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3.Oktober
2012

Luca di Fulvio – Der Junge, der Träume schenkte

Benjamin Jendro

Di Fulvio - Der Junge, der Träume schenkteItalienische Autoren haben ihre ganz eigene Art, zu unterhalten. In den seltensten Fällen ist man sich beim Lesen der letzten Seite oder Hören der letzten Zeilen wirklich im Klaren darüber, was die ganze Zeit davor nun wirklich erzählt wurde. Der Römer Luca Di Fulvio ist ein Paradebeispiel dafür. Nach dem Lesen von „Inkubus“ habe ich mich wirklich gefragt, was er damit genau berichten wollte. Er scheint mir ein wenig überzogen bei der Darstellung von Strafhandlungen und dem Sexualverhalten der Menschen, auf der anderen Seite kontrastieren das dann weiche Momente, so dass man sich ernsthaft fragt, wie das zusammenpasst. Er erinnert in diesem Sinn ein wenig an Pier Paolo Pasolini, der ebenfalls nicht so leicht zugänglich war und bei dessen Werken man nur spärlich den roten Faden entdeckte. „Der Junge, der Träume schenkte“ von Di Fulvio sorgte im vergangenen Jahr nichtsdestotrotz für reichlich Aufsehen, die Hörbuchvariante von Timmo Niesner ist in jedem Fall zu empfehlen.

Der Traum im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Knapp 800 Seiten umfasst das gute Stück, gute siebeneinhalb Stunden dauert auch das Hörspiel. Beides jedoch wirkt zu keiner Zeit langatmig, die enge Szenenstruktur schafft ein gesundes Maß an Spannung. Nicht zu übersehen ist dabei jedoch die bereits angesprochene, sehr konfus wirkende Zusammenstellung der verschiedenen Elemente. Di Fulvio beginnt mit der Darstellung einer Mutter, die im frühen 20. Jahrhundert einen Sohn zur Welt bringt, der die Folge einer Vergewaltigung ist. Um sich selbst und dem Nachkömmling eine bessere Zukunft in Aussicht zu stellen, reisen sie in die Vereinigten Staaten von Amerika. Nach dieser kurzen Einführung beginnt dort die wahre Geschichte, in der Natale oder besser Christmas, wie man ihn nach der Einreise nennt, sich zunehmend in den Vordergrund drängt. Wir begleiten ihn in seiner Jugendphase, in der er sich Respekt erarbeitet und die eigene Klugheit zu nutzen versteht.

Kleiner Junge mit großer Bedeutung

In der Lower East Side, wo viele Menschen in Armut leben und sich durch kleinkriminelle Handlungen über Wasser halten, regiert das Gesetz der Straße. Christmas erkennt das ziemlich schnell und versucht sich selbst bestmöglich durchzuschlagen. Dabei stellt er sich als bedeutend dar, erfindet Verbindungen zu den großen Mafiosi der Stadt und beweist in den richtigen Situationen das richtige Gespür. Nachdem er ein junges Mädchen vor dem sicheren Tod bewahrt und sich folglich unsterblich in sie verliebt, verschiebt sich der Schwerpunkt des Autors. Das sorgt dafür, dass neben der Gangstergeschichte nun auch eine Liebesgeschichte erzählt wird und der Zuhörer des Öfteren verwirrt zurückgelassen wird. Doch Di Fulvio holt ihn immer wieder schnell in die Geschichte herein und hinterlässt so ein beeindruckendes Werk, wenngleich ich mir noch immer nicht so wirklich sicher bin, was er damit genau erzählen will.

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