...entführen dich in eine andere Welt

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Herrmann - Das Dorf der MörderMordgeschichten aus Dörfern kennt man zahlreiche. Ob in der realen Welt, in der man von grausigen Verbrechen in Dörfern zu hören bekommt oder aber der modernen Krimiszenerie, die sich in der neuen Kategorie Heimatthriller seit Jahren Geschichten ausdenkt, die in den entlegensten kleinen Orten spielen. Bei „Das Dorf der Mörder“ von Autorin Elisabeth Herrmann, die bereits mit ihrem NS-Krimi „Das Kindermädchen“ oder der DDR-Historie „Zeugin der Toten“ auf sich aufmerksam machen konnte, erweckt es anfangs nicht den Anschein, dass der Plot einen aufs Land führt. Zunächst bestimmt ein grausiger Fund im Berliner Tierpark das Geschehen. Dank einer jungen Ermittlerin aber werden wir dahin geführt, wo niemand etwas Action erwartet hat.

Eine Mörderin, die keine ist

Schaurig beginnt die Erzählung von Hörbuchsprecherin Eva Mattes, die uns durch die guten neun Stunden führt. Eine Kindergartengruppe steht gerade vor dem Gehege wilder Pekaris, als die Kleinen etwas sehen, was nicht so alltäglich ist. Die mittelamerikanischen Nabelschweine gelten als gefräßig. Menschenfleisch steht aber sonst nicht auf ihrem Speiseplan. Nachdem die männliche Person fast komplett verzehrt ist, trifft die junge Beamtin Sanela Beara am Tatort ein. Die Ermittlerin, die selbst mit einem Trauma durch die Gegend rennt, wirkt zunächst ein wenig verwirrt. Schnell aber kann mit der Tierfutterzüchterin Charlotte Rubin eine Tatverdächtige selektiert werden, die anschließend dem Ermittlungsrichter vorgesetzt wird. Vieles spricht gegen Rubin, nur Sanelas Intuition sowie die des Psychologiestudenten Jeremy Saaler könnten die Tatverdächtige davor bewahren, zu Unrecht überführt zu werden.

Ermittlung auf eigene Faust im „Dorf der Mörder“

Entgegen der Anweisung ihres Vorgesetzten Gehring ermittelt Sanela auf eigene Faust und bringt immer mehr Indizien hervor, die gegen Rubin als Mörderin sprechen. Die Spuren führen ins brandenburgische Dorf Wendisch Bruch, das dem Namen gemäß fast nur noch aus Bruchbuden besteht. Ein paar Alteingesessene wohnen noch im Dorf, ansonsten ist es aber weitgehend ausgestorben. Die Dorfbevölkerung, ausschließlich Frauen, verbirgt ein gruseliges Geheimnis, das den Fall in ein ganz anderes Licht stellt und für Sanela eine harte Prüfung darstellt. Dieser muss sich auch der Zuhörer unterziehen, wenn er erfahren will, welch grausiges Mysterium „Das Dorf der Mörder“ nicht preisgeben möchte.

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Frank Schätzing – Breaking News

Benjamin Jendro

11.März
2014

Schätzing - Breaking News Die tagtäglichen Nachrichten dienen dazu, uns über die Geschehnisse auf dem ganzen Globus zu unterrichten. Was ist wo passiert, wer hat wo, welche Auszeichnung erhalten und welche Absprachen haben die führenden Politiker getroffen? An jedem Tag passiert etwas Neues und dank der Nachrichten bleiben wir Menschen auf dem Laufenden über alles und das, ohne es mit eigenen Augen erlebt zu haben. Da meint man dann, dank der News über die Welt Bescheid zu wissen. Autor Frank Schätzing bezweifelt diesen Umstand. Bei der Recherche zu seinem neuen Thriller „Breaking News“ hat er sich ein Jahr lang in Nahost mit den Menschen unterhalten, um eben nicht aus einer westeuropäischen Sicht zu erzählen, sondern den Tonus von Israelis und Palästinensern zu treffen.

Breaking News – 35 Stunden Spannung pur

Ganze fünfunddreißig Stunden bekommt der Zuhörer des Hörbuches „Breaking News“ vorgelegt. Die Sprecher Hansi Jochmann und Oliver Stritzel führen eindrucksvoll durch Schätzings etwa eintausend Seiten lange Geschichte. In dieser geht es um den Journalisten und früher sehr gefragten Kriegsberichterstatter Tom Hagen, der stets von Brennpunkten der Erde informiert hat. Seit einer misslungenen Geiselnahme in Afghanistan ist seine berufliche Karriere komplett zertrümmert. Da trifft es sich gut, dass ihm eine Information vom israelischen Geheimdienst in den Schoß fällt. Mithilfe dieser könnte Hagen an alte Zeiten anschließen und endlich wieder Fuß fassen. Dies soll ihm gelingen, natürlich erst, nachdem wir mit reichlich Spannung versorgt wurden.

Dank Schätzing wird es nie langweilig

Schätzing hat seine Fans bereits auf den Mond und in die Tiefsee entführt. In „Breaking News“ nun  geht es an den Gazastreifen, wo Hagens Recherche in einer perfiden Hetzjagd seinen Lauf nimmt. Entlang der scheinbaren Autobiographie von Ariel Scharon inszeniert der Autor eine Verschwörungstheorie, die selbst, wenn sie sich bewahrheitet, die wahre Geschichte nicht in Frage stellt. Zwei Familien sind in den 1920ern nach Palästina eingewandert, anhand ihrer Generationen lässt sich das Schicksal des bis heute nicht gesicherten Territoriums nachverfolgen. Doch Hagen ist nicht der Einzige, der nach Antworten sucht. Auch Killer und Geheimagenten spielen ihre Rolle in diesem Thriller.

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Elias Canetti – Die Blendung

Benjamin Jendro

4.März
2014

Canetti - Die BlendungNein, es schadet nicht, sich mit hochwertiger Literatur zu beschäftigen. Selbst, wenn ihre Ausarbeitung schon ein paar Jahrzehnte zurückliegt. Ganz im Gegenteil, ab und zu ist es durchaus empfehlenswert, sich mal ein paar älteren Stücken zu widmen, lässt sich aus ihnen doch eine Menge herausziehen, was uns das Leben wie es ist, in all seiner Ausführlichkeit aufzeigt. Irgendwann hat jeder Leser mindestens einen Autor aus früheren Tagen für sich auserkoren. Von diesem verschlingt er dann jedes Werk. Bei mir trifft das auf Elias Canetti zu. Mittlerweile habe ich all seine Schriften gelesen, einige wie „Die Blendung“ auch als Hörbuch erlebt.

Die Blendung – Eine Hommage auf Bücher

Wer Canettis eigene Biografie ein wenig betrachtet, stößt früh auf seine intensiv ausgelebte Vorliebe für alles Lesbare. Schon als kleiner Junge hat er sich umfassend mit Literatur beschäftigt, Bücher verschlungen und von ihrem Inhalt gezehrt. Sinologe Peter Kien, der den zentralen Charakter in Canettis zweitem Hauptwerk neben „Masse und Macht“ bildet, lebt ebenfalls mit einer engen Bindung zu Büchern. Ganze 25.000 Bände umfasst seine Bibliothek, täglich ist er auf der Suche nach neuen literarischen Schätzen. Kien pflegt nur wenige soziale Kontakte ist aber für sein Wissen im Bereich Bücher hoch angesehen. So wenig lebenswert sein Alltag für viele Menschen scheinen mag, Kien fühlt sich wohl, bis Therese in sein Leben tritt und alles zerstört.

Am Ende der Blendung steht die Selbstaufgabe

Canettis Werke sind stets philosophisch und häufig auch psychologisch geprägt. Am offensichtlichsten ist das bei der monumentalen Studie „Masse und Macht“. Auch „Die Blendung“ aber hat es dahingehend in sich. Therese, die als Haushälterin zu Kien kommt und anfangs nur Bücher abstauben und Essen zubereiten soll, schleicht sich in sein Leben, weil es finanziell lukrativ ist. Sie verführt ihn zur Ehe, Kien wird zur Passivität getrimmt. Überfordert mit der Situation und in zunehmender Verschmelzung mit seinen Büchern sieht Kien den einzigen Ausweg in seiner Selbstaufgabe. So verbrennt er sich mit all seinen Büchern und hinterlässt damit viele persönliche Fragen, die der Autor Zeit seines Lebens zu beantworten versuchte.

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Simon Beckett – Der Hof

Benjamin Jendro

4.Februar
2014

Beckett - Der HofEin wenig ruhig ist es in den letzten Jahren um Simon Beckett geworden. Der Namensvetter des früheren Literaturnobelpreisträgers, mit welchem er bis auf das schriftstellerische Talent nur wenig gemeinsam hat, ist vor einigen Jahren vom Nobody zum absoluten Weltautor gewachsen. Viel Zeit bedurfte es dafür nicht, nur ein paar beeindruckende Thriller wie „Die Chemie des Todes“, „Kalte Asche“ oder „Voyeur“. Nach seinem letzten David-Hunter-Band „Verwesung“ aus dem Jahr 2011 hat er sich eine kleine Schaffenspause gegönnt. Nun ist er mit Der Hof zurück auf der ganz großen Bühne. Verlernt hat der Brite beileibe nichts, das Werk besticht mit dem für Beckett typischen Grauen, dessen Ausmaß dem Zuhörer erst im Verlauf deutlich wird.

Der Hof beginnt etwas verstörend

Zunächst erleben wir einen gehetzten Mann, der wie von der Tarantel gestochen durch die Landschaft jagt. Sein Gefährt ist blutbefleckt, seine Kleidung ebenfalls nicht im besten Zustand. Auf der Flucht vor den Behörden ist er unachtsam und tappt in eine rostige Eisenfalle. Mit höllischen Schmerzen, einer offenen Wunde und hilflos in der brütend heißen südfranzösischen Einöde verliert Sean langsam das Bewusstsein. Kurz bevor sein Ende bevorsteht, sieht er zwei junge Frauen, die keine Probleme damit haben, die alte Falle zu öffnen und Sean zumindest vorrübergehend vor dem Tod zu bewahren.

Es ist „Der Hof“, auf dem Eigenartiges vorgeht

Was Johannes Steck im Folgenden eindrucksvoll vorträgt, zeigt uns einen Beckett, den wir bereits sehr gut kennen. Sean wird auf einen Hof gebracht. Besitzer Arnaud, Vater der beiden Retterinnen, mag eigentlich keine Gäste, bietet Sean aber Asyl, wenn er dabei hilft, den maroden Wänden wieder Leben einzuhauchen. Natürlich willigt er in das Angebot ein. Zum einen hat man sich in Person von Mathilde hier bestens um seinen Fuß gekümmert, zum anderen wartet in der Heimat nicht wirklich eine Alternative. Irgendwas jedoch geht auf dem Hof vor. Nicht nur die von Arnaud aufgestellte Eisenfalle ist ein Indiz dafür, dass die Familie etwas mit rabiaten Mittel unter den Teppich kehren möchte.

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Raymond Khoury – Dogma

Benjamin Jendro

28.Januar
2014

Khoury - DogmaIch bin der Meinung, man sollte nicht den Fehler begehen und ein Werk im Bücherregal verstauen, wenn man es einmal komplett durchgeblättert hat, und es dort dann für immer in Vergessenheit geraten zu lassen. Nein, an die wirklich guten literarischen Erzeugnisse sollte man sich in Stunden der freien Zeit schon noch einmal zurückerinnern. Mir wiederfuhr das erst kürzlich, als ich bei der Auswahl eines neuen Hörbuchs auf Dogma“ von Raymond Khoury stieß. In Papierform konnte mich dies überzeugen und da Sprecher Simon Jäger zu den Aushängeschildern seines Fachs zählt, war auch der Kauf der Hörbuchvariante keine allzu lang überlegte Entscheidung.

Reilly und Chaykin Part Two

Etwa acht Stunden dauert das Geschehen, ungefähr so lang dürfte ich auch für die rund 600 Seiten gebraucht haben. Es handelt sich um das zweite Abenteuer von FBI-Agent Sean Reilly und Archäologin Tess Chaykin. Die Beiden hat man im ersten Band der Tempelritter-Reihe bereits kennengelernt. In „Dogma“ muss Sean ein altes Dokument aus dem Vatikan entwenden, um Tess aus den Fängen von Terroristen zu befreien. Wie auch im ersten Band entwickelt Khoury ein optimales Wechselspiel aus brisanter Action und historischer Hochwertigkeit, da er den Zuhörer immer mal wieder ins 13. bzw. 14. Jahrhundert entführt.

Khoury überzeugt einmal mehr

Ganz ehrlich muss ich zugeben, dass ich Khoury bei „Scriptum“ noch nicht ganz so viel Wertschätzung entgegenbringen konnte. Historische Romane wirken heutzutage auf mich immer ein wenig befremdend. Gerade diese Zeitensprünge aber machen seine Geschichten insgesamt so hochwertig. Während bei anderen Thrillern dieser Art häufig auf historische Gegebenheiten via Erzählungen verwiesen wird, kann man sie hier direkt nacherleben. Darin besteht der große Vorteil, denn sie machen das ganze Szenario, das sich in der Moderne abspielt, interessanter. Hinzu kommt, dass man beim Zuhören selbst zu rätseln beginnt und so vorab darüber spekulieren kann, auf was die Protagonisten in den nächsten Minuten treffen werden. Tess und Sean führt die Reise ins heutige Istanbul, wo ein Archiv mit begehrten Schriften der Templer erwartet wird. Wie es so ist, hat der Trip aber nichts mit Urlaub zu tun, schließlich sind auch andere Suchende dabei, die geheimen Schriftstücke aufzuspüren.

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Sebastian Fitzek – Noah

Benjamin Jendro

7.Januar
2014

Fitzek - NoahInnerhalb dieses Blogs war Sebastian Fitzek schon des Öfteren thematischer Gegenstand unserer Betrachtung. So soll es auch heute sein. Mit Noah wählt der Berliner Thrillerautor eine biblische Figur zu seinem Werktitel. Im Plot hingegen wird es aber so gar nicht biblisch. Vielmehr sucht ein Mann nach seiner eigenen Identität. Obwohl die Geschichte rein oberflächlich betrachtet nicht so ganz ins bisherige Repertoire von Fitzek zu passen scheint, muss doch auch der literarische Laie erkennen, welches Psychospiel uns da vorgelegt wird. Es ist zwar keine psychopathischer Killer unterwegs, dafür aber wird die Psyche des Hauptprotagonisten und aller Zuhörer mehr als nur auf die Probe gestellt.

Noah sucht nach sich selbst

432 Minuten lang ist das von Simon Jäger brillant gesprochene Hörbuch. Es ist mehr eine Art Verschwörungsthriller als die typische Szenerie, die Fitzek sonst aufbietet. Bevor wir aber das ganze Ausmaß des Erzählten durchblicken, begleiten wir erst einmal einen Obdachlosen, der nichts über seine Vergangenheit weiß. Man nennt ihn „Noah“, weil eine Tätowierung an seiner Handfläche eben jenen Schriftzug trägt. Auf der Suche nach seiner eigenen Historie durchstreift „Noah“ die Straßen der Hauptstadt, von denen der Autor standesgemäß jede Gasse aus dem Effeff beschreiben kann. Puzzleartig setzt sich dabei eine Story zusammen, deren Folgen nicht nur für „Noah“ selbst immense Auswirkungen tragen.

Noah – Ein weiterer Bestseller

Natürlich ist Fitzeks neuer Thriller in Windeseile vielfach verkauft worden. Der Mann weiß einfach, wie er Leute begeistern und unterhalten kann. In den kommenden Monaten wird er mit dem neuen Stück auch durch das Land touren, zig Tausende werden seinen Vorlesungen beiwohnen. Sicherlich bedient sich der Schriftsteller an bekannten Elementen – ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat, ist wahrlich nicht zum ersten Mal Ausgangspunkt eines spannenden Werkes. Fitzek aber schafft es mit „Noah“ einmal mehr zum Marionettenspieler, der ganz bewusst und äußerst beliebig mit den Nerven all seiner Leser und Zuhörer spielt.

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George Orwell – 1984

Benjamin Jendro

23.Dezember
2013

Orwell - 1984In der vergangenen Woche ging es hier um Jonas Jonasson. Der Schwede ist zurzeit einer der angesagten Literaten, weil er es schafft, mit interessanten Abenteuergeschichten den Literaturfan zu unterhalten. Sicher ist es nicht, aber zumindest im Bereich des Möglichen, dass man über Jonasson auch noch in sechs Jahrzehnten spricht. Dann hätte er eine Nachwirkung erzielt wie George Orwell, um dessen viel zitiertes Meisterwerk es heute gehen soll. Der Brite, der eigentlich Eric Arthur Blair heißt, hat genau genommen zwei große Stücke geschrieben – „Farm der Tiere“ und „1984“. Allein die Tatsache, dass der japanische Dauerkandidat auf den Literaturnobelpreis, Haruki Murakami, Letzteres in neuem Deckmantel veröffentlicht und in „1Q84“ darum auch kein Geheimnis macht, zeigt die große Wirkung, die noch heute von Orwell ausgeht.

Die Kontrolle ist alles

1948 hat George Orwell sein Werk fertiggestellt. Mittels cleverer Zahlendreherei ist als Titel schließlich „1984“ herausgesprungen. Wer die Geschichte nicht gelesen oder gehört hat, wird über den Inhalt nur spekulieren können und schließlich erschaudern, sobald er mitbekommt, worum es geht. In „1984“ wird durch Hörbuchstimme Sebastian Rudolph ein perfider Staatsapparat vorgestellt, dessen einzelne Zahnräder perfekt ineinandergreifen und in welchem einzelne Institutionen engmaschig angelegt sind. Sie dienen der kompletten Überwachung der einzelnen Bürger, die nicht einmal normal fernsehen können, weil die Teleschirme ebenso als Überwachung aus der anderen Richtung genutzt werden können. Der „Große Bruder“, der die Parteielite führt, gibt vor, was man sieht, wann man Spot treibt und was man denkt. Wer sich hinter dem Synonym versteckt, weiß niemand. Nur ist ein Hinterfragen nicht gerade ungefährlich.

Beängstigendes, zeitloses Szenario

„1984“ spielt mit uns, weil Orwell trotz aller Kritik nicht wirklich darlegt, wo Fiktion aufhört und Realität beginnt. Das Thema Überwachungsstatt ist nicht erst im Jahr 2013 in den Fokus geraten. Ebenso bedeutsam wie das Gesamtkonstrukt sind auch die im Staat unterdrückten Einzelschicksale. Ehen sind arrangiert, die Jugend wird bereits in jungen Jahren für die Interessen der Obermacht gewonnen und so mancher Jüngling verrät seine Eltern. Die Strafen sind drakonisch, teilweise schon für winzige Fehler, so genannte Gedankenexperimente, denen die Gedankenpolizei auf die Schliche kommt. Zum geordneten Ablauf tragen auch die einzelnen Ministerien bei. In einem davon sitzt Hauptfigur Winston Smith, aus dessen Sicht wir alles beobachten. Im „Ministerium für Wahrheit“ sorgt er dafür, dass sich historische Ereignisse und Aussagen mit der derzeitigen Richtung der Partei decken. Zwar liegt sein Posten im erweiterten Kreis und so ist er Teil des Konstruktes, konform mit ihm ist er aber nicht. Smith will die Verhältnisse ändern, geht eine verbotene Liebschaft ein und will Kontakt mit dem Untergrund aufnehmen. Es stellt sich nur die Frage, wie viel Potenzial darin zu finden ist.

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Jonasson - Die Analphabetin, die rechnen konnteWir nähern uns dem Jahresende und damit ist auch verbunden, dass es draußen kälter wird. Das ist eigentlich nicht so schön, zumindest nicht für all jene, die den Sommer lieben. Auch für diese aber hat der Winter seine Vorteile. Einer liegt darin begründet, dass wir mehr Zeit bekommen, um uns hochwertiger Literatur zu widmen. Unter der Kuscheldecke auf der heimischen Couch können wir da bei Kerzenschein und Räucherstäbchen entweder selbst die Seiten umblättern, es auf digitalem Format per Knopfdruck tun oder aber einem Hörbuch lauschen und sich von einem gefühlvollen Roman berieseln lassen.  Bei Jonas Jonassons „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ ist das besonders gut möglich. Die Geschichte um eine kleines afrikanisches Mädchen, das über besondere Fähigkeiten verfügt, ist unterhaltsam und arbeitet mit emotionaler Tiefe.

„Die Analphabetin, die rechnen konnte“, stammt aus den Slums

Nombeko Mayeki heißt „Die Analphabetin, die rechnen konnte“. Sie ist ein typisches afrikanisches Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen. Hat uns Jonasson in „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ noch die traumhafte Landschaft Schwedens gezeigt, entführt er uns nun in eine Welt, in der mehr Elend herrscht als die Meisten vertragen werden. Gerade auf den ersten Seiten kommt die einfühlsame Leseweise von Sprecherin Katharina Thalbach gut zur Geltung. Nombeko hat bereits viele Rückschläge hinnehmen müssen. Mit fünf geht sie erstmals arbeiten, mit zehn wird sie Waise, mit fünfzehn verliert sie beinahe das Leben. Wie viele ihrer Landsleute kann sie weder lesen noch schreiben. Ihr Talent aber liegt in hochwertigen Rechenkünsten, ist sie doch „Die Analphabetin, die rechnen konnte“.

„Die Analphabetin, die rechnen konnte“, erobert die Welt

Hat man zunächst das Gefühl, dass ihr sagenhaftes Talent unbeachtet bleibt, erobert „Die Analphabetin, die rechnen konnte“, schnell die politische Weltbühne. Nombeko gerät in ein System, in welchem sie mit Geheimagenten und hochdekorierten Wissenschaftlern kommuniziert. Dabei geht es um nukleare Sprengköpfe und die Interessen einzelner Machthaber. Im Moment, in welchem ihr alles zu viel wird, versucht sie sich in Schweden zur Ruhe zu setzen. Auch im beschaulichen Skandinavien aber möchte der Trubel des Lebens nicht aufhören.

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Felix J. Palma – Die Landkarte der Zeit

Benjamin Jendro

19.November
2013

Palma - Die Landkarte der ZeitDie Zeit gilt als eine der wenigen Konstanten im Leben des Menschen. So sehr es uns auch gelingen mag, im Lauf der Zeit Sachen zu verbessern, neue Entdeckungen zu machen und Errungenschaften zu entwickeln, bleibt doch unsere Bindung an die Zeit ein unabdingliches Faktum. Unsere Zeit auf der Welt ist begrenzt, ein Menschenleben ist ein Menschenleben, ein Tag hat 24 Stunden und kann nicht einfach so verlängert werden. Ein Aspekt der Zeit jedoch möchte das Wesen Mensch nicht so akzeptieren, nämlich, dass wir in der Zeit nicht so einfach umherreisen können. Zeitreisen sind faszinierend, bieten viel literarischen und kinotauglichen Stoff. Felix J. Palma hat vor einiger Zeit dieses Thema aufgegriffen und es in seinem Roman „Die Landkarte der Zeit“ sehr unterhaltsam problematisiert.

Protagonisten, denen „Die Landkarte der Zeit“ Bewegungsfreiraum ermöglicht

Es sind drei Teilgeschichten, die Palma im ersten Band seiner Mapa-Trilogie erzählt. Sie alle sind durch die einzelnen Handlungsstränge und das gemeinsame Thema miteinander verbunden. Ende des 19. Jahrhunderts ist das Fable für Zeitreisen enorm. Nicht zuletzt durch einen Roman von H. G. Wells ist eine wahre Zeitreise-Euphorie entstanden. Der bekannte Schriftsteller wird selbst zum Protagonisten in Palmas Roman. Geeint werden die Schicksale im von Andreas Fröhlich gelesenen Hörbuch durch den Wunsch, durch die Zeit zu reisen. Andrew will in die Vergangenheit, um seine Geliebte zu retten, Claire in die Zukunft, um ihrem Geliebten zu folgen und Inspektor Garrett jagt ein Phantom durch „Die Landkarte der Zeit“ komplett durch alle Zeiten.

„Die Landkarte der Zeit“ spielt mit der Illusion

Zentral ist das Unternehmen Murray, welches eine Zeitreise ins Jahr 2000 anbietet, um dort einer entscheidenden Schlacht zwischen Mensch und Maschine beizuwohnen. Der geübte Literaturfan weiß ziemlich schnell, dass dies nicht mit realen Mitteln funktioniert, ist dennoch über die angewandten Mittel und ihr Resultat verblüfft. Insofern schafft es „Die Landkarte der Zeit“ trotz einer gewissen Durchschaubarkeit enorm zu unterhalten. Manch erlesener Aha-Effekt wird dabei ebenso erzeugt wie unser Mitgefühl mit den vielen Getäuschten.

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Khaled Hosseini – Traumsammler

Benjamin Jendro

12.November
2013

Hosseini-TraumsammlerWir sehen Afghanistan auch nach dem Abzug vieler Soldaten noch immer als eines der größten Kriegsgebiete unseres Erdballs. Es ist klar, dass dieses Bild noch einige Zeit exakt so im Raum stehen wird. Klar ist aber auch, dass wir uns als Bewohner der westlichen Welt nicht mal ansatzweise vorstellen können, wie es in einem Land wie Afghanistan wirklich tagtäglich zugeht. Wir formen unser Bild anhand der Informationen aus den Nachrichten, wenn mal wieder ein Attentat geschehen ist. Bei all dem Hass auf die Menschen, die dafür verantwortlich sind, neigen wir dazu, den afghanischen Bürger zu verallgemeinern. Es ist Leuten wie Khaled Hosseini zu verdanken, dass man auch noch einen anderen Blick auf die Menschen vor Ort erhält. Sein neues Werk „Traumsammler“ ist eine weitere bewegende Geschichte mitten aus einer Welt, in der wir uns nicht zuhause fühlen.

Zwei Geschwistern, die voneinander getrennt werden

In den bisherigen zwei Romanen des Autors, „Drachenläufer“ und „Tausende strahlende Sonnen“, ging es um die besondere Verbindung zweier Menschen. Rein oberflächlich betrachtet geht „Traumsammler“ da etwas weiter, werden doch mehrere Schicksale sehr ausführlich dargestellt. Zentral aber, und das wird man auch beim Zuhören der 840-minütigen Hörbuchvariante mitbekommen, steht die Geschichte von Abdullah und seiner jüngeren Schwester Pari. Die Sprecher Maja Schöne und Boris Aljinovic zeigen einfühlsam, welch grauenhafte Ereignisse die beiden voneinander trennten. Zumindest für uns als Zuhörer scheint das grauenhaft und phasenweise unvorstellbar. In Afghanistan jedoch ist das nichts anderes als der brutale Alltag.

Aussicht auf ein besseres Leben

Abdullahs Vater befindet sich bereits in zweiter Ehe, als er sich aufgrund der familiären Armut dazu entschließt, Pari zur Adoption freizugeben. Zunächst führt sie das neue Leben in die Hauptstadt Kabul. Später entschließt sich ihre Adoptivmutter Nila dazu, den kranken Mann zurückzulassen und Pari in Frankreich ein besseres Leben zu ermöglichen. Zunehmend kommt sie mit dem neuen Luxus klar, gleichzeitig aber spürt sie auch immer, dass etwas in ihrem Leben fehlt. Insbesondere das Fehlen einzelner Lebensfacetten erleben wir auch bei Parwana, der Stiefmutter Abdullahs, die ihr eigenes Päckchen mit sich herumträgt oder auch bei Marko, einem griechischen Arzt, der afghanischen Kindern helfen möchte. Sie alle sind Protagonisten in einer Szenerie, die viel Dunkelheit preisgibt.

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