...entführen dich in eine andere Welt

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Jenke von Wilmsdorff – Wer wagt, gewinnt

Benjamin Jendro

15.April
2014

von Wilmsdorff - Wer wagt, gewinntJenke von Wilmsdorff ist für mich eine der prägendsten Personalien, die uns die Fernsehwelt momentan präsentiert. Mit seinen Reportagen hat sich der Journalist in der Vergangenheit in so manch brenzlige Situation gebracht. Seit ein paar Jahren nun hat er alltägliche Phänomene unserer Gesellschaft untersucht und an sich einige Selbstversuche unternommen. Dabei ging es ihm zumeist um Probleme, die Menschen betreffen. Dafür hat Jenke sich als Alkoholiker und Rentner im fortgeschrittenen Alter versucht, tagelang auf sein Augenlicht und das eigene Hörvermögen verzichtet. Was all seine unterhaltsamen Reportagen eint, ist die Tatsache, dass die Themen in all ihrem Umfang für uns Menschen, obwohl omnipräsent, häufig sehr unbekannt sind. Das lässt sich auch in seinem Werk „Wer wagt, gewinnt“ erkennen.

Wer wagt, gewinnt – Heraus aus dem Alltäglichen

Eines ist für alle Jenke-Reportagen klar – was er macht, ist wahrlich nicht alltäglich. Es wird zu viel Routine im Job des Journalisten gewesen sein, die ihn dazu animierte, stetige Abwechslung in seine Arbeit zu integrieren. Jenke von Wilmsdorff widersetzt sich jeglicher Routine. Ein Leben, das nur so dahinplätschert? Das ist nichts für ihn. Stattdessen möchte er Sachen ausprobieren, neue Facetten des Lebens kennenlernen und so den eigenen Horizont erweitern. Dazu rät er auch jedem mit „Wer wagt, gewinnt“ – einer Hommage an den Versuch, Abwechslung ins Leben zu bringen. Ob Jobwechsel, Angstüberwindung oder eine Diät. Wer wirklich etwas will, kann alles in seinem Leben erreichen.

Der erste Schritt ist entscheidend

In den 284 Minuten, die Jenke von Wilmsdorff gemäß seines Naturells gleich selbst eingesprochen hat, verschweigt der Autor auch nicht, wo das Problem liegt, wenn man etwas ändern möchte. Das Entscheidende bei allen Entscheidungen ist der erste Schritt. Wer diesen tätigt, öffnet sich alle Türen. Aus eigener Erfahrung und dank der vielen Experimente hat Jenke festgestellt, dass sich Hürden in den Weg stellen, die es zu überwinden gilt. Die größte ist zumeist die erste. Es obliegt uns, diese zu überspringen. Die Möglichkeit dazu steckt in jedem von uns. Wir müssen uns nur trauen, sie zur Entfaltung kommen zu lassen.

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Elias Canetti – Die Blendung

Benjamin Jendro

4.März
2014

Canetti - Die BlendungNein, es schadet nicht, sich mit hochwertiger Literatur zu beschäftigen. Selbst, wenn ihre Ausarbeitung schon ein paar Jahrzehnte zurückliegt. Ganz im Gegenteil, ab und zu ist es durchaus empfehlenswert, sich mal ein paar älteren Stücken zu widmen, lässt sich aus ihnen doch eine Menge herausziehen, was uns das Leben wie es ist, in all seiner Ausführlichkeit aufzeigt. Irgendwann hat jeder Leser mindestens einen Autor aus früheren Tagen für sich auserkoren. Von diesem verschlingt er dann jedes Werk. Bei mir trifft das auf Elias Canetti zu. Mittlerweile habe ich all seine Schriften gelesen, einige wie „Die Blendung“ auch als Hörbuch erlebt.

Die Blendung – Eine Hommage auf Bücher

Wer Canettis eigene Biografie ein wenig betrachtet, stößt früh auf seine intensiv ausgelebte Vorliebe für alles Lesbare. Schon als kleiner Junge hat er sich umfassend mit Literatur beschäftigt, Bücher verschlungen und von ihrem Inhalt gezehrt. Sinologe Peter Kien, der den zentralen Charakter in Canettis zweitem Hauptwerk neben „Masse und Macht“ bildet, lebt ebenfalls mit einer engen Bindung zu Büchern. Ganze 25.000 Bände umfasst seine Bibliothek, täglich ist er auf der Suche nach neuen literarischen Schätzen. Kien pflegt nur wenige soziale Kontakte ist aber für sein Wissen im Bereich Bücher hoch angesehen. So wenig lebenswert sein Alltag für viele Menschen scheinen mag, Kien fühlt sich wohl, bis Therese in sein Leben tritt und alles zerstört.

Am Ende der Blendung steht die Selbstaufgabe

Canettis Werke sind stets philosophisch und häufig auch psychologisch geprägt. Am offensichtlichsten ist das bei der monumentalen Studie „Masse und Macht“. Auch „Die Blendung“ aber hat es dahingehend in sich. Therese, die als Haushälterin zu Kien kommt und anfangs nur Bücher abstauben und Essen zubereiten soll, schleicht sich in sein Leben, weil es finanziell lukrativ ist. Sie verführt ihn zur Ehe, Kien wird zur Passivität getrimmt. Überfordert mit der Situation und in zunehmender Verschmelzung mit seinen Büchern sieht Kien den einzigen Ausweg in seiner Selbstaufgabe. So verbrennt er sich mit all seinen Büchern und hinterlässt damit viele persönliche Fragen, die der Autor Zeit seines Lebens zu beantworten versuchte.

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Stolze -  Sehr geehrtes FacebookAls Vertreter der Generation Technik oute ich mich als absoluter Fan meiner Zeit. Mal ganz im Ernst, wir haben heute Errungenschaften, dank denen wir ohne große Hinzutun vollkommen unbeschwert durch den Tag kommen. Jeden Tag aufs Neues muss ich darüber schmunzeln, wie sich Menschen darüber aufregen, dass man erst fünf Minuten später am abgemachten Treffpunkt erscheint, ohne vorher mal per Whatsapp Bescheid gesagt zu haben. Wie war das denn vor fünf Jahrzehnten oder gar ein paar Jahrhunderten? Haben sich die Menschen da etwa in die Haare bekommen, wenn sie mal fünf Minuten später angekommen sind, Bescheid geben konnte man ja schwer. Es ist so ein Phänomen unserer Zeit, dass wir die Technik heutzutage als vollkommen selbstverständlich ansehen. Dabei vergessen wir die Generation, die nicht mit Macbook, Smart-Watches und Facebook aufgewachsen ist. Hans-Hermann Stolze widmet ihr und den Problemen im 21. Jahrhundert in „Sehr geehrtes Facebook!“ 150 Minuten Hörbuchgenuss.

Sehr geehrtes Facebook! – Er möchte Mitglied werden

Mark Zuckerberg ist heute jedem Teenager, Mitzwanziger und selbst den Mitdreißigern ein Name. Er hat eine Plattform ins Leben gerufen, über die heute mehr Kommunikation abläuft als beim Face-to-Face-Kontakt. Menschen in Kriegsgebieten haben keine Schulen oder saubere Kleidung, einen Fcebook-Account schon. Das will nun auch Hans-Hermann Stolze, obwohl er sich nicht sicher sein, ob er dafür Internet benötigt. Es gibt auch noch andere Sachen, die ihn beschäftigen. Seine Enkel wünschen sich ein Ding namens Smart-Fön. Dafür muss man wohl auch ins Internet, aber lässt sich seine alte Olympia Typ 50e überhaupt mit einer @-Taste nachrüsten?

Viele Fragen, auf die er mehr oder weniger Antworten erhält

Es sind viele Fragen, die einen 87-Jährigen Rentner heute beschäftigen können. Die Zeit scheint sich immer schneller zu drehen. Auf der Strecke bleiben dabei zumeist die Älteren, die eben in einer anderen Zeit aufgewachsen sind und an denen die Technik bisher weitgehend vorbeigegangen ist. Um auf die vielen Fragen Antworten zu bekommen, tippt Stolze auf seiner Schreibmaschine ein Schreiben nach dem anderen und schickt sie an die verschiedensten Kundenservicestellen. Interessanterweise bekommt er von nahezu allen ehrlich gemeinte Antworten, obwohl er auch diese nur schwer verstehen kann. „Sehr geehrtes Facebook!“ ist eine 150-minütige Hommage, die herzzerreißend und bewegend Eindruck hinterlässt.

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Evers - Wäre ich Du, würde ich mich liebenMan soll ja ein abgelaufenes Kalenderjahr immer mit etwas Positivem abschließen, damit letztlich auch gut ins neue gestartet werden kann. Dies gilt selbstverständlich auch für den kulturellen Bereich. Aus diesem Grund soll im heutigen Beitrag nicht alles ganz so ernst genommen und stattdessen besser mal ein wenig gelacht werden. Lauscht man den 350 Minuten pure Unterhaltung des Berliners Horst Evers, wird man aus der Erheiterung gar nicht mehr herauskommen. Zu lustig charakterisieren sich seine 65 Tracks, die vor Anekdoten und Neologismen nur so strotzen. Evers philosophiert in Wäre ich Du, würde ich mich lieben über verschiedene Elemente unseres Lebens, vor allem auch über dieses selbst.

Horst Evers – Ein Studienabbrecher mit Unterhaltungstalent

Germanistik und Sozialkunde hat der heute 46-jährige Kabarettist an der Freien Universität zu Berlin studiert. Ein Abschluss findet sich nicht in seiner Vita. Das scheint aber kein Muss, um erfolgreich mit Worten unterhalten zu können. Mehrfach schon hat Horst Evers das bewiesen, in „Für Eile fehlt mir die Zeit“ und „Der König von Berlin“. Dementsprechend zuverlässig entführt er uns auch jetzt wieder in seine Gedanken über die mehr oder weniger normalen Sachen unserer Welt. Themen wie die Pünktlichkeit bei der Deutschen Bahn und die Zuverlässigkeit beim Bau des Hauptstadtflughafen werden angesprochen und ausgeführt, teilweise karikiert, dies aber stets mit Stil.

Horst Evers – Ein Erzähler, der einem nichts aufzwingt

So sehr Horst Evers seine Leser und Zuhörer auch mit auf die Reise nimmt, so wenig versucht er ihnen etwas aufzuzwingen. Es steckt halt auch bei der noch so übertriebenen Ausformung der eigenen Gedanken immer noch ein Funke Wahrheit verborgen, durch den wir ihm und seinen Ansichten irgendwie immer zustimmen müssen. Ohne Frage ist die elektronische Zahnbürste eine tolle Erfindung, ein sich selbst ausleerende Mülleimer wäre aber definitiv auch eine langjährige Forschung wert. Es sind die banalen Phänomene des Alltags, die Evers in „Wäre ich Du, würde ich mich lieben“ interessieren und die er auf komische Art und Weise problematisiert.

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Dieter Nuhr – Nuhr ein Traum

Benjamin Jendro

10.Dezember
2013

Nuhr - Nuhr ein TraumDieter Nuhr zählt zu den ganz großen Comedians unseres Landes. Vollkommen zurecht, wie der Blogautor meint. Seine Witze mögen nicht immer auf den ersten Blick lustig sein, auf den zweiten spätestens aber sind sie es. Dieter Nuhr schafft es, seine Anekdoten geschickt zu verpacken. Eben so, dass man zunächst einmal etwas reflektieren muss, bevor die Lachmuskeln ins Zucken geraten. Nuhr ein Traum ist nicht sein erstes Hörbuch, der Mann hat bereits des Öfteren Platz in den Bestsellerlisten genommen. Der Live-Mitschnitt seines Bühnenprogramms aber hebt den Comedian Nuhr auf einen noch höher einzustufenden Level.

Ist unser Leben „Nuhr ein Traum“?

Dass wir Menschen gerne träumen, ist an sich keine besonders bemerkenswerte Erkenntnis. Die Fragen, die sich Nuhr für seine neuen Gags gestellt hat, sind aber tiefgreifender. Was ist, wenn wir generell nichts anderes mehr machen als zu träumen? Was ist, wenn wir träumen anstatt zu leben und die Traumwelt als Realität hinnehmen? Betrügen wir uns in unserem alltäglichen Leben nicht immer wieder neu, weil wir Sachen hinnehmen, die uns vorgegaukelt werden, obwohl sie gar nicht real sind? Na ja so ganz unreal ist das nicht. Schließlich weiß man bei der täglich gigantisch erscheinenden Nachrichtenflut im Internet ja gar nicht mehr so wirklich zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.

Nuhr ein Traum – 70 Minuten Unterhaltung pur

70 Minuten dauert das von Nuhr vorgetragene Programm. In diesem geht es um vieles, eigentlich um alles, was die heutige Gesellschaft so interessiert. „Nuhr ein Traum“ erzählt Geschichten über Religion, über das Zölibat, Jesus und die Zeugen Jehovas. Auch Demokratie und Weltpolitik an sich werden komisch abgehandelt. Nuhr spricht auch über innovative Fortbewegungsmittel, über das Schuldenmachen und Handystrahlung. Er redet über Angela Merkel und Jogi Löw, über Österreicher und den Schlimmsten von ihnen, der je einen Fuß nach Deutschland gesetzt hat. Das Leben an sich muss reflektiert werden und mit ihm Themen wie Ernährung, Freundschaft, Liebe und Tod. Komprimiert in 70 Minuten ist das durchaus hörenswert.

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Steinbrück oder Merkel?

Benjamin Jendro

3.September
2013

Steinbrück oder MerkelAm vergangenen Sonntag verfolgten rund 20 Millionen auf einem der vier ausstrahlenden Sender das Kanzlerduell zur Bundestagswahl am 22. September. Das ist in etwa jeder vierte Bundesbürger. Wenn man beachtet, dass einige zu dieser Zeit bereits das Bettchen hüten sollten, ist das schon eine immense Zahl. Was aber hat dieses Duell der zwei Hauptakteure im Wahlkampf 2013 bewirkt, was bleibt hängen? Zum einen sicherlich, dass man den Kandidaten Steinbrück nun auch als solchen bezeichnen kann. Der gewohnt brillante Redner wirkte meist souverän und erntete Zuspruch. Frau Merkel, bei der für viele längst feststeht, dass sie in eine weitere Regierungsperiode geht, gab sich aber letztlich keine Blöße und scheint noch immer der klare Favorit. Klarheit wird am Ende eh erst die Wahl am 22.09 schaffen. Bis dahin empfiehlt es sich, bei „Steinbrück oder Merkel?“ mal genau zu lauschen, wer die eigene Meinung eigentlich am besten vertritt.

Keine Propaganda, sondern einfache Kandidatenvorstellungen

Das Tolle an dem Werk, das Martin Harbauer eingesprochen hat, ist, dass es informiert. Keinesfalls wird eine abschließende Positionierung zu einem Kandidaten vorgenommen, keine politisch bedeutsame Entscheidung vorgegeben. Die bloße Gegenüberstellung derjenigen, die uns durch die nächsten vier Jahre führen, wird hier angeführt. Autor Uwe-Karsten Heye vertritt dabei die Haltung der momentanen Opposition und erklärt stichhaltige Argumente, warum Peer Steinbrück Deutschlands beste Zukunft darstellt. Ebenfalls fundiert agiert Hugo Müller-Vogg, der konservativ für Frau Merkel argumentiert.

Themen, die bedeutend sind

Anhand von 50 Stichworten aus dem aktuellen politischen Geschehen erhält der Zuhörer so ein sehr umfassendes Bild der beiden Kandidaten. Themen wie die Lösung der Krise in Griechenland und ihre Folgen für den deutschen Steuerzahler werden hier nicht nur mit hohlen Phrasen gefüllt, sondern ernsthaft thematisiert. Auch die entscheidenden Bereiche Energiewende, Bankenpleite und Pflegereform werden problematisiert. Abgerundet wird das Werk durch informative Portraits einzelner anderer wichtiger Akteure wie Sigmar Gabriel, Horst Seehofer oder Ursula von der Leyen.

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James Joyce – Ulysses

Benjamin Jendro

2.April
2013

Joyce - UlyssesLiteraturklassiker tragen eine ganz besondere Bedeutung für uns Menschen. Gerade deshalb klassifizieren wir sie ja auch als Klassiker. Es sind jene literarischen Werke, die aufgrund ihres Inhaltes Elemente in sich binden, die für den Leser bzw. Zuhörer Werte vermitteln und ihn für sein Leben prägen. Erkennen kann man einen Klassiker ganz gut an der Tatsache, dass er es nicht nur in eine aktuelle Bestsellerliste schaffen konnte, sondern auch noch Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später eine gewisse Bedeutsamkeit zugeschrieben bekommt. Der dazugehörige Autor wird dann ebenfalls mit einer gewissen Wertschätzung verbunden. Auf den Iren James Joyce trifft diese Einschätzung ganz sicher zu, die Anerkennung erfolgt nicht nur auf der grünen Insel. Nein Joyce hat die globale Menschheit geprägt, sein Werk „Ulysses“ ist auch heute noch die berühmteste Beschreibung eines erlebten Tages, die jemals in Literatur verpackt wurde.

Ein Tag mit Leopold Bloom

Diesen besagten Tag verbringen wir als Leser oder Zuhörer an der Seite von Leopold Bloom, seinerseits Anzeigenakquisiteur einer Zeitung inmitten von Dublin. Die Erlebnisse, die er am erzählten Tag durchlebt, hören wir unter anderem von Corinna Harfouch, Manfred Zapatka und Dietmar Bär. Diese erzählen das Geschehen, bei dem der Protagonist an den verschiedensten Orten Dublins auf die facettenreichsten Gesichter trifft, die von der Stadt bereitgehalten werden. Das ist letztlich derart interessant, dass auch die Vergabe des Deutschen Hörbuchpreises 2013 für das Beste Hörbuch nicht wirklich überraschend kam. Auch das ist nur ein weiteres Zeichen für die große Klasse, die das Werk von Joyce in sich trägt.

Parallelen zur Odyssee

Wenn man mal bedenkt, dass der Tag, an dem wir Mister Bloom begleiten, der 16. Juli 1904 ist, scheint der Bezug zu einem gewissen Homer durchaus verwegen. Nicht umsonst aber wählte Joyce für sein wohl größtes Stück die englische Übersetzung von Odysseus, jenen bekannten Helden, der einst im antiken Griechenland auf Reisen ging. Auch dabei handelt es sich um einen großen Klassiker der Literaturgeschichte. Wohlgemerkt bestand dieser aus drei Teilen, die „Ulysses“ setzt sich aus der gleichen Anzahl zusammen. Die insgesamt 18 Episoden, die den Tag des Herrn Bloom bestimmen, ähneln denjenigen des früheren Epos ebenso. Anders als der große Odysseus aber plagt sich Leopold Bloom eher mit seinen inneren Gedanken als mit üblen Seemonstern und anderen scheinbar unbesiegbaren Wesen. Während der eine durch die Irren der Welt fährt, geht der andere durch die Irren seiner Stadt und der eigenen Befindlichkeit.

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Sibylle Berg – Vielen Dank für das Leben

Benjamin Jendro

12.Februar
2013

Berg - Vielen Dank für das LebenBeinahe jeden Tag erleben wir, welche grausamen Elemente in unserer Gesellschaft vorhanden sind. Wir erfahren von den Gräueltaten einzelner Mörder, von Terroranschlägen und Geisterfahrern. Dabei sind dies bei weitem nicht die einzigen Fälle, die eine gewisse Be- bzw. Verachtung verdienen. Jeden Tag aufs Neue grenzen wir einzelne Menschen aus, weil sie nicht unserer humanen Vorstellung entsprechen, vielleicht anders aussehen. Hermaphroditen, also Menschen ohne eindeutiges Geschlecht, gehören auch zu jener Gruppe, die viele meiden. Sibylle Berg schenkt ihnen ein wenig mehr Aufmerksamkeit und schickt Protagonist Toto in „Vielen Dank für das Leben“ stellvertretend für viele in die Bestsellerlisten.

Was gut ist, muss ausgezeichnet werden

Gerade erst erhielt das Werk, welches in der knapp 400 Minuten langen Hörbuchfassung von Gustav Peter Wöhler gelesen wird, den Hörbuchpreis 2013 für den besten Interpreten. In der Tat erscheint diese Auszeichnung gerechtfertigt. Schließlich hat die Autorin, welche bereits mit „Sex II“ oder „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ Erfolg feiern konnte, eine sehr eindrucksvolle Geschichte aufgeschrieben. Zentrale Figur ist Toto, ein Hermaphrodit, der 1966 in der DDR zur Welt kommt. Sein Vater ist schon vor der Geburt weg, die Mutter vollkommen überfordert und auch im Waisenheim grenzt man den Neuling kategorisch aus. Während der Arzt ihn als männlich deklariert, hält die Hebamme ihn für dasjenige Baby, was in ihrer langen Karriere die bisher größten Schwierigkeiten verursacht hat. Auch im Kinderheim setzt sich der Sonderstatus fort, ist er doch für die Kinder hassende Chefin der größte Dorn im Auge.

Lebensmut trotz täglicher Qual

Man muss schon arg zwischen den Zeilen lesen bzw. hören, wenn man eine Person finden möchte, der Toto am Herzen liegt. Seine Mutter wird als Alkoholikerin ohne Interesse für ihr Kind dargestellt, die Heimleiterin schikaniert ihn, wo es nur geht. Auch das bäuerliche Paar, an das er vermittelt wird, hält keine Zuneigung bereit. Toto wird für sie zur billigen Arbeitskraft. Nach seiner Flucht in den Westen, von der er sich anfangs viel verspricht, wird das kaum besser. Einem Aufenthalt in einer Hippiekommune folgt die Bewerbung bei einer Musikhochschule. Das Singen sieht er als sein großes Talent, der Lehrer aber ekelt sich vor Toto und verweigert ihm die Aufnahme. Selbst im schäbigen Nachtclub, der ihm ein paar Mäuse und ein Bett beschert, darf er nicht lange bleiben. Eine Frau, die er bis zu ihrem Sterben pflegt, schickt ihn mit den Worten „Geh weg, du ekliger Freak“ fort. So scheint auch sein Tod irgendwie als einzig logischer Ausweg aus einer Welt, die für liebenswerte Geschöpfe wie Toto rein gar nichts zur Verfügung stellt.

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Marc-Uwe Kling – Die Känguru-Chroniken

Benjamin Jendro

27.Dezember
2012

Kling - Die Känguru-ChronikenDie lange Vorweihnachtszeit zu Ende des Jahres zielt ja stets auf eine besagte Phase hin, die für drei Tage familiäres Miteinander steht. Monatelang bereiten sich sämtliche Geschäfte auf dieses Ereignis vor. Indem wir Geschenke aussuchen, Plätzchen backen und die Wohnung schmücken, verfallen wir diesem Gestus ebenfalls. Das Fest der Liebe dient dann von Heiligabend bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag auch immer dazu, sich untereinander auszutauschen, über neue Erkenntnisse und Interessen. Bei mir gibt es da beispielsweise jemanden, der mich schon vor einigen Jahren mal auf den amüsanten Autor Marc-Uwe Kling gebracht hat. Zu diesem Weihnachten gab es dann schließlich die Audioversion seines ersten Werkes „Die Känguru-Chroniken“ zu hören.

Ein Känguru in einer Berliner Wohnung

So gesehen ist es nicht mein erster Kontakt mit dem Berliner Kabarettisten. Schon vom Folgewerk „Das Känguru-Manifest“ wurde mir erzählt, ich verschlang es anschließend und schaltete auch immer mal wieder das Radio ein, in welchem der ehemalige Philosophiestudent zur Unterhaltung einlud. Worüber Kling mit seinem tierischen Partner debattiert, lässt sich gar nicht so leicht zusammenfassen. Es geht um die Zeit und Ansichten des Herrn Marx, doch auch um die RAF oder aber Idol Bertolt Brecht. Es geht um Drogen, Shoppingwahn und das alltägliche Leben in der Berliner Szene. Kurz gesagt geht es um „Gott und die Welt“ beziehungsweise um alles, über was es sich für Kleinkünstler Kling und seinen Mitbewohner, ein Känguru, zu debattieren lohnt.

Preisgekrönte Kurzgeschichten

Der große Vorteil, den das Werk mit sich bringt, liegt in der Struktur des Besprochenen. Die gut fünf Stunden, die der Autor selbst eingesprochen hat, enthalten mehr als 80 Kurzgeschichten, die allesamt als Anstoß zu sehen sind. Weder kann man die Aussagen des aggressiven, kiffenden Kängurus, das für die Rockgruppe Nirvana und Gammeln auf der Couch steht, allzu ernst nehmen, noch sollte man dies mit den Reaktionen des menschlichen Gegenübers tun. Erwarten kann das Kling ohnehin nicht. Vielmehr scheint es ihm drum zu gehen, den Menschen ihre Welt mal aus einer anderen Perspektive zu zeigen.

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Umberto Eco – Das Foucaultsche Pendel

Benjamin Jendro

4.Dezember
2012

Eco - Das Foucaultsche PendelMit Thrillern ist das immer so eine Sache. Irgendwie gibt es kaum ein literarisches Konstrukt, das als Thriller deklariert wird und dann nicht zu fesseln weiß. Auch, wenn sie sich in ihrer Qualität, der Gestaltung der Szenerie und auch derjenigen der einzelnen Akteure, arg unterscheiden können, legt man einen Thriller nach dem Beginn nur selten zur Seite. Woran das genau liegt, kann man gar nicht so recht sagen. Sind wir wohl erst einmal Zeuge eines Vorfalls, wollen wir auch sehen oder hören, wie dieser ausgeht. Ganz egal, wie unrealistisch oder einfach das Ende auch sein mag. Einen der größten Thriller aller Zeiten möchte ich heute als Hörbuch ans Herz legen. Zwar kann es bei den gut dreieinhalb Stunden durch das Übermaß an Begriffen und Institutionen schon mal ein wenig unübersichtlich werden – „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco muss man aber definitiv mal gehört haben.

Es beginnt mit den Templern

Ausgangspunkt für die folgende Geschichte ist eine Dissertation über die Templer, die der junge Casaubon in den siebziger Jahren in Italien abgeben möchte. Nach der dort zentralen Theorie kam es im 14. Jahrhundert keinesfalls zum Untergang des einst so mächtigen Ritterordens. Vielmehr habe er diesen selbst inszeniert und sich stattdessen in kleinere Gruppen aufgeteilt, um in der Moderne mittels unschätzbarem Wissen die Weltherrschaft zu übernehmen. Unter anderem integriert der stets intertextuell arbeitende Umberto Eco dort Thesen zum Mysterium des Heiligen Gral. Casaubon stößt auf die Lektoren Jacopo Belbo und Diotallevi, die sein Manuskript anfangs für komplett wertlos halten. In der Folge aber entwickeln sie ein großes Interesse. Gemeinsam spinnen die drei eine Verschwörungstheorie zusammen, die neben den Templern auch weitere Gesellschaften beinhaltet, zu denen es die verschiedensten Spekulationen gibt. Rosenkreuzer, Freimaurer, Kabbalisten, Illuminaten, Assassinen und Die Weisen von Zion werden so einfach alle in einen Topf geworfen.

Wenn eine Theorie gefährlich wird

Allein die Hirngespinste der Drei beinhalten schon einen gigantischen Unterhaltungswert. Noch spannender aber wird es, als jemand den Freunden an den Kragen will. Womöglich hängt das mit den aufgestellten Theoremen zusammen, vielleicht sind es die Templer selbst, die ihr Geheimnis wahren wollen. Eigentlich sollten diese bereits 1944 zurück an die Herrschaft gelangen, irgendetwas aber muss die Pläne verändert haben. So schlummern sie noch immer im Verborgenen, zumindest, wenn es nach Casaubon geht. Interessanterweise, und da unterscheidet sich Eco von Dan Brown und alles, was nach ihm kommt, bewahrheitet sich die Verschwörung nicht. Sie spielt mehr auf die fiktive Möglichkeit an und kann aus diesem Grund auch als Parodie auf alle Verschwörungstheorien der Neuzeit interpretiert werden. So oder so aber ist es eine Lektüre, die mit Blick auf Geheimbünde und Mystik zum absoluten Lehrwerk avanciert. Die einzelnen Details zu den Gegebenheiten zeigen einmal mehr, welche Hintergrundwissen der italienische Autor mit ins Spiel bringt.

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