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4.Februar
2014

Simon Beckett – Der Hof

Benjamin Jendro

Beckett - Der HofEin wenig ruhig ist es in den letzten Jahren um Simon Beckett geworden. Der Namensvetter des früheren Literaturnobelpreisträgers, mit welchem er bis auf das schriftstellerische Talent nur wenig gemeinsam hat, ist vor einigen Jahren vom Nobody zum absoluten Weltautor gewachsen. Viel Zeit bedurfte es dafür nicht, nur ein paar beeindruckende Thriller wie „Die Chemie des Todes“, „Kalte Asche“ oder „Voyeur“. Nach seinem letzten David-Hunter-Band „Verwesung“ aus dem Jahr 2011 hat er sich eine kleine Schaffenspause gegönnt. Nun ist er mit Der Hof zurück auf der ganz großen Bühne. Verlernt hat der Brite beileibe nichts, das Werk besticht mit dem für Beckett typischen Grauen, dessen Ausmaß dem Zuhörer erst im Verlauf deutlich wird.

Der Hof beginnt etwas verstörend

Zunächst erleben wir einen gehetzten Mann, der wie von der Tarantel gestochen durch die Landschaft jagt. Sein Gefährt ist blutbefleckt, seine Kleidung ebenfalls nicht im besten Zustand. Auf der Flucht vor den Behörden ist er unachtsam und tappt in eine rostige Eisenfalle. Mit höllischen Schmerzen, einer offenen Wunde und hilflos in der brütend heißen südfranzösischen Einöde verliert Sean langsam das Bewusstsein. Kurz bevor sein Ende bevorsteht, sieht er zwei junge Frauen, die keine Probleme damit haben, die alte Falle zu öffnen und Sean zumindest vorrübergehend vor dem Tod zu bewahren.

Es ist „Der Hof“, auf dem Eigenartiges vorgeht

Was Johannes Steck im Folgenden eindrucksvoll vorträgt, zeigt uns einen Beckett, den wir bereits sehr gut kennen. Sean wird auf einen Hof gebracht. Besitzer Arnaud, Vater der beiden Retterinnen, mag eigentlich keine Gäste, bietet Sean aber Asyl, wenn er dabei hilft, den maroden Wänden wieder Leben einzuhauchen. Natürlich willigt er in das Angebot ein. Zum einen hat man sich in Person von Mathilde hier bestens um seinen Fuß gekümmert, zum anderen wartet in der Heimat nicht wirklich eine Alternative. Irgendwas jedoch geht auf dem Hof vor. Nicht nur die von Arnaud aufgestellte Eisenfalle ist ein Indiz dafür, dass die Familie etwas mit rabiaten Mittel unter den Teppich kehren möchte.

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28.Januar
2014

Raymond Khoury – Dogma

Benjamin Jendro

Khoury - DogmaIch bin der Meinung, man sollte nicht den Fehler begehen und ein Werk im Bücherregal verstauen, wenn man es einmal komplett durchgeblättert hat, und es dort dann für immer in Vergessenheit geraten zu lassen. Nein, an die wirklich guten literarischen Erzeugnisse sollte man sich in Stunden der freien Zeit schon noch einmal zurückerinnern. Mir wiederfuhr das erst kürzlich, als ich bei der Auswahl eines neuen Hörbuchs auf Dogma“ von Raymond Khoury stieß. In Papierform konnte mich dies überzeugen und da Sprecher Simon Jäger zu den Aushängeschildern seines Fachs zählt, war auch der Kauf der Hörbuchvariante keine allzu lang überlegte Entscheidung.

Reilly und Chaykin Part Two

Etwa acht Stunden dauert das Geschehen, ungefähr so lang dürfte ich auch für die rund 600 Seiten gebraucht haben. Es handelt sich um das zweite Abenteuer von FBI-Agent Sean Reilly und Archäologin Tess Chaykin. Die Beiden hat man im ersten Band der Tempelritter-Reihe bereits kennengelernt. In „Dogma“ muss Sean ein altes Dokument aus dem Vatikan entwenden, um Tess aus den Fängen von Terroristen zu befreien. Wie auch im ersten Band entwickelt Khoury ein optimales Wechselspiel aus brisanter Action und historischer Hochwertigkeit, da er den Zuhörer immer mal wieder ins 13. bzw. 14. Jahrhundert entführt.

Khoury überzeugt einmal mehr

Ganz ehrlich muss ich zugeben, dass ich Khoury bei „Scriptum“ noch nicht ganz so viel Wertschätzung entgegenbringen konnte. Historische Romane wirken heutzutage auf mich immer ein wenig befremdend. Gerade diese Zeitensprünge aber machen seine Geschichten insgesamt so hochwertig. Während bei anderen Thrillern dieser Art häufig auf historische Gegebenheiten via Erzählungen verwiesen wird, kann man sie hier direkt nacherleben. Darin besteht der große Vorteil, denn sie machen das ganze Szenario, das sich in der Moderne abspielt, interessanter. Hinzu kommt, dass man beim Zuhören selbst zu rätseln beginnt und so vorab darüber spekulieren kann, auf was die Protagonisten in den nächsten Minuten treffen werden. Tess und Sean führt die Reise ins heutige Istanbul, wo ein Archiv mit begehrten Schriften der Templer erwartet wird. Wie es so ist, hat der Trip aber nichts mit Urlaub zu tun, schließlich sind auch andere Suchende dabei, die geheimen Schriftstücke aufzuspüren.

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21.Januar
2014

Graeme Simsion – Das Rosie-Projekt

Benjamin Jendro

Simsion - Das Rosie ProjektEigentlich ist es heute doch wesentlich einfacher, die große Liebe zu finden als früher. Oder etwa nicht? Na ja, aufgrund der heutigen technischen Möglichkeiten ist es einem zumindest gestattet, Leute aus den verschiedensten Erdteilen kennenzulernen und via Facebook, Skype und Co. mit diesen zu kommunizieren. Ganz nach dem Motto „Wer die Wahl hat, hat die Qual“ scheint das die Suche nach dem perfekten Partner aber nicht gerade zu vereinfachen. Auch im Jahr 2014 suchen viele Töpfe noch nach dem passenden Deckel. Don Tillman macht dies in „Das Rosie-Projekt“ von Graeme Simsion auf amüsante Art und Weise.

Das Rosie-Projekt – Ehefrau gesucht

Don Tillman ist in vielerlei Hinsicht ein ganz besonderes Exemplar der Spezies Mann. Zumindest die Suche nach der richtigen Frau aber charakterisiert ihn als ganz gewöhnlichen Typen, der mit seinem Problem wahrlich kein Sonderfall ist. Interessant ist die Methode, wie er das verändern will. Don Tillman möchte in „Das Rosie-Projekt“ gerne eine Gattin finden, die weder trinkt noch raucht. Eine, die pünktlich ist und sich nicht nur von Salat ernährt. Durch einen Fragebogen, der mal eben 16 Blätter umfasst, sucht er auf wissenschaftlicher Basis seine Traumfrau, die dann logischerweise optimal zu ihm passen sollte. Plötzlich taucht Rosie in das Geschehen – eine Frau, die so gar nicht ins Idealbild passt.

Lässt Rosie das Projekt scheitern?

Die Barkeeperin Rosie ist ernsthaft nicht das, was Don Tillman gesucht hat. Sie hat mit Alkohol zu tun, raucht gerne und ist öfter mal ein bisschen zu spät. Dennoch geht von ihr eine Anziehungskraft aus, welcher sich der Suchende nicht zu entwinden vermag. Alles lässt sich eben nicht mit Wissenschaft beweisen, die Liebe ist einer dieser Bereiche. Don Tillman, dem Robert Stadlober im 7-stündigen Hörbuch die Stimme leiht, erkennt das zunehmend. So wird er Teil einer sehr warmherzig inszenierten Geschichte, die wortgewandt und mit einer bahnbrechenden Wandlung daherkommt.

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14.Januar
2014

Hans-Hermann Stolze – Sehr geehrtes Facebook!

Benjamin Jendro

Stolze -  Sehr geehrtes FacebookAls Vertreter der Generation Technik oute ich mich als absoluter Fan meiner Zeit. Mal ganz im Ernst, wir haben heute Errungenschaften, dank denen wir ohne große Hinzutun vollkommen unbeschwert durch den Tag kommen. Jeden Tag aufs Neues muss ich darüber schmunzeln, wie sich Menschen darüber aufregen, dass man erst fünf Minuten später am abgemachten Treffpunkt erscheint, ohne vorher mal per Whatsapp Bescheid gesagt zu haben. Wie war das denn vor fünf Jahrzehnten oder gar ein paar Jahrhunderten? Haben sich die Menschen da etwa in die Haare bekommen, wenn sie mal fünf Minuten später angekommen sind, Bescheid geben konnte man ja schwer. Es ist so ein Phänomen unserer Zeit, dass wir die Technik heutzutage als vollkommen selbstverständlich ansehen. Dabei vergessen wir die Generation, die nicht mit Macbook, Smart-Watches und Facebook aufgewachsen ist. Hans-Hermann Stolze widmet ihr und den Problemen im 21. Jahrhundert in „Sehr geehrtes Facebook!“ 150 Minuten Hörbuchgenuss.

Sehr geehrtes Facebook! – Er möchte Mitglied werden

Mark Zuckerberg ist heute jedem Teenager, Mitzwanziger und selbst den Mitdreißigern ein Name. Er hat eine Plattform ins Leben gerufen, über die heute mehr Kommunikation abläuft als beim Face-to-Face-Kontakt. Menschen in Kriegsgebieten haben keine Schulen oder saubere Kleidung, einen Fcebook-Account schon. Das will nun auch Hans-Hermann Stolze, obwohl er sich nicht sicher sein, ob er dafür Internet benötigt. Es gibt auch noch andere Sachen, die ihn beschäftigen. Seine Enkel wünschen sich ein Ding namens Smart-Fön. Dafür muss man wohl auch ins Internet, aber lässt sich seine alte Olympia Typ 50e überhaupt mit einer @-Taste nachrüsten?

Viele Fragen, auf die er mehr oder weniger Antworten erhält

Es sind viele Fragen, die einen 87-Jährigen Rentner heute beschäftigen können. Die Zeit scheint sich immer schneller zu drehen. Auf der Strecke bleiben dabei zumeist die Älteren, die eben in einer anderen Zeit aufgewachsen sind und an denen die Technik bisher weitgehend vorbeigegangen ist. Um auf die vielen Fragen Antworten zu bekommen, tippt Stolze auf seiner Schreibmaschine ein Schreiben nach dem anderen und schickt sie an die verschiedensten Kundenservicestellen. Interessanterweise bekommt er von nahezu allen ehrlich gemeinte Antworten, obwohl er auch diese nur schwer verstehen kann. „Sehr geehrtes Facebook!“ ist eine 150-minütige Hommage, die herzzerreißend und bewegend Eindruck hinterlässt.

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7.Januar
2014

Sebastian Fitzek – Noah

Benjamin Jendro

Fitzek - NoahInnerhalb dieses Blogs war Sebastian Fitzek schon des Öfteren thematischer Gegenstand unserer Betrachtung. So soll es auch heute sein. Mit Noah wählt der Berliner Thrillerautor eine biblische Figur zu seinem Werktitel. Im Plot hingegen wird es aber so gar nicht biblisch. Vielmehr sucht ein Mann nach seiner eigenen Identität. Obwohl die Geschichte rein oberflächlich betrachtet nicht so ganz ins bisherige Repertoire von Fitzek zu passen scheint, muss doch auch der literarische Laie erkennen, welches Psychospiel uns da vorgelegt wird. Es ist zwar keine psychopathischer Killer unterwegs, dafür aber wird die Psyche des Hauptprotagonisten und aller Zuhörer mehr als nur auf die Probe gestellt.

Noah sucht nach sich selbst

432 Minuten lang ist das von Simon Jäger brillant gesprochene Hörbuch. Es ist mehr eine Art Verschwörungsthriller als die typische Szenerie, die Fitzek sonst aufbietet. Bevor wir aber das ganze Ausmaß des Erzählten durchblicken, begleiten wir erst einmal einen Obdachlosen, der nichts über seine Vergangenheit weiß. Man nennt ihn „Noah“, weil eine Tätowierung an seiner Handfläche eben jenen Schriftzug trägt. Auf der Suche nach seiner eigenen Historie durchstreift „Noah“ die Straßen der Hauptstadt, von denen der Autor standesgemäß jede Gasse aus dem Effeff beschreiben kann. Puzzleartig setzt sich dabei eine Story zusammen, deren Folgen nicht nur für „Noah“ selbst immense Auswirkungen tragen.

Noah – Ein weiterer Bestseller

Natürlich ist Fitzeks neuer Thriller in Windeseile vielfach verkauft worden. Der Mann weiß einfach, wie er Leute begeistern und unterhalten kann. In den kommenden Monaten wird er mit dem neuen Stück auch durch das Land touren, zig Tausende werden seinen Vorlesungen beiwohnen. Sicherlich bedient sich der Schriftsteller an bekannten Elementen – ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat, ist wahrlich nicht zum ersten Mal Ausgangspunkt eines spannenden Werkes. Fitzek aber schafft es mit „Noah“ einmal mehr zum Marionettenspieler, der ganz bewusst und äußerst beliebig mit den Nerven all seiner Leser und Zuhörer spielt.

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31.Dezember
2013

Horst Evers – Wäre ich Du, würde ich mich lieben

Benjamin Jendro

Evers - Wäre ich Du, würde ich mich liebenMan soll ja ein abgelaufenes Kalenderjahr immer mit etwas Positivem abschließen, damit letztlich auch gut ins neue gestartet werden kann. Dies gilt selbstverständlich auch für den kulturellen Bereich. Aus diesem Grund soll im heutigen Beitrag nicht alles ganz so ernst genommen und stattdessen besser mal ein wenig gelacht werden. Lauscht man den 350 Minuten pure Unterhaltung des Berliners Horst Evers, wird man aus der Erheiterung gar nicht mehr herauskommen. Zu lustig charakterisieren sich seine 65 Tracks, die vor Anekdoten und Neologismen nur so strotzen. Evers philosophiert in Wäre ich Du, würde ich mich lieben über verschiedene Elemente unseres Lebens, vor allem auch über dieses selbst.

Horst Evers – Ein Studienabbrecher mit Unterhaltungstalent

Germanistik und Sozialkunde hat der heute 46-jährige Kabarettist an der Freien Universität zu Berlin studiert. Ein Abschluss findet sich nicht in seiner Vita. Das scheint aber kein Muss, um erfolgreich mit Worten unterhalten zu können. Mehrfach schon hat Horst Evers das bewiesen, in „Für Eile fehlt mir die Zeit“ und „Der König von Berlin“. Dementsprechend zuverlässig entführt er uns auch jetzt wieder in seine Gedanken über die mehr oder weniger normalen Sachen unserer Welt. Themen wie die Pünktlichkeit bei der Deutschen Bahn und die Zuverlässigkeit beim Bau des Hauptstadtflughafen werden angesprochen und ausgeführt, teilweise karikiert, dies aber stets mit Stil.

Horst Evers – Ein Erzähler, der einem nichts aufzwingt

So sehr Horst Evers seine Leser und Zuhörer auch mit auf die Reise nimmt, so wenig versucht er ihnen etwas aufzuzwingen. Es steckt halt auch bei der noch so übertriebenen Ausformung der eigenen Gedanken immer noch ein Funke Wahrheit verborgen, durch den wir ihm und seinen Ansichten irgendwie immer zustimmen müssen. Ohne Frage ist die elektronische Zahnbürste eine tolle Erfindung, ein sich selbst ausleerende Mülleimer wäre aber definitiv auch eine langjährige Forschung wert. Es sind die banalen Phänomene des Alltags, die Evers in „Wäre ich Du, würde ich mich lieben“ interessieren und die er auf komische Art und Weise problematisiert.

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23.Dezember
2013

George Orwell – 1984

Benjamin Jendro

Orwell - 1984In der vergangenen Woche ging es hier um Jonas Jonasson. Der Schwede ist zurzeit einer der angesagten Literaten, weil er es schafft, mit interessanten Abenteuergeschichten den Literaturfan zu unterhalten. Sicher ist es nicht, aber zumindest im Bereich des Möglichen, dass man über Jonasson auch noch in sechs Jahrzehnten spricht. Dann hätte er eine Nachwirkung erzielt wie George Orwell, um dessen viel zitiertes Meisterwerk es heute gehen soll. Der Brite, der eigentlich Eric Arthur Blair heißt, hat genau genommen zwei große Stücke geschrieben – „Farm der Tiere“ und „1984“. Allein die Tatsache, dass der japanische Dauerkandidat auf den Literaturnobelpreis, Haruki Murakami, Letzteres in neuem Deckmantel veröffentlicht und in „1Q84“ darum auch kein Geheimnis macht, zeigt die große Wirkung, die noch heute von Orwell ausgeht.

Die Kontrolle ist alles

1948 hat George Orwell sein Werk fertiggestellt. Mittels cleverer Zahlendreherei ist als Titel schließlich „1984“ herausgesprungen. Wer die Geschichte nicht gelesen oder gehört hat, wird über den Inhalt nur spekulieren können und schließlich erschaudern, sobald er mitbekommt, worum es geht. In „1984“ wird durch Hörbuchstimme Sebastian Rudolph ein perfider Staatsapparat vorgestellt, dessen einzelne Zahnräder perfekt ineinandergreifen und in welchem einzelne Institutionen engmaschig angelegt sind. Sie dienen der kompletten Überwachung der einzelnen Bürger, die nicht einmal normal fernsehen können, weil die Teleschirme ebenso als Überwachung aus der anderen Richtung genutzt werden können. Der „Große Bruder“, der die Parteielite führt, gibt vor, was man sieht, wann man Spot treibt und was man denkt. Wer sich hinter dem Synonym versteckt, weiß niemand. Nur ist ein Hinterfragen nicht gerade ungefährlich.

Beängstigendes, zeitloses Szenario

„1984“ spielt mit uns, weil Orwell trotz aller Kritik nicht wirklich darlegt, wo Fiktion aufhört und Realität beginnt. Das Thema Überwachungsstatt ist nicht erst im Jahr 2013 in den Fokus geraten. Ebenso bedeutsam wie das Gesamtkonstrukt sind auch die im Staat unterdrückten Einzelschicksale. Ehen sind arrangiert, die Jugend wird bereits in jungen Jahren für die Interessen der Obermacht gewonnen und so mancher Jüngling verrät seine Eltern. Die Strafen sind drakonisch, teilweise schon für winzige Fehler, so genannte Gedankenexperimente, denen die Gedankenpolizei auf die Schliche kommt. Zum geordneten Ablauf tragen auch die einzelnen Ministerien bei. In einem davon sitzt Hauptfigur Winston Smith, aus dessen Sicht wir alles beobachten. Im „Ministerium für Wahrheit“ sorgt er dafür, dass sich historische Ereignisse und Aussagen mit der derzeitigen Richtung der Partei decken. Zwar liegt sein Posten im erweiterten Kreis und so ist er Teil des Konstruktes, konform mit ihm ist er aber nicht. Smith will die Verhältnisse ändern, geht eine verbotene Liebschaft ein und will Kontakt mit dem Untergrund aufnehmen. Es stellt sich nur die Frage, wie viel Potenzial darin zu finden ist.

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17.Dezember
2013

Jonas Jonasson – Die Analphabetin, die rechnen konnte

Benjamin Jendro

Jonasson - Die Analphabetin, die rechnen konnteWir nähern uns dem Jahresende und damit ist auch verbunden, dass es draußen kälter wird. Das ist eigentlich nicht so schön, zumindest nicht für all jene, die den Sommer lieben. Auch für diese aber hat der Winter seine Vorteile. Einer liegt darin begründet, dass wir mehr Zeit bekommen, um uns hochwertiger Literatur zu widmen. Unter der Kuscheldecke auf der heimischen Couch können wir da bei Kerzenschein und Räucherstäbchen entweder selbst die Seiten umblättern, es auf digitalem Format per Knopfdruck tun oder aber einem Hörbuch lauschen und sich von einem gefühlvollen Roman berieseln lassen.  Bei Jonas Jonassons „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ ist das besonders gut möglich. Die Geschichte um eine kleines afrikanisches Mädchen, das über besondere Fähigkeiten verfügt, ist unterhaltsam und arbeitet mit emotionaler Tiefe.

„Die Analphabetin, die rechnen konnte“, stammt aus den Slums

Nombeko Mayeki heißt „Die Analphabetin, die rechnen konnte“. Sie ist ein typisches afrikanisches Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen. Hat uns Jonasson in „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ noch die traumhafte Landschaft Schwedens gezeigt, entführt er uns nun in eine Welt, in der mehr Elend herrscht als die Meisten vertragen werden. Gerade auf den ersten Seiten kommt die einfühlsame Leseweise von Sprecherin Katharina Thalbach gut zur Geltung. Nombeko hat bereits viele Rückschläge hinnehmen müssen. Mit fünf geht sie erstmals arbeiten, mit zehn wird sie Waise, mit fünfzehn verliert sie beinahe das Leben. Wie viele ihrer Landsleute kann sie weder lesen noch schreiben. Ihr Talent aber liegt in hochwertigen Rechenkünsten, ist sie doch „Die Analphabetin, die rechnen konnte“.

„Die Analphabetin, die rechnen konnte“, erobert die Welt

Hat man zunächst das Gefühl, dass ihr sagenhaftes Talent unbeachtet bleibt, erobert „Die Analphabetin, die rechnen konnte“, schnell die politische Weltbühne. Nombeko gerät in ein System, in welchem sie mit Geheimagenten und hochdekorierten Wissenschaftlern kommuniziert. Dabei geht es um nukleare Sprengköpfe und die Interessen einzelner Machthaber. Im Moment, in welchem ihr alles zu viel wird, versucht sie sich in Schweden zur Ruhe zu setzen. Auch im beschaulichen Skandinavien aber möchte der Trubel des Lebens nicht aufhören.

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10.Dezember
2013

Dieter Nuhr – Nuhr ein Traum

Benjamin Jendro

Nuhr - Nuhr ein TraumDieter Nuhr zählt zu den ganz großen Comedians unseres Landes. Vollkommen zurecht, wie der Blogautor meint. Seine Witze mögen nicht immer auf den ersten Blick lustig sein, auf den zweiten spätestens aber sind sie es. Dieter Nuhr schafft es, seine Anekdoten geschickt zu verpacken. Eben so, dass man zunächst einmal etwas reflektieren muss, bevor die Lachmuskeln ins Zucken geraten. Nuhr ein Traum ist nicht sein erstes Hörbuch, der Mann hat bereits des Öfteren Platz in den Bestsellerlisten genommen. Der Live-Mitschnitt seines Bühnenprogramms aber hebt den Comedian Nuhr auf einen noch höher einzustufenden Level.

Ist unser Leben „Nuhr ein Traum“?

Dass wir Menschen gerne träumen, ist an sich keine besonders bemerkenswerte Erkenntnis. Die Fragen, die sich Nuhr für seine neuen Gags gestellt hat, sind aber tiefgreifender. Was ist, wenn wir generell nichts anderes mehr machen als zu träumen? Was ist, wenn wir träumen anstatt zu leben und die Traumwelt als Realität hinnehmen? Betrügen wir uns in unserem alltäglichen Leben nicht immer wieder neu, weil wir Sachen hinnehmen, die uns vorgegaukelt werden, obwohl sie gar nicht real sind? Na ja so ganz unreal ist das nicht. Schließlich weiß man bei der täglich gigantisch erscheinenden Nachrichtenflut im Internet ja gar nicht mehr so wirklich zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.

Nuhr ein Traum – 70 Minuten Unterhaltung pur

70 Minuten dauert das von Nuhr vorgetragene Programm. In diesem geht es um vieles, eigentlich um alles, was die heutige Gesellschaft so interessiert. „Nuhr ein Traum“ erzählt Geschichten über Religion, über das Zölibat, Jesus und die Zeugen Jehovas. Auch Demokratie und Weltpolitik an sich werden komisch abgehandelt. Nuhr spricht auch über innovative Fortbewegungsmittel, über das Schuldenmachen und Handystrahlung. Er redet über Angela Merkel und Jogi Löw, über Österreicher und den Schlimmsten von ihnen, der je einen Fuß nach Deutschland gesetzt hat. Das Leben an sich muss reflektiert werden und mit ihm Themen wie Ernährung, Freundschaft, Liebe und Tod. Komprimiert in 70 Minuten ist das durchaus hörenswert.

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3.Dezember
2013

Joseph Roth – Hiob

Benjamin Jendro

Roth - HiobFatal wäre es, wenn wir uns als literarisch Bewanderte lediglich jenen Werken widmen, die zur Zeit unserer Erfahrungen publiziert oder wie in diesem Fall vertont werden. Als Mensch ist man –  vollkommen gleich, in welcher Zeit man geboren wird – immer an Faktoren der Menschheitsgeschichte gebunden. Wir müssen uns mit dem auseinandersetzen, was passiert ist, selbst, wenn wir zu dieser Zeit nicht mal ein Gedanke waren, geschweige denn einen entwickeln konnten. Das Wissen über vergangene Generationen und Jahrhunderte wird uns am ehesten über literarische Erzeugnisse vermittelt. Joseph Roths „Hiob ist so ein Zeugnis, dem man Beachtung schenken sollte. Es lehrt uns viel über das, was einmal war.

Hiob – nicht ganz zufällig Titel des Werkes

Joseph Roths Wurzeln sind jüdisch, dementsprechend wird auch sein Schreiben bestimmt. 1894 in Ostgalizien geboren, erlebte er das dunkelste Kapitel des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib. „Hiob“ scheint so ohne Frage ein passender Titel, auch wenn man selbst noch nicht weiß, wofür der Titelheld des gleichnamigen Buches aus dem Alten Testament hier Sinnbild steht. Erzählt wird die Geschichte von Mendel Singer und seiner Familie. Gottesfürchtig und wahnsinnig fromm kommt Roths „Hiob“ allen Pflichten des Lebens nach und wird doch vom Allmächtigen großen Prüfungen unterzogen. Einen Sohn verliert er ans Militär, den zweiten an Amerika. Der dritte ist schwer krank und behindert mit seiner Epilepsie die familiäre Erfüllung, nach der alle Beteiligten lechzen.

Hiob – Hoffnung kommt von einer Seite, aus der man sie nicht erwartet

Nachdem Mendel und die noch verbliebenen Familienmitglieder (Frau Deborah und Tochter Mirjam) dem Sohn Schemarjah, der sich nun Sam nennt, nach Amerika folgen, um dort ein neues Leben zu beginnen, keimt Hoffnung auf. Vielversprechend scheint nicht nur dessen neu aufgebaute Existenz, sondern auch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Allerdings schwingt immer das schlechte Gewissen mit, den kranken Menuchim in der Heimat zurückgelassen zu haben. Die Jahre vegetieren so vor sich hin, die Familie bricht nach und nach auseinander, so dass schlussendlich nur noch Mendel übrigbleibt. „Hiob“ schließt mit der Ankunft eines berühmten Musikers, der aus dem gleichen Heimatdorf wie Mendel stammt und den alten Mann heimsucht. Vielleicht besteht für „Hiob“ ja doch eine Möglichkeit, das Leben mit einem zufriedenen Lächeln zu beenden.

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