme perfekt zur Intention des Autors passt. Niemand geringeres als Leonardo Di Caprio sicherte sich augenblicklich nach der Herausgabe des Buches die Filmrechte und setzte damit seinen Namen auf die ellenlange Liste von Fans des Thrillers. Für das klassische Urteil „Das Buch war aber besser als der Film!“, sollten sich alle Interessierten demnach also sehr beeilen. Ein Hörbuch-Hit!

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Achtung! Bei den folgenden Vorschlägen kann es einem wirklich schon einmal mit einem heftigen Schauer durchziehen. Einen richtig guten Thriller zu lesen kann beeindruckend sein, man kann sich gruseln. Auch bei einer Hollywoodproduktion ist das möglich, sieht man doch zur Story auch noch die bildliche Darstellung. Am schlimmsten jedoch ist es, etwas zu hören und es nicht zu sehen, sich selbst Gedanken darüber zu machen, wie die Szenerie ausgemalt erscheinen könnte. Nichts ist so gruselig wie unsere eigene Phantasie. Die folgenden Krimi-Hörbücher liefern auf jeden Fall den richtigen Anstoß, um sich etwas wirklich Gruseliges vorzustellen.

John Katzenbach hat mir schon mehrfach einen Schrecken eingejagt. Das Hörbuch zu „Der Professor“ ist aber bisher unerreicht, was vor allem damit zu erklären ist, dass man beim Zuhören irgendwie die Demenz des Professors gleich mitgeliefert bekommt und selbst nicht mehr so wirklich unterscheiden kann, was echt und was Fiktion ist. „Totengleich“ von Tana French ist auch nicht gerade etwas für schwache Nerven. Explizit werden diese gleich zu Beginn auf die Probe gestellt, als Agent Cassie Maddox eine Frauenleiche findet, die ihr bis auf jede Einzelheit genau aus dem Gesicht geschnitten scheint. Zur „Obsession“ wird Angst bei Simon Beckett. Wer sich bis dato noch nicht gegruselt hat, wird bei ihm garantiert sein erste Mal erleben. Als Witwer Ben den Schrank seiner verstorbenen Frau Sarah ausräumt, erkennt er, dass auch sein letzter Halt im Leben, ihr autistischer Sohn Jacob, gar nicht ihr Sohn war, sondern sie ihn einst entführte.

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Daniel Kehlmann – Ruhm

Benjamin Jendro

21.März
2012

Worin besteht der Sinn des Lebens? Auf diese Frage gibt es genau genommen keine patente Antwort, schließlich sind wir alle verschieden und wollen unterschiedliche Sachen. Während die einen möglichst viel Geld machen wollen und in Statussymbolen ihre Erfüllung finden, handelt es sich bei anderen um Familienmenschen. Manch einer will Kinder hinterlassen, ein anderer seine Spuren in der globalen Geschichte. Hier könnte man dann von wirklichem Ruhm sprechen und wäre wohl bei einem der Grundbedürfnisse des Menschen angelangt. Autor Daniel Kehlmann hat sich diese Problematik zu Herzen genommen und in „Ruhm“ viele verschiedene Personen zusammengeführt, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben und trotzdem durch ihren Wunsch nach eben jenem Grundbedürfnis vereint sind.

Ab morgen kann man das Werk auf der Kinoleinwand bewundern, im Hörbuch lauscht man einfach den Stimmen von Nina Hoss und Ulrich Matthes. Diese erzählen die insgesamt neun Geschichten und liefern so mehr als fünf Stunden die jeweiligen Probleme und Bedürfnisse der einzelnen Charaktere. Unter ihnen wären zum Beispiel ein Schauspieler, der plötzlich keine Rollenangebote mehr bekommt oder eine Autorin, die in Zentralasien verschwindet. Eine ältere Dame protestiert gegen den Schriftsteller, der sie erfunden hat. Ein Internetblogger hingegen würde gerne mal eine Rolle in einem Roman spielen. Mit seiner Rolle kommt ein Mann nicht mehr klar, der ein Doppelleben mit zwei Frauen führt. Ebenso wenig die Frau eines anderen Schriftstellers. Diese fürchtet sich davor, einmal im Werk ihres Mannes vorzukommen, wo wir dann auch wieder beim verwirrten Internetblogger oder dem angebotslosen Schauspieler sein könnten.

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Jo Nesbø – Headhunter

Benjamin Jendro

16.März
2012

Ein guter Thriller braucht einige gewisse Attribute, damit er den Leser auch wirklich berühren kann. Es bedarf einer Handlung, die man so oder in ähnlicher Form noch nicht woanders gelesen oder gehört hat. Außerdem einen charakteristischen Hauptprotagonisten, der zur Identifikation einlädt und einige gruselige Darstellungen bestimmter Szenen und Orte. In Perfektion hinbekommen haben das in den letzten Jahren vor allem Autoren aus Skandinavien. Vielleicht liegt es an der dortigen Kälte, eiskalt sind ihre Szenarien auf jeden Fall. Der Norweger Jo Nesbø macht da keine Ausnahme und so wird auch „Headhunter“ zu einem grandiosen Hörerlebnis mit absolutem Thriller-Faktor.

Von Johannes Steck gesprochen kann man Jo Nesbø zu einhundert Prozent spüren und anders als viele andere Thriller gilt das für die gesamte Zeit. Ohne Langeweile aufkommen zu lassen wird der Zuhörer auf die Fährte von Headhunter Roger Brown geschickt. Dieser berät jegliches Personal erfolgreich und genießt einen hohen Ruf in allen Wirtschaftskreisen. Er hat aber noch ganz andere Vorlieben und Stärken, von denen niemand weiß. Sein Fable für Kunstgegenstände jeder Art hat schon so manchem Klienten ein leeres Haus hinterlassen. Ähnlich soll es auch dem Niederländer Greve gehen, der einen lang verloren gedachten Rubens besitzt. Brown entwendet diesen, doch dieses Mal bleibt sein brillanter Coup nicht ohne Folgen.

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Sebastian Fitzek – Der Augenjäger

Benjamin Jendro

9.März
2012

Es scheint im menschlichen Naturell zu liegen, dass wir auch heute noch, im 21.Jahrhundert, sammeln. War es in der Urzeit meist die Aufgabe der weiblichen Geschöpfe, kennt das Sammeln heute keine Geschlechtergrenzen. Wir sammeln Briefmarken, Fußballbildchen, Modellautos und Kuscheltiere, Porzellantierchen oder Gartenzwerge. Weder der Art der Gegenstände noch dem Umfang ihrer Anzahl sind Grenzen gesetzt. Das andere Phänomen der Urzeit waren die Jäger, deren Aufgabe darin bestand, der Familie etwas für das Essen zu besorgen. Um diese Aufgabe zu bewerkstelligen müssen wir heute nicht mehr mit Speer bewaffnet durch das Land ziehen. Sebastian Fitzek hat in seinem Thriller „Der Augenjäger“ die Kategorie auf ein erschreckende Art und Weise wiederbelebt.

Definitiv die richtige Wahl wurde bei der Besetzung des Hörbucherzählers getroffen, spricht doch mit Simon Jäger einer, der sich zumindest vom Namen her identifizieren können müsste. Wie schon beim Vorwerk „Der Augensammler“ ist es die blinde Physiotherapeutin Alina, welche die letzte Hoffnung für die Polizei darstellt, einem Psychopathen das Handwerk zu legen. Bei diesem handelt es sich um den Augenspezialisten Dr. Suker, der tagsüber sehr nett wirkt, abends jedoch auf Frauenjagd geht. Seinen Opfern trennt er zunächst chirurgisch perfekt die Augenlider ab ehe er sie vergewaltigt und dadurch ihr Leben komplett zerstört.

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Unter dem Deckmantel der Ordnung und des guten Benehmens bevorzugt das allgemeine Bildungsbürgertum eher den Ruf der Langweiligkeit als in einer negativen Art aufzufallen. Dass vor der eigenen Haustür pedantisch gekehrt wird, es dahinter aber zumeist sehr schmutzig ist, hat das Leben oft bewiesen. Anna Katharina Hahn ist eine genaue Beobachterin der vermeintlich kleinen Banalitäten, die in ihrer Summe jedoch alles verändernd sind. Ebenso beschreibt sie sachlich absurde Momente und traumatisierende Schicksalsschläge und zeigt doch Richtungen der moralischen Interpretation auf. In ihrem Hörbuch, „Am schwarzen Berg“, taucht sie tief ein in die Dramen zweier Familien, deren Geheimnisse, durch die weißen Spitzen des nachbarschaftlichen Gartenzauns, lange ausgedünnt wurden.

Hahn erzählt die Geschichte eines kinderlosen Paares, das sich des vernachlässigten Nachbarsjungen in einer obsessiven Weise statt der leiblichen Eltern annimmt und, mithilfe der Dichtung Eduard Mörikes, sinngebend prägt. Die übersteigerte Illusioniertheit, Sensibilität und Romantik, als Resultat dieser Belesenheit, bringt ihn als jungen Erwachsenen nach einer gescheiterten Beziehung, alkoholkrank und verwahrlost, zurück in sein Elternhaus. Trotz seiner offensichtlichen Selbstaufgabe fördert sein schwärmirischer Idealismus die kritische Auseinandersetzung mit dem Bauprojekt „Stuttgart 21“, für das er sich brennend engagiert. Diese alternative Lebensweise steht beinahe im anarchistischen Gegensatz zur erzwungenen Normalität des Elternhauses, das Probleme in fremden Betten relativiert und den Willen auszubrechen, kultiviert in Wein ertränkt. Das Gespinst aus nicht erfüllbaren Erwartungshaltungen, bequemen Lebenslügen und absichtlichem Spießbürgertum verknotet sich und endet als vermeidbare Katastrophe.

Stephan Schad liest Hahns Romanvorlage voll und ganz im Sinne der Autorin. In 5 CDs trifft er durchweg den richtigen, auktorialen Ton, den es braucht, um als gespannter Zuhörer in diese gnadenlose Milieustudie einsteigen zu können. Auszüge aus Mörikes dichterischer Arbeit, Rückblenden und ein ausgeschmückter Schreibstil gleichen die absichtlich nüchterne Darstellung der Geschehnisse aus und runden den Inhalt ab. „Am schwarzen Berg“ erstellt authentische Psychogramme, die in all ihrer extremen Abnorm erschreckend gewöhnlich sind. Anna Katharina Hahn beleuchtet komplementäre Lebensmotive, wie sie generationsübergreifend gerne entstehen, und bringt sie in kritische Positionen zueinander. Sucht, Untreue, gesellschaftliche Eitelkeit und die Frage nach einem sinnlosen Leben ohne Kinder in einer aufgeklärten Welt der Gebildeten sind klassische, auch antike, Motive für Dramen, aber so modern und aktuell erzählt, erlebt man sie selten. Ein neugieriges Blinzeln durch das Fenster eines Nachbarn, dessen Anblick schockiert.

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