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20.Oktober
2009

F.A.Z. Gastbeitrag: Hörbücher – Harry Potter rettet die Lyrik

admin

Der Hörbuchmarkt weiß von Krise ein Lied zu singen


Ein einziger Ken Follett kann eine ganze Jahresbilanz in die schwarzen Zahlen katapultieren. So verzeichnete Lübbe Audio im Jahr 2008 dank „Die Tore der Welt“ ein Umsatzplus von dreiunddreißig Prozent. Dem Label tacheles! hingegen fehlte ein neuer Hape Kerkeling – sein Umsatz ging um dreiunddreißig Prozent zurück. Weil das Hauptgeschäft mit wenigen Spitzentiteln gemacht wird, sind die Verlage starken Schwankungen ausgesetzt. Insgesamt ist der Hörbuchmarkt stabil. Sein Wachstum ist von 2,6 Prozent in 2007 auf 1,8 Prozent in 2008 leicht gesunken, der Anteil der Hörbücher am Buchmarkt stagniert bei 4,8 Prozent. Der Gesamtumsatz der Warengruppe Hörbuch liegt bei etwa 200 Millionen Euro. Weil immer mehr Neuerscheinungen auf den Markt drängen, ist es für die Verlage aber schwierig, ihre Backlist-Titel abzusetzen. Außerdem ist der Durchschnittspreis für ein Hörbuch von 13,40 Euro in 2007 auf 12,38 Euro in 2008 gesunken: Die Buchpreisbindung gilt für Hörbücher nicht. Ohnehin kann man die meisten Hörbücher kurz nach ihrem Erscheinen illegal, aber kostenlos herunterladen.


Die Verlage entwickeln angesichts dieser Schwierigkeiten verschiedene Strategien: Ein Hörbuch des Hörverlags hat mindestens drei Leben. Als Erstausgabe erhält es eine aufwendige Verpackung, der Ladenpreis für sechs CDs beträgt mindestens 24,95 Euro. Ein Jahr später erscheint eine günstigere Version in schlichter Verpackung. Diese kann dann noch einmal in einer Edition oder als Sonderausgabe auftauchen, bevor sie – etwa auf jokers.de – verramscht wird. Bestseller wie die „Harry Potter“-Hörbücher finanzieren langwierige, arbeitsintensive Projekte wie die Anthologie „Lyrikstimmen“. Angesichts der schwierigen Situation ist der Verlag vorsichtig geworden. In diesem Jahr wird er nur ein einziges Hörspiel produzieren: Frank Schätzings Limit.


Idealismus ist das Konzept des Berliner Verlags supposé. „Jedes meiner Produkte ist auf Langlebigkeit ausgelegt“, sagt Klaus Sander, Leiter und einzigerAngestellter von supposé, „deshalb spare ich weder an der Produktion noch an der Verpackung.“ Eine funktionierende Mischkalkulation kommt durch glückliche Zufälle zustande. So fanden etwa die Originalaufnahmen der Reden Einsteins im Einsteinjahr 2005 reißenden Absatz. Das im September erschienene HörbuchDie Nacht ist aus Tinte gemacht, auf dem Herta Müller ihre Kindheit erzählt, war nach der Verkündung des Literaturnobelpreises innerhalb kurzer Zeit vergriffen.


Letztendlich hoffen die Verlage darauf, dass sich das System selbst reguliert. Die Hörbuchverlage müssen weiter bestehen, weil sie die Inhalte produzieren.“ Ein Produkt muss erst einmal entstehen, bevor es gestohlen werden kann.


ELISABETH DIETZ

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