...entführen dich in eine andere Welt

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schande der lebendenDer preisgekrönte britische Krimiautor Mark Billingham (u.a. Die Scherben der Wahrheit, Zeit zum Sterben) ist einer der international erfolgreichsten seiner Zunft. Sein vor zwei Jahren erschienener Thriller „Die Lügen der Anderen“ war in Großbritannien ein Nummer-1-Bestseller, der von Kritikern wie Lesern gleichermaßen gefeiert wurde. Nun gelang ihm mit „Die Schande der Lebenden“ wieder ein Psychothriller der Extraklasse, der als autorisierte Hörfassung bei GoyaLit erschienen ist. Die Hörer erwarten über fünf Stunden Spannung mit starken Dialogen und feinen Charakterzeichnungen.

Hattet ihr eine gute Woche?

Jeden Montag treffen sich im Haus des Therapeuten Tony fünf sehr unterschiedliche Menschen zur Therapiesitzung: Der medikamentenabhängige Arzt Robin, der süchtige Stricher Chris, die Alkoholikerin Diana, die essgestörte Caroline und die drogen- und spielsüchtige Heather. In ihrem kleinen Kreis offenbaren sie ihr Innerstes, doch alle Geheimnisse bleiben in der Gruppe. Als ein Mitglied der Therapiegruppe ermordet wird ist schnell klar, dass der Mörder im Kreis der montäglichen Sitzungen zu suchen ist. Doch wer hatte ein Motiv?

Spannende Tätersuche

Mark Billingham erzählt diesen fast unblutigen, spannenden Thriller geschickt in drei Zeitebenen. Das verwirrt anfangs etwas, doch bald wird man beim Zuhören in den Sog der Tätersuche gezogen. Alle Hauptfiguren werden detailliert charakterisiert, immer wieder werden dem Hörer neue Motive offen gelegt und der Verdacht in die eine oder andere Richtung intensiviert. Bis zum überraschenden Ende zieht der Autor die Spannungsschraube geschickt an, und die Auflösung mag zwar für den einen oder anderen etwas unbefriedigend sein, ich fand sie jedoch sehr schlüssig. Dazu erweist sich Uve Teschner als sehr passender Sprecher, der die fesselnde Geschichte nuancenreich vorzutragen weiß.

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kleiner mannHans Fallada gehört zu zwischenzeitlich fast vergessenen Autoren, die plötzlich eine Renaissance erleben. Über 60 Jahre nach seinem Tod wurde sein Widerstandsroman „Jeder stirbt für sich allein“ in der ungekürzten Originalfassung neu veröffentlicht und ein Verkaufserfolg. V.a. im englischsprachigen Ausland war „Alone in Berlin“ ein Bestseller; die Hollywoodverfilmung des Stoffes wird im Herbst 2016 zu sehen sein. Weltberühmt wurde Fallada 1932 mit einem anderen Roman: „Kleiner Mann, was nun?“ über das Schicksal des Verkäufers Pinneberg und seiner Frau Lämmchen, die sich in den letzten Jahren der Weimarer Republik mühsam durchschlagen, begeisterte damals nicht nur die Leserschaft in Deutschland. Auch dieser Roman wurde nun im Aufbau Verlag in einer ungekürzten Originalfassung veröffentlicht und vertont.

Der Krise trotzen

Das junge Paar Johannes Pinneberg und Emma Mörschel – die beiden nennen sich nur „Lämmchen“ und „Junge“ – lernt sich im Sommer 1930 in der norddeutschen Provinz kennen und heiratet, als sich Nachwuchs ankündigt. Als Pinneberg seine Stellung verliert, kommen die jungen Leute zunächst bei seiner ungeliebten Mutter Mia in Berlin unter, deren Lebensgefährte Jachmann dem gelernten Verkäufer auch eine Stelle beim großen Warenhaus Mandel verschafft. Doch die Sorgen reißen nicht ab: Wie soll das Paar mit dem mickrigen Gehalt über die Runden kommen? Wie verkraftet Pinneberg den steigenden Verkaufsdruck im Laden? Wo findet man eine günstige Wohnung? Und wird es den beiden gelingen, den neu geborenen Murkel richtig großzuziehen?

Erstmals in der Originalfassung

Neben all den Alltagssorgen versteht es Hans Fallada, in „Kleiner Mann – was nun?“ immer wieder humorvolle Szenen und Dialoge einzubauen. Seine grundsympathischen Protagonisten wachsen dem Hörer schnell ans Herz, und die authentische Schilderung des Milieus der Pinnebergs, die Mischung aus Sentimentalität und Sachlichkeit, beruflicher Ausweglosigkeit und privater Idylle, verleiht dem Roman einen ganz eigenen Charme. Die Lesung mit Frank Arnold ist zwar gekürzt; die ursprünglich gestrichenen Teile wie z.B. der Besuch verschiedener Nachtclubs, politische Kommentare und innere Monologe Pinnebergs sind aber erfreulicherweise in dieser Vertonung dabei. Durch die Details der Originalfassung gewinnen die Charaktere an Tiefe, und die Atmosphäre zum Ende der Weimarer Republik wird noch greifbarer.

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geisterfrauMit seiner Dr. Siri-Reihe schreibt der seit langem in Südostasien lebende britische Autor Colin Cotterill immer wieder außergewöhnliche Krimis. Das liegt zum einem am exotischen Schauplatz der Fälle – Laos – und der chaotischen Zeit, in der sie spielen: die späten 70er Jahre, als nach dem Vietnamkrieg auch in Laos die Kommunisten die Macht übernahmen. Zum anderen aber auch an der unwiderstehlich charmanten Hauptfigur: Dr. Siri ist bereits über 70 Jahre alt und freut sich auf den verdienten Ruhestand, als er, der eigentlich Chirurg ist, zum einzigen Leichenbeschauer des Landes ernannt wird. Mit übersinnlicher Intuition, einem alten französischen Pathologie-Handbuch und seinem loyalen Team hat er bereits acht schräge Fälle gelöst. Im neuesten Band „Dr. Siri und die Geisterfrau“ scheint sein Traum von der Rente endlich Wirklichkeit zu werden.

Dr. Siri geht in Rente

Tatsächlich hat sich Siri Paiboun zu Beginn des Krimis in den Ruhestand verabschiedet, und die einzige Rechtsmedizinische Abteilung im Laos der späten 70er Jahre ist geschlossen. Aber einen Krimi, ja sogar einen spannenden Thriller gibt es mit „Dr. Siri und die Geisterfrau“ natürlich trotzdem zu hören. Denn Siri soll im Auftrag seines ehemaligen Vorgesetzten Richter Haeng die Suche nach dem verschollenen Bruder eines Ministers im Osten des Landes unterstützen. Genauer gesagt soll er die vermeintliche Hexe Madame Keui im Auge behalten und prüfen, ob die Frau, die angeblich schon zweimal von den Toten wieder auferstanden ist, tatsächlich eine spirituelle Verbindung ins Jenseits hat. Da in Vientiane gerade ein seltsamer Franzose aufgetaucht ist, der sich nach Siris Frau erkundigt, nimmt er Madame Daeng vorsichtshalber mit nach Pak Lai – und das Abenteuer beginnt…

Dr. Siri – wie immer vergnüglich und skurril

Dr. Siri und die Geisterfrau“ ist wieder ein typischer Siri-Krimi: ein kniffliger Fall, voller knochentrockenem Humor und amüsanter Dialoge. Peter Weis habe ich hier erstmals als Sprecher gehört, aber seine Stimme passt perfekt zu diesem schrägen Krimi. Unterstützt wird er von Traudel Sperber, die Siris Frau Madame Daeng spricht. Denn das Besondere an diesem Band ist, dass es hier v.a. um Siris bessere Hälfte geht. Dass sie früher als Spionin unter dem Decknamen Fleur-de-Lis für die Pathet Lao gearbeitet hat, wissen Fans aus früheren Krimis der Reihe. Das Auftauchen des Franzosen Hervé Barnard konfrontiert sie mit ihrer Vergangenheit, und sie gibt ihre Erlebnisse für Siri (und die Hörer) wieder. Eine spannende Lebensgeschichte, die definitiv genauso unterhaltsam ist wie der Handlungsstrang um Siris Hexe und die Verfolgung durch den Franzosen.

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John Irving – Straße der Wunder

Gisela Blank

20.Mai
2016

straße der wunder 02Seit seinem Durchbruch mit „Garp und wie er die Welt sah“ landen John Irvings Romane regelmäßig auf den Bestsellerlisten. Nicht nur „Garp“, auch „Hotel New Hampshire“ oder „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ wurden erfolgreich verfilmt. Und in all diesen beliebten Geschichten greift der große Erzähler immer wieder die gleichen Motive auf: vaterlose Kinder, groteske Unfälle, Schriftstellerei, Transsexualität, Religion und Krankheit.

Auch in seinem neuesten Werk „Straße der Wunder“ erkennt man als Irving-Leser die Kern-Themen des amerikanischen Autors sofort wieder.

Von der mexikanischen Müllkippe nach Iowa

Straße der Wunder“ erzählt die dramatische Geschichte des mexikanischen Müllkippenkindes und späteren Erfolgsschriftstellers Juan Diego Guerrero, der sich mit seiner hellsichtigen Schwester Lupe aus ärmlichen Verhältnissen zu retten versucht. Die Geschichte spielt in zwei Zeitebenen: In der Gegenwart ist Juan Diego ein gefeierter Schriftsteller mittleren Alters, der in den USA lebt, aber endlich ein lange gegebenes Versprechen einlösen will und eine Reise auf die Philippinen antritt. In seinem ersten Leben im mexikanischen Oaxaca hat er nämlich dem „Gringo bueno“, einem vor dem Einberufungsbefehl geflüchteten Amerikaner, versprochen, das Grab dessen Vaters in Manila zu besuchen. Diese Szene und weitere Erlebnisse aus Juan Diegos Jugend bilden die zweite Zeitebene des Romans. Immer wieder driftet der Schriftsteller nämlich auf seiner Reise in Träume ab, in denen er die wichtigsten Ereignisse seiner Kindheit erneut erlebt. V.a. das Zusammentreffen mit dem amerikanischen Jesuiten Eduardo und der transsexuellen Prostituierten Flor, die schließlich seine Adoptiveltern werden und ihn nach Iowa mitnehmen, spielen in Juan Diegos Erinnerungen eine große Rolle. Aber auch, wie er seine geliebte Schwester Lupe verlor.

Magisch und spannend erzählt

Straße der Wunder“ mag sich durch diese zahlreichen Erinnerungsschleifen zunächst etwas schleppend in Gang setzen, aber die farbenprächtigen Ausflüge in die mexikanische Vergangenheit des Protagonisten und seine Erlebnisse in der Gegenwart mit den beiden Zufallsbekanntschaften Dorothy und Miriam, die ihm vom New Yorker Flughafen weg wie Groupies folgen, verknüpfen sich schließlich doch zu einem amüsanten Reigen mit Irving-typischen skurrilen Szenen. In denen kann der ausgezeichnete Sprecher Johannes Steck sein Talent voll zur Geltung bringen. Er verleiht in der ungekürzten Lesung allen Protagonisten eine eigene Stimme, hat ein Gespür sowohl für die slapstickhafte Komik als auch leise Tragik in Irvings Geschichte und erweist sich als ideale Stimme für diesen fabulierfreudigen Erzähler.

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schwindelfreiEs ist schon erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Jörg Maurer einen guten Krimi nach dem anderen schreibt. Seit dem ersten Auftritt seines sympathischen Kommissars Hubertus Jennerwein in „Föhnlage“ erscheint jedes Jahr ein neuer Fall, der im „Bindestrich-Kurort“ vor idyllischer Alpenkulisse spielt.
Schwindelfrei ist nur der Tod“ ist der mittlerweile achte Krimi mit Jennerweins Team, und wieder ist die Geschichte interessant-skurril, zudem sprachlich gewandt und sehr humorvoll wiedergegeben.

Kommissar Jennerweins 8. Fall

Eigentlich führt dieses Mal kein Mord, sondern eine Tagung Jennerwein und seine Kollegen nach Garmisch. Da aber ein Heißluftballon vermisst und dahinter ein Verbrechen vermutet wird, stürzt sich das Team in die Ermittlungen. Der Kommissar selbst wirkt dabei seltsam abwesend – plagen ihn Sorgen? In welchem Verhältnis steht er zu dem frisch aus der Haft entlassenen Dieb Dirschbiegel?
Jörg Maurer gewährt in diesem Krimi nicht nur erstmals Einblicke in Jennerweins (eigentlich nicht vorhandenes) Privatleben, er lässt auch liebgewonnene Nebenfiguren der Reihe wie etwa das ehemalige Bestattungsunternehmerpaar Grasegger und den österreichischen Problemlöser Swoboda wieder auftreten. Den eigentlichen Fall – den Anschlag auf den Heißluftballon – würzt er mit zunächst amüsanten, später auch dramatischen Szenen aus dem Ballonkorb. Und immer wieder schildern kurze Kapitel einen Banküberfall mit Geiselnahme im Sommer 1971. Wie dieses Verbrechen, das durchaus amüsant geschildert wird, mit der Geschichte in der Gegenwart zusammenhängt, wird dem Hörer ziemlich schnell klar, was aber keineswegs den Spaß daran dämpft.

Jörg Maurers Alpenkrimis sind große Unterhaltungskunst

Dass Jörg Maurer vom Kabarett kommt, merkt man nicht nur seinem geistreich-witzigen Schreibstil an, sondern auch der Lesung seiner Krimis. Er ist der ideale Interpret seiner aberwitzigen Fälle und jongliert mühelos mit den verschiedenen bayerischen Dialekten. Im neuesten Jennerwein-Krimi amüsiert er z.B. mit Hölleisens Fluch- und Schimpfkanonade bei einem Beitrag zur Prävention von Gewalt oder dem ungarischen Akzent eines Ballonfahrt-Teilnehmers. Auch „Schwindelfrei ist nur der Tod“ wird durch Maurers Lesung zu ganz großer Unterhaltungskunst.

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Heinz Strunk – Der Goldene Handschuh

Gisela Blank

22.April
2016

HandschuhHeinz Strunk wurde 2004 mit „Fleisch ist mein Gemüse“ bekannt, einem tragikomischen Roman über seine Jugendjahre, in denen er mit einer Tanzkapelle durch die norddeutsche Provinz tingelte. Weitere biografisch gefärbte Bücher folgten, zwar durchaus mit tragischen Episoden, aber immer humorvoll geschrieben. Und nun – ein Roman über einen Frauenmörder, der im kaputtesten Milieu von Hamburg spielt und dessen Thema an Trostlosigkeit eigentlich kaum zu überbieten ist.
Kann Heinz Strunk das überhaupt? Ja, er kann!

Der Bodensatz der Gesellschaft

Der titelgebende „Goldene Handschuh“ ist eine üble Absteigekneipe auf der Reeperbahn. Unter Zuhältern, ehemaligen Häftlingen, Seemännern, abgehalfterten Huren und komplett Gescheiterten soff hier in den 70er Jahren auch der Hilfsarbeiter Fritz „Fiete“ Honka. Der unansehnliche Mann mit dem eingedrückten Gesicht suchte hier seine Opfer, die er mit in die Wohnung nahm und dort quälte und ermordete. Da die „nachkriegsknochigen“ Frauen keiner vermisste, flog Honka nur durch Zufall auf: Bei einem Brand im Haus entdeckte die Feuerwehr Leichenteile von vier Opfern in seiner Mansarde.

Obwohl seine Hauptfigur ein Serienmörder ist, hat Heinz Strunk mit diesem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman keinen Krimi geschrieben. Ihm geht es – ohne zu entschuldigen – darum, was Honka zu seinen grausamen Taten trieb. Dabei beschreibt er lakonisch, aber nicht herablassend und durchaus mit Empathie das Milieu der Gescheiterten, in dem sich Honka bewegt. Dem gegenübergestellt sind immer wieder Episoden über Mitglieder einer Reederfamilie die zeigen, dass sich auch an der Spitze der Gesellschaft Abgründe auftun.

Zwischen Abscheu und Anteilnahme

Schon seinen ersten Bestseller „Fleisch ist mein Gemüse“ hat Heinz Strunk selbst als Hörbuch aufgenommen. Er ist ein begnadeter Erzähler seiner Geschichten: Wenn die alkoholisierten Gäste des „Goldenen Handschuh“ Fako (Fanta-Korn) kippen und vor sich hin schwadronieren, gibt er das perfekt wieder. Sein Einblick in diesen Vorhof der Hölle und in eine verrohte Seele lässt die Zuhörer zwischen Abscheu und Anteilnahme schwanken, sein Vortrag verleiht dem vielgepriesenen Roman noch einen Schuss schwarzer Komik.

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Jonas JonassonWer es geschafft hat und den elend langen Titel des heute zu beschreibenden Hörbuchs bis zum Ende gelesen hat, läuft Gefahr, den dazugehörigen Autor längst wieder vergessen zu haben. Die Gefahr ist da, doch es wird den wenigsten passieren. Schließlich befinden wir uns längst in einer Phase, in der wir ganz genau wissen, dass derartige Titel nur auf einen Schriftsteller zurückzuführen sind. Ja, „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ ist ein echter Jonas Jonasson. Der Schwede, der vor einigen Jahren mit „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster steig und verschwand“ debütierte, hat mal wieder ein Werk über einen Sonderling geschrieben, der eine sonderbare Geschichte durchläuft.

Mörder Anders in der Körperverletzungsagentur

Der neue Protagonist heißt Johan Andersson. So nennt ihn aber keiner. Er ist kurz und schmerzlos „Mörder Anders“. Dabei ist der Gute gar kein Lebensvernichter. Er saß zwar schon unzählige Male hinter Schwedischen Gardinen, allerdings wegen diverser anderer Delikte. Im Roman nur kommt er wieder mal auf freien Fuß und möchte dort auch länger bleiben. Die Grundlage sind geordnete Finanzen und genau deshalb sucht er sich einen Job. Das Angebot einer Pfarrerin kommt ihm da genau recht. Johanna hat zusammen mit dem Hotelmitarbeiter Per eine Firma aufgemacht, zu der die von Anders angebotenen Dienst bestens passen. Die Körperverletzungsagentur, bei der als Schläger für gute Manieren sorgt, ist allerdings nur das erste Sprungbrett für „Mörder Anders“.

Jonas Jonasson überzeugt mit wahnwitzigen Ideen

Sein 448-minütiges Abenteuer ist hier in der Tat noch nicht zu Ende. Sprecher Jürgen von der Lippe – welch gelungene Wahl – führt den Akteur in „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ trotz guter Auftragslage in ein anderes Berufsfeld. Er beginnt plötzlich, das eigene Handeln massiv zu hinterfragen und wendet sich der Religion zu, weil Jesus zu ihm gesprochen hat. „Mörder Anders“ entwickelt eine waghalsige Idee, er möchte ein eigenes Gotteshaus bauen. Dies wird nochmal gesteigert, als er sich dazu entschließt, gleich eine eigene Religion aus dem Boden gedeihen zu lassen. „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“, und das merkt man schon bei diesem winzigen Auszug, sprüht nur so vor wahnwitzigen Einfällen. Dank ihnen und den lustigen Wendungen gelingt es Jonas Jonasson, mal wieder Leser und Zuhörer voll auf seines Seite zu ziehen.

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Michael Tsokos – Zerschunden

Benjamin Jendro

11.März
2016

Tsokos - ZerschundenDie spannendsten Thriller und Kriminalromane stammen von Autoren, die aufgrund ihres beruflichen Backrounds ganz genau wissen, wovon sie berichten. Zum einen ermöglicht es ihnen die tägliche Arbeit, Fälle kennenzulernen, von deren Elementen ihre späteren Werke profitieren und auf denen sie häufig auch basieren. Zum anderen bringen sie aufgrund ihrer enormen Fachkompetenz das nötige Wissen mit, um etwas authentisch und zugleich fachlich korrekt aufzuschreiben. Michael Tsokos ist das allerbeste Beispiel. Seine bisherigen Schriften realer und fiktiver Natur waren allesamt sehr spannend. Das gilt auch für seine neue True-Crime-Reihe um Rechtsmediziner Fred Abel. „Zerschunden“ ist der erste Teil – er wird von Simon Jäger gelesen. Anfang April erscheint mit „Zersetzt“ die Fortsetzung.

Zerschunden – Ein Mörder, der eine Botschaft hinterlässt

In Berlin wird eine Rentnerin Opfer eines Raubmordes. Ein dunkelhäutiger Halunke ist ihr hinterhergelaufen, hat sie in die Wohnung gestoßen, getötet und Hab und Gut mitgehen lassen. Es riecht nach einem typischen so genannten Nachläufer, doch eine sonderbare Botschaft lässt Böses erahnen. Auf ihrem Leib steht „Respectez Asia“. Das ist nicht nur grammatikalisch falsch, sondern auch jene Botschaft, die sich später in „Zerschunden“ auch auf der Haut einer Britin und einer Italienerin findet – ein Serientäter. Fred Abel, Rechtsmediziner und ein Guter seiner Zunft, wird mit dem Fall betraut und steigert sich aufgrund einer persönlichen Bindung zum Hobbyermittler. Ein Kumpel aus der Bundeswehrzeit scheint als Täter in Frage zu kommen, hat kein Alibi, passt auf die Beschreibung und den Haplotypen, den Abel vom Täter rekonstruieren konnte, wenngleich das lediglich die Auswahl an potenziellen Mördern einengt, jedoch keinesfalls auf nur einen hinweist.

„Zerschunden“ von einem Psychopathen

Angesprochener Lars Moewig gilt als Raubein, der anders als Abel nach der Bundeswehr nicht richtig den Anschluss fand. Er war zu den jeweiligen Tatzeiten in Berlin und auch in London. Dass er auf das Profil passt, reicht Polizei und Staatsanwaltschaft, um ihn hinter Gitter zu bringen. Das kommt zum sehr ungünstigen Zeitpunkt, denn seine kleinen Tochter Lilly leidet an Leukämie, hat nur noch wenige Tage zu leben. Abel verspricht seinem Kumpel, an dessen Unschuld er auch etwas zweifelt, sein Bestes zu geben. Genau das erleben wir dann auch. Er jettet dem Täter hinterher. Den vierten Mord begeht er in Paris und exakt da kommt es auch zum Showdown zwischen dem Psychopathen, der in „Zerschunden“ sein Unwesen treibt und einem Protagonisten, bei dem man nicht zu Unrecht Tsokos selbst vor Augen hat.

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Moyes - Über uns der Himmel, unter uns das MeerGanz ehrlich: Niemand, der schon einmal einem Hörbuch von Jojo Moyes gelauscht hat, dürfte beim Titel ihres aktuellen Stücks verwundert sein. Die Britin steht für einfühlsame Lektüre und ist eine der erfolgreichsten Autorinnen der letzten Jahre. Ihre Romane, in denen es stets um besondere Schicksale von allgemeingültiger Natur ging, haben allesamt mir sehr viel Gefühl und Authentizität überzeugen können. So ist es auch bei „Über uns der Himmel, unter uns das Meer“ – einer Geschichte über eine Frau, die nicht loslassen, aber auch nicht bleiben kann.

Sie befinden sich auf dem Meer und über ihnen ist der Himmel

In den 490 Hörbuchminuten, bei denen Luise Helm die Zeilen von „Über uns der Himmel, unter uns das Meer“ eingesprochen hat, geht es um eine Schiffsreise, die Jahrzehnte vor unserer Zeit liegt. Es ist das Jahr 1946. Der Weltkrieg ist vorüber, doch noch immer zeigen sich die Folgen der verheerenden Auseinandersetzungen an allen Ecken. 600 Frauen sollen von Australien nach Großbritannien reisen, zurück in ein Leben mit Ehemann oder Verlobtem. Unter den Reisenden sind auch eine 16-Jährige namens Jean, eine Farmertochter namens Maggie und die aus betuchtem Hause stammende Avice. Viele von ihnen wissen gar nicht, was sie erwartet. Zu tiefe Wunden hat der Krieg verursacht, zu viel Unklarheit in das Leben aller gebracht. Am deutlichsten spürbar wird das bei Protagonistin Francis, die mit den anderen drei in einer Kajüte schläft.

In „Über uns der Himmel, unter uns das Meer“ finden sich zwei Gleichgesinnte

Anders als die anderen lässt Francis nur wenig Gefühle nach außen dringen. Sie verschließt sich sämtlichen Gesprächen, lässt niemanden an sich heran. Einzig ein Marineoffizier scheint Zugang zu ihr zu finden. Nur besagter Kapitän Henry Nicols versteht sie. Das liegt auch daran, dass er der einzige Akteur in „Über uns der Himmel, unter uns das Meer“ ist, der ähnlich schreckliche Erfahrungen hinter sich hat wie Francis. Auf dem Schiff werden beide davon eingeholt, wobei nie ganz klar ist, ob sie wirklich wieder zurück in ihr altes Leben wollen.

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Umberto Eco – Nullnummer

Benjamin Jendro

20.Februar
2016

Eco - NullnummerNatürlich gehört das Sterben zum Leben dazu. Sicher es ist nicht Teil des Lebens, sondern vielmehr das Ende. Doch wir machen uns während des Lebens schon mit dem Tod bekannt, erwägen ihn als Option, setzen uns mit ihm auseinander. Wenn ein Mensch mit 84 aus dem Leben scheidet, wenn er stirbt, dann scheint es der natürliche Lauf der Dinge. 84 Jahre sind ein stolzes Alter. Ein langes Leben, auf das man stolz zurückblicken kann. Dennoch aber gibt es Tode, die ein Loch hinterlassen, nach denen eine Lücke klafft. Genau diese hat sich mit dem gestrigen Tod von Umberto Eco aufgetan. Einer der größten Literaten unserer Zeit hinterlässt viele traurige Leser. Denn er hat auch im hohen Alter, trotz Krebs, noch ein wahnsinnig hellen Kopf gehabt, was in seinem letzten Werk „Nullnummer“ mehr als deutlich wurde.

Ein Autor mit ganz besonderer Schreibweise

Eco, der Knabe aus Piemont war immer ein Autor, der mit dem Leser spielte, ihn zu wahnsinnig anspruchsvollen Denkleistungen animierte. Ja, so eine Schrift wie „Das Foucaultsche Pendel“ konnte niemand mal eben so im Vorbeigehen durchwälzen. Diesen Glanz, diese ganz eigenwillige Schreibweise erhielt er sich auch nach dem Millennium, verwirrte uns mit „Der Friedhof in Prag“ auf ein Neues. Sprachästhet Eco stand immer für die besonderen Schriften. In „Nullnummer“ widmete er sich dem Zeitungswesen und transferierte den Hang zur Verschwörungstheorie auf den von ihm wissenschaftlich vielfach untersuchten Bereich der Medien.

Nullnummer – Diese Zeitung wird nie veröffentlicht

Als Zuhörer von „Nullnummer“ wird man in den Mailändischen Sommer des Jahres 1992 zurückversetzt. Irgendwer hat bei Journalist Colonna eingebrochen und nach einer wichtigen Diskette gesucht. Gefunden hat der Eindringling sie nicht, doch Colonna wird klar, dass er in großer Gefahr schwebt. Sein Doppelleben könnte sich als Spiel auf des Messers Schneide erweisen. Gemeint ist die Mitarbeit an einer Zeitung, die es nie geben soll, die ein Experiment darstellt und die Vernetzung von Medien und Politik offenbart. Wer beim Verleger Vimercate an einen Herren namens Berlusconi denkt, ist ein Schelm, der aber nicht den schlechtesten Weg wählt. In den sechs Stunden Hörbuch, die Felix von Manteuffel mit Bravour erzählt, zeigt sich, wie korrupt und wie perfide das Zusammenspiel funktioniert. Es ist ein typischer Eco-Roman, der natürlich auch den Vatikan, die Geheimloge P2 und die Mafia in die Erzählung integriert.

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