...entführen dich in eine andere Welt

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9.Oktober
2012

Elias Canetti – Die Stimmen von Marrakesch

Benjamin Jendro

Canetti - Die Stimmen von MarrakeschViele Menschen lieben es Geschichten und Eindrücke aus Regionen zu hören, die sich kulturell von den ihnen bekannten unterscheiden. Es ist der mythische Zauber, der von ihnen ausgeht und uns in eine Welt entführt, in der sich unsere Phantasie frei entfalten kann. Bevor Literaturnobelpreisträger Elias Canetti sein wohl größtes Werk, die anthropologische Studie „Masse und Macht“ beenden konnte, musste auch er seinen kulturellen Horizont erweitern. Eine Art Schreibblockade hinderte ihn dabei, die monumentale Schrift fertigzustellen. So begab er sich währenddessen auf eine Reise ins entfernte Marokko, wo er sich nach eigenen Angaben neue Facetten des Menschlichen aneignen wollte. „Die Stimmen von Marrakesch“ sind das Resultat dieser Reise, die vielmehr als einen gewöhnlichen Urlaub darstellen sollte.

Ein Reisebericht, der seinesgleichen sucht

Reiseberichte aus dem Orient bekam man in den vergangenen Jahrhunderten schon des Öfteren vorgesetzt, Canettis Stimmen, die er vor Ort aufnahm und in der Folge versuchte, auf Papier einzufangen, sind aber etwas ganz Besonderes. Canetti, der das Werk selbst eingesprochen hat, beschreibt keine gigantischen Landschaften, keine Tempel, Moscheen oder andere historische Bauten. Viel wichtiger scheinen dem Autor die Laute von Menschen und Tieren, die sich in den meisten Fällen an der Grenze von Leben und Tod befinden. Canetti begleitet eine Kamelkarawane auf ihrem Weg ins Schlachthaus und lauscht einem Esel bei seinen letzten Lauten. Er lässt sich in den Bann eines nach Leben lechzenden Bündels ziehen und erhebt Bettler zu „Heiligen der Wiederholung“.

Orient und Okzident

Wenngleich einige Kritiker Canettis klischeehafte Darstellung kritisieren, versucht der Autor doch lediglich denen Wert zu schenken, die für die Gesellschaft sonst eben keinen haben. Er distanziert sich davon, Sehenswürdigkeiten zu beschreiben oder sie zu besuchen. Statt dem Palast des Sultans will er lieber das einfache Zuhause einer alten Frau sehen. Enttäuscht zeigt er sich überall da, wo man versucht, ihm Bekanntes aufzuzeigen. Canetti will schließlich neue Eindrücke sammeln, Neues auf sich wirken lassen. Sinnbildlich für dieses gewünschte Gefühl ist die Tatsache, dass der Schriftsteller von Weltformat kaum Aufzeichnungen von seiner Reise mit zurück in die Heimat nahm. Sein Werk, das erst mehr als ein Jahrzehnt später zu Papier gebracht wurde, gestaltet sich so als eine bloße Reflektion der eigenen Eindrücke.

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