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5.März
2013

Luca di Fulvio – Das Mädchen, das den Himmel berührte

Benjamin Jendro

di Fulvio - Das Mädchen, das den Himmel berührteWenn man einem Hörbuch lauscht, das sich über siebeneinhalb Stunden zieht, kann es durchaus passieren, dass Langeweile auftritt. In Bezug auf den römischen Autor Luca di Fulvio und seine vorgelesenen Romane aber ist dieser Umstand ins entfernte Reich des Unmöglichen verbannt. Ganz gleich, ob man sich seinen letzten Bestseller „Der Junge, der Träume schenkte“ als Hörbuch zu Gute führte oder aber die beinahe 800 Seiten zu lesen begann – unterhaltsam blieb es bis zum letzten Augenblick. Grund genug für einen der derzeit erfolgreichsten italienischen Autoren beim neuen Werk „Das Mädchen, das den Himmel berührte“ noch einmal 200 Seiten beziehungsweise knappe drei Stunden drauf zu packen.

Italien in der Renaissance

Es sind schwierige Zeiten, in denen sich Europa zu Beginn des 16. Jahrhunderts zurechtfinden muss. Zwar ist das dunkle Mittelalter weitgehend aus den Köpfen verbannt, die katholische Kirche aber hat im Judentum weiterhin einen hartnäckigen Feind ausgemacht. Kleine kriegerische Auseinandersetzungen bestimmen ebenso wie Lug und Betrug den Alltag der Menschen. In diese Szenerie werden der Jude Isacco und sein Tochter Giudetta eingeführt. Der ehemalige Betrüger scheint in der Heimat aufgeflogen und versucht sein Glück in Venedig. Auf dem Weg dorthin treffen sie erstmals auf Mercurio, Benedetta und Zolfo, die aus Rom flüchten, weil sie meinen, einen jüdischen Kaufmann getötet zu haben. Eben jener begründet den dritten Erzählstrang, der dem Zuhörer wie die anderen von Philipp Schepmann erzählt wird. Der für tot Gehaltene nimmt eine neue Identität an und begibt sich auf einen Rachefeldzug, der sich vor allem gegen Mercurio richtet.

Von wegen Neuanfang

Wahrlich viele Elemente werden in die Geschichte eingeführt. Neben Mercurios Wunsch, endlich ein Ziel vor Augen zu haben und sich vom einstigen Betrüger zum Kämpfer für die Freiheit zu wandeln, drängt auch Giudettas Wunsch als Schneiderin Fuß zu fassen mehr und mehr in den Vordergrund. Isacco, Sohn eines Arztes, wird bereits zu Beginn des Werkes in die Rolle eines Mediziners gedrängt, überzeugt dort und scheint eine neue Berufung gefunden zu haben. Neben den Einzelschicksalen sind es aber vor allem die allgemeinen Umstände, die unsere Aufmerksamkeit erregen. Als ein fanatischer Mönch mithilfe Zolfos und eines einflussreichen Fürsten seinen individuellen Judenhass weiter ausdehnt, bleibt nicht nur den Beteiligten ein echter Kloß im Hals stecken. Es ist klar, das Gaunerei und ein gewisses Maß an Egoismus die Frühe Neuzeit prägten. Jeder musste schauen, wo er bleibt. Dass bereits zu dieser Zeit aber der Antisemitismus seine kräftigen Wurzeln bekommt, wirkt ohne Frage sehr erschreckend und mag für den einen oder anderen in der Form nicht bekannt gewesen sein. An dieser Stelle aber zeigt ein Roman seine wahre Klasse, nämlich dann, wenn er wahre Elemente mit einbettet.

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26.Februar
2013

Otfried Preußler – Die kleine Hexe

Benjamin Jendro

Otfried Preußler - Die kleine HexeEs mag den Leser verwundern, warum sich an dieser Stelle erneut einem Kinderhörbuch gewidmet wird. Doch manchmal passieren Dinge, die eben nicht vorhersehbar sind und die ein Umdenken in uns erfordern. Für ein ähnliches Umdenken ist auch der Autor des heutigen Hörbuchtipps eingetreten. Natürlich seien Geschichten über Hexen und Räuber aus dem Wald, über kleine Gespenster, die einsam in einem Schloss leben und einen Wassermann, der neben Fischen residiert, nicht unbedingt das, was die Realität für Kinder bereithält. Trotzdem aber plädierte Deutschlands begnadetster Geschichtenerzähler des 20. Jahrhunderts, Otfried Preußler, für die Fantasie, deren Vielfalt jedem Kind ermöglicht werden sollte.

Ein Autor mit großen Glanzlichtern

Selbstverständlich erscheint ein Tod im Alter von 89 Jahren nicht gerade sonderbar, trotzdem aber kam die Todesnachricht am vergangenen Montag äußerst plötzlich. Otfried Preußler hatte sich bereits mit zehn Jahren dazu entschlossen, Geschichten zu erzählen. Mit Bravour hat er das dann über Jahrzehnte hinweg gemeistert. Seine Erzählungen „Das kleine Gespenst“, „Der Räuber Hotzenplotz“ und auch das vor einigen Jahren sehr erfolgreich verfilmte Abenteuer von „Krabat“ haben viele Menschen während ihrer Kindheit begleitet. Das Fantastische war dabei stets Bestandteil seines Werkes und genau darin liegt der Schlüssel zum Heranwachsen, auch in Zeiten einer hochtechnologischen Welt. Den Stoff dazu fand Preußler in den vielen Sagen seiner Böhmischen Heimat.

Mit 127 beginnt das Leben

So auch jenen, aus dem er die Geschichte „Die kleine Hexe“ kreierte. Für diese beginnt das Leben genau genommen erst mit 127. Bis dahin wagte es sie es nicht, ihren langersehnten Wunsch auch in die Tat umzusetzen. Nun aber scheint die Zeit reif, mit den älteren Hexen auf dem Blocksberg die Walpurgisnacht zu feiern. Dumm nur, dass die anderen sie nicht für voll nehmen und ihr erst einmal ein Jahr die Chance geben wollen, sich als gute Hexe einen Ruf zu verdienen. Sie bestraft fortan die Bösen und beschützt die Schwachen, erweist sich mithilfe des Raben Abraxas als gute Hexe. Dass diese letztlich Böses vollbringen muss, ahnt sie nicht. Für den Irrtum aber muss sie nur anfangs bezahlen, schnell nämlich wenden sich das Blatt und die Seite, aus der die Trümpfe ausgespielt werden.

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19.Februar
2013

Ingo Siegner – Der kleine Drache Kokosnuss

Benjamin Jendro

Siegner - Der kleine Drache KokosnussZu meiner Zeit gab es andere Helden, andere Idole und andere Fabelwesen, die abendliche Lese- und Hörabenteuer unterhielten. Ob diese weniger unterhaltsam waren als die heutigen, möchte ich nicht einschätzen müssen. Die eine Generation hatte einen Fable für die Figuren aus den Märchen der Grimms, die andere für Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg. Bei der heutigen sind die Namen wieder andere, ihr Status, die Kids zu unterhalten aber bleibt nach wie vor bestehen. Ein Paradebeispiel der heutigen Zeit bildet „Der kleine Drache Kokosnuss“, mit dem Autor Ingo Siegner eine wahre Kultfigur ins Leben gerufen hat.

Spannende Abenteuer eines Drachen, der nicht fliegen kann

Drachen bestimmen seit den Jahren früher Menschheitsgeschichte unsere Erzählungen. Siegner hat diese mystischen Wesen kindsgerecht adaptiert. Sein kleiner Drache, der auf den lustigen Namen einer Südfrucht getauft wurde, erfreut sich mittlerweile an einer großen Fanbase. Es gibt selbstverständlich Plüschtiere und Trinkbecher, Malhefte und Schultaschen. Zudem ist der Bestand mit vielen tollen Abenteuergeschichten gefüllt, die in Form von Büchern, eBooks und Hörbüchern den Kindern Spaß bereiten. Zehn Jahre dauert die Erfolgsgeschichte des kleinen Feuerspuckers bereits. Die inszenierte Hörbuchfassung, die von Philipp Schepmann gesprochen und mit Musik unterlegt wird, erzählt das allererste Abenteuer. In diesem versucht Kokosnuss mit mehr oder weniger reger Beteiligung das Fliegen zu erlernen.

Spaß für jedes Kinderohr

Eigentlich ist das nämlich die Grundlage für die bevorstehende Reise auf die Sommerinsel in der Südsee. Wie die Zuhörer auch lebt der kleine Drache bei seinen Eltern. Auf der bisher unentdeckten Dracheninsel plagen ihn die gleichen Sorgen wie alle Menschenkinder. Kokosnuss muss die Schule besuchen und dort endlich lernen, wie man fliegt. Wenn er dem Unterricht nicht richtig folgt und sich richtig anstrengt, fällt für ihn der Flug ins Paradies flach, den die Erwachsenen jeden Winter auf sich nehmen. Das zumindest wird zu Beginn vermittelt. Kokosnuss wäre jedoch nicht Kokosnuss, wenn seinem schlauen Köpfchen nicht etwas einfallen würde, um sich vor der Anstrengung zu retten. Mithilfe seiner Freunde werkelt er bereits an einem funktionstüchtigen Plan.

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12.Februar
2013

Sibylle Berg – Vielen Dank für das Leben

Benjamin Jendro

Berg - Vielen Dank für das LebenBeinahe jeden Tag erleben wir, welche grausamen Elemente in unserer Gesellschaft vorhanden sind. Wir erfahren von den Gräueltaten einzelner Mörder, von Terroranschlägen und Geisterfahrern. Dabei sind dies bei weitem nicht die einzigen Fälle, die eine gewisse Be- bzw. Verachtung verdienen. Jeden Tag aufs Neue grenzen wir einzelne Menschen aus, weil sie nicht unserer humanen Vorstellung entsprechen, vielleicht anders aussehen. Hermaphroditen, also Menschen ohne eindeutiges Geschlecht, gehören auch zu jener Gruppe, die viele meiden. Sibylle Berg schenkt ihnen ein wenig mehr Aufmerksamkeit und schickt Protagonist Toto in „Vielen Dank für das Leben“ stellvertretend für viele in die Bestsellerlisten.

Was gut ist, muss ausgezeichnet werden

Gerade erst erhielt das Werk, welches in der knapp 400 Minuten langen Hörbuchfassung von Gustav Peter Wöhler gelesen wird, den Hörbuchpreis 2013 für den besten Interpreten. In der Tat erscheint diese Auszeichnung gerechtfertigt. Schließlich hat die Autorin, welche bereits mit „Sex II“ oder „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ Erfolg feiern konnte, eine sehr eindrucksvolle Geschichte aufgeschrieben. Zentrale Figur ist Toto, ein Hermaphrodit, der 1966 in der DDR zur Welt kommt. Sein Vater ist schon vor der Geburt weg, die Mutter vollkommen überfordert und auch im Waisenheim grenzt man den Neuling kategorisch aus. Während der Arzt ihn als männlich deklariert, hält die Hebamme ihn für dasjenige Baby, was in ihrer langen Karriere die bisher größten Schwierigkeiten verursacht hat. Auch im Kinderheim setzt sich der Sonderstatus fort, ist er doch für die Kinder hassende Chefin der größte Dorn im Auge.

Lebensmut trotz täglicher Qual

Man muss schon arg zwischen den Zeilen lesen bzw. hören, wenn man eine Person finden möchte, der Toto am Herzen liegt. Seine Mutter wird als Alkoholikerin ohne Interesse für ihr Kind dargestellt, die Heimleiterin schikaniert ihn, wo es nur geht. Auch das bäuerliche Paar, an das er vermittelt wird, hält keine Zuneigung bereit. Toto wird für sie zur billigen Arbeitskraft. Nach seiner Flucht in den Westen, von der er sich anfangs viel verspricht, wird das kaum besser. Einem Aufenthalt in einer Hippiekommune folgt die Bewerbung bei einer Musikhochschule. Das Singen sieht er als sein großes Talent, der Lehrer aber ekelt sich vor Toto und verweigert ihm die Aufnahme. Selbst im schäbigen Nachtclub, der ihm ein paar Mäuse und ein Bett beschert, darf er nicht lange bleiben. Eine Frau, die er bis zu ihrem Sterben pflegt, schickt ihn mit den Worten „Geh weg, du ekliger Freak“ fort. So scheint auch sein Tod irgendwie als einzig logischer Ausweg aus einer Welt, die für liebenswerte Geschöpfe wie Toto rein gar nichts zur Verfügung stellt.

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5.Februar
2013

Das Nibelungenlied

Benjamin Jendro

Das NibelungenliedEs ist eine der ältesten Erzählungen unseres Landes und gleichzeitig eine, die jede Menge Geheimnisse bewahrt. Noch heute, mehr als 700 Jahre nachdem „Das Nibelungenlied“ erstmals zu Papier gebracht wurde, begeben sich zahlreiche Menschen auf die Suche nach dem legendären Schatz der Nibelungen. Einst hatte Drachentöter Siegfried nach einer mörderischen Verschwörung durch die Hand Hagens dem Tod ins Auge blicken müssen. Aus Angst vor dem Fluch, der auf dem von ihm gefundenen Schatz lag, schüttete der Mörder das Gold in den Rhein. Wo genau, das weiß niemand, so dass der Mythos des so genannten Rheingoldes noch immer zu den größten Rätseln unseres Landes zählt.

Ein Held, der an seinem Ruhm stirbt

Siegfried ist zu Beginn der größten aller deutschen Volkserzählung die zentrale Gestalt. Er besiegt einen schrecklichen Drachen und sichert sich einen gigantischen Schatz. Nach dem Todesstoß badet er im Drachenblut, das seinen ganzen Körper unverwundbar macht. Ein herabfallendes Lindenblatt jedoch verdeckt eine Stelle an seiner Schulter, so dass es für den neidischen Hagen eine Möglichkeit gibt, den Held dem Erdboden gleich zu machen. Siegfried aus Xanthen stellt sich in den Dienst König Gunthers und ehelicht dessen Schwester Kriemhild. Er hilft ihm beim Brauterwerb der Walküre Brünnhilde und ist ihm auch ansonsten sehr ergeben. Doch Gunther ist schwach und offen für neidische Stimmen, die ihn zum Tod des Helden ermuntern. Hagen nutzt die Gunst der Stunde und erhält von der Gattin, die den perfiden Plan nicht durchschaut, den entscheidenden Hinweis auf Siegfrieds Schwachstelle.

Eine Rache, die keine Grenzen kennt

Es ist Kriemhild, welcher der komplette zweite Teil gewidmet ist. Getrieben vom Hass und einer immensen Rachelust vertreibt sie Hagen zunächst aus dem Königreich und verfolgt ihn in der Folge bis an das Ende der vorhandenen Landkarte. Unterwegs sichert sie sich unterschiedliche Hilfe. Da auch der Mörder genügend Kampfbereite für sich begeistern kann, fallen scheinbar Unbeteiligte zu Haufe dem Tode zum Opfer. Sprecher Rolf Boysen, der auch der „Ilias“ seine Stimme lieh, versinnbildlicht die Szenerie in Perfektion. So werden wir als Zuhörer direkt in das Geschehen eingebunden und können die Gefühle und Emotionen der einzelnen Protagonisten in jeder Zeile mitfühlen. Über allem jedoch schwebt das ewige Mysterium des größten heute noch verborgenen Schatzes.

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30.Januar
2013

Thomas Gifford – Assassini

Benjamin Jendro

Gifford - AssassiniIn den letzten Jahren wurde die Literaturwelt wahrlich mit so genannten Mysterythrillern überhäuft. Die Bewunderung für diese Schriften scheint in ihrer Spannung begründet. Falls sie gut recherchiert sind, erscheinen sie authentisch, was sie in vielen Fällen die Bestsellerlisten stürmen lässt. Bevor Dan Brown auf die Idee kam, ein Genre patentfähig zu machen, brachte der US-Amerikaner Thomas Gifford bereits ein Werk auf den Markt, was selbst den Vergleich mit den heutigen Erzeugnissen nicht scheuen muss. „Assassini“ ist bis heute eine der eindrucksvollsten schriftstellerischen Arbeiten, die sich mit der Geschichte der Kirche und ihren Mysterien beschäftigt. Auf fiktionaler Ebene bietet sie für den Autor eine Plattform, auf der er eine schaurige Verschwörung positioniert.

Komplex, authentisch und interessant

Gut zwei Jahrzehnte nachdem ich das Werk gelesen habe, nahm ich mir die von Ulrich Pleitgen gelesen Hörbuchversion zur Hand und füllte mit ihr zwei unterhaltsame Abende. Ausgangsituation ist der Mord an einer Ordensschwester. Val  sammelte über Jahre hinweg Material in den Archiven des Vatikans, um ein Buch über die Historie des Katholizismus herauszubringen. Unter dem thematischen Schwerpunkt des Verhaltens während des Zweiten Weltkriegs stößt sie auf ein Geheimnis, wird aber noch vor der Entschlüsselung umgebracht. Ihr Bruder Ben, seinerseits Jurist, der dem Glauben abgeschworen hat, begibt sich auf die Suche nach den Hintergründen und gelangt dabei schnell in einen gefährlichen Sumpf aus Intrigen, Gewalt und Bestechung.

Die Suche nach einem neuen Oberhaupt

Derweil gestaltet sich im Vatikan die Suche nach einem neuen Platzhirsch für den Stuhl Petris als kompliziertes Unterfangen mit entgegengesetzten Interessen. Es ist die Rückbesinnung auf eine Institution früherer Tage, die beide Handlungsstränge miteinander verbindet. Im Vatikan überlegt man sich Möglichkeiten, den eigenen Kandidaten bestmöglich darzustellen, Ben hingegen stößt auf ein Foto aus dem Jahr 1943. Hinter diesem steckt ein weitreichendes Geheimnis, bei dem vor allem die legendären Assassini als Mythos neu aufleben. Auf seiner Suche nach der Wahrheit stürzt sich Ben mehr oder minder freiwillig in ein gefährliches Spiel, in dem auch Kardinäle fungieren, die vor Mord nicht zurückschrecken.

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23.Januar
2013

John Grisham –Touchdown

Benjamin Jendro

John Grisham - TouchdownWenn sich in eineinhalb Wochen die San Francisco 49ers und die Baltimore Ravens zur Austragung der Superbowl treffen, duellieren sich zwei Teams, die vor der Saison garantiert die wenigsten auf dem Zettel hatten. Als eingefleischter Football-Fan muss ich selbst eingestehen, dass mir diese beiden Mannschaften zu keiner Zeit in den Sinn gekommen wären. Nun aber stehen die beiden Truppen, die das größte Sportereignis der Welt austragen, fest. Dass Football hierzulande nicht so in den Fokus gerückt wird, mag an unserer deutschen Mentalität liegen. In den USA aber zählt es neben Baseball und Basketball zu den großen drei Varianten. Kein Wunder also, dass auch Kultautor John Grisham in „Touchdown“ das fliegende Ei thematisiert hat.

Der Jurist kann auch anders

Eigentlich sollte vielen Lesern und Zuhörern John Grisham eher als Autor großartiger Justizdramen in Erinnerung sein. Seine Werke wurden stets zu Bestsellern und zeigten, dass der Mann weiß, wovon er schreibt. Verwunderlich sollte das bei der Betrachtung seiner Biografie, die ihn selbst als Juristen entlarvt, nicht sein. Trotzdem konnte sich bisher kein Anwalt oder Richter finden, der etwas ähnlich Unterhaltsames zu Papier gebracht hat. Dass Grisham auch Romane ohne Rechtsinteressen schreiben kann, hat er ebenfalls bereits vermehrt beweisen können. „Touchdown“ reiht sich da nahtlos ein.

Ein US-Star in Italien

Erstmals jedoch schafft er es auch mit Witz und vielen Anekdoten zu bestechen. Im Werk, dessen siebenstündige Hörfassung von Charles Brauer gelesen wird, geht es um das Schicksal von Rick Dockery. Dieser ist dritter Quarterback der Cleveland Browns, muss nach dem Aufwachen im Krankenhaus aber feststellen, dass er binnen weniger Minuten gleich drei Interceptions (Ballverluste) zu verantworten hat. Was im Fußball normal ist, wird im Football als Desaster angesehen, so dass Rick der Depp einer Nation wird. Ohne Vertrag und als ständiges Spottopfer flüchtet er nach Italien, wo er sich den Parma Panthers anschließt. Mit NFL hat das wenig zu tun, mit Hobbyfreizeitliga hingegen viel. So entführt Grisham den Leser auf eine andere Schiene. Das Leben vor Ort, die Menschen, das Essen, die Eigenarten Italiens sind fortan viel wichtiger als ein Quarterback, der gegen hoffnungslos überforderte Gegner einen Touchdown nach dem anderen vorbereitet.

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22.Januar
2013

Anne Gesthuysen – Wir sind doch Schwestern

Gisela Blank


Die Fernsehjournalistin Anne Gesthuysen ist eher aus dem „ARD-Morgenmagazin“ denn als Autorin bekannt. Doch mit ihrem Romanerstling „Wir sind doch Schwestern“ schaffte sie es auf Anhieb in die Bestsellerlisten. In dem Buch, das hier mit der Sprecherin Doris Wolters hervorragend vertont wurde, arbeitet Gesthuysen das Leben ihrer drei patenten und schicksalserprobten Großtanten auf.

Katharina, Paula und Gertrud stammen vom Niederrhein und sind zusammen 298 Jahre alt. Um Gertruds 100. Geburtstag zu feiern, treffen sie sich auf dem Tellemannshof, der allerdings für alle Schwestern Erinnerungen an die Vergangenheit hervorruft – gute und schlechte. In vielen Rückblicken auf ihre allesamt nicht geradlinigen Lebensläufe erzählt Gesthuysen vom Schicksal der Großtanten. Vor allem die Liebesgeschichten der faszinierenden Frauen bewegen beim Zuhören: Gertruds und Kattys große Lieben scheitern am Standesunterschied, Paulas Ehemann entpuppt sich als homosexuell und wird sogar wegen seiner Neigung verhaftet, ein jüdischer Verehrer wird von Gertrud wegen seiner Religion abgelehnt. Die kleinen Anekdoten aus dem Familienleben, die im schönsten Plauderton vorgetragen werden, spiegeln so immer wieder das Weltgeschehen des 20. Jahrhunderts wider, das Porträt der Großtanten wird auch zum Porträt einer Epoche.

Eine mitreißende Geschichte – mal komisch, mal berührend, liebevoll erzählt und von Doris Wolters gekonnt gelesen – „Wir sind doch Schwestern“ ist einfach gute Unterhaltung.

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15.Januar
2013

Kate Mosse – Das verlorene Labyrinth

Benjamin Jendro

Mosse - Das verlorene LabyrinthDas Fernsehen hat in Bezug auf die Unterhaltung der Menschen einen bestimmten Vorteil – es genießt ein großes Interesse, weil man beim Fernsehen selbst nicht wirklich aktiv werden muss. So vermittelt es uns Werke und Geschichten, die bereits in anderen Medien Erfolge feiern konnten, aber eben nicht diejenige Aufmerksamkeit erreichten, die sie durch die Filmszenen einheimsen. Am gestrigen Abend zeigte Sat1 zur Prime Time eine Mittelaltererzählung, die heute ihr großes Finale feiern soll. In Tradition des historischen Mehrteilers schließt Macher Ridley Scott mit „Das verlorene Labyrinth“ direkt an die großen Ken Follett Produktionen an. Die literarische Vorlage aber ist ein weitaus interessanteres Thema.

In Verbindung zur einer früheren Zeit

Während die üblichen Mittelalterszenarien häufig auch nur im thematisierten Jahrhundert spielen, entführt uns die Autorin auf eine Zeitreise der ganz besonderen Art. Zu Beginn der 23-stündigen Hörbuchversion, die von Julia Fischer gesprochen wird, stoßen wir auf Alice Tanner. Von einer befreundeten Archäologin animiert, schließt sich die Britin einem Ausgrabungsprojekt  auf dem Boden Frankreichs an. Die Landschaft des Languedoc ist rein optisch gesehen ein absoluter Hingucker, leider nur bringen die bisherigen Grabungen wenig Ertragbares mit sich. Dies ändert sich durch einen Zufall, der Alice in eine Höhle führt. Dort entdeckt sie eine Wandmalerei, zwei Skelette und einen Altar, auf dem ein Ring ihre Aufmerksamkeit erlangt. Als sie diesen überstreift, verspürt sie ein merkwürdiges Gefühl und eine innige Verbindung zur 17-jährigen Alais, die knapp 800 Jahre vor ihr an gleicher Stelle weilte.

Geheimnisvolle Bücher, ein Geheimbund und ein Geheimnis

Natürlich geht es im Werk um das ewige Mysterium der Suche nach dem heiligen Gral. Was er wirklich ist und wo er verborgen liegt, können wir auch im Jahr 2013 noch nicht sagen. Gerade das aber sorgt für unsere anhaltende Faszination. Im Jahr 1209 übernimmt Alais die Verantwortung für drei heilige Bücher, da ihr Vater in den Krieg ziehen muss. Oberste Priorität hat dabei die Wahrung des Inhalts. So muss sich Alais gegen all jene wehren, die das Verborgene in ihren Besitz bringen wollen. Es scheint ihr zu gelingen, schließlich macht Alice im Werk das Gleiche durch, wohlgemerkt acht Jahrhunderte später. Allerdings wird diese Aufgabe nicht so leicht wie erhofft, denn auch sie muss sich fortan mit den Machenschaften eines skrupellosen Geheimbundes herumplagen.

 

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8.Januar
2013

Irene Dische – Großmama packt aus

Benjamin Jendro

Dische - Großmama packt ausSelbstverständlich finden sich in jedem Werk auch immer Charakteristika wieder, die der Autor oder die Autorin selbst aufweist. An niemandem zieht das Leben so einfach vorbei, ohne dass man durch die gemachten Eindrücke geprägt wird. Für Schriftsteller gilt das wohl umso mehr. Sie sind es nämlich letztlich, die ihren Eindrücken auf einem Stück Papier volle Entfaltung zukommen lassen können. Schriftstücke jeder Art dienen auch immer dazu, eigene Fragen an das Leben zu beantworten. Für Irene Dische war das in „Großmama packt aus“ die eigene Zugehörigkeit. Christin oder Jüdin, Deutsche oder Amerikanerin?

Jude ist man von Geburt an

Ohne Frage lässt sich in der Erzählung aus Sicht ihrer Großmutter Elisabeth Rother eine Menge aus dem Leben der Autorin selbst herauslesen. Irene selbst wird in den nostalgischen Erinnerungen der Erzählerin als missratenes Mädchen dargestellt, das schon aufgrund der Gene ihre Vaters für den folgenden Weg gekennzeichnet wurde. Noch aussagekräftiger aber sind die Ereignisse, die sie über die früheren Generationen vermittelt. Elisabeth ist eine gute Katholikin, die sich lange vor Kriegsausbruch in den jüdischen Arzt Carl Rother verliebt. Dieser konvertiert zum Christentum, hat kaum etwas für das Judentum übrig und selbst bei genauer Betrachtung erinnern nur seine große Nase und die dunkeln Augen an die Herkunft. Das ändert jedoch nichts am Hass der Nazis, die ab 1933 die Geschicke des Landes leiten.

Auf der Suche nach der jüdischen Identität

Es scheint ihr entscheidender Fehler gewesen zu sein, einst einen Juden geheiratet zu haben. Mit Lug und Trug gelingt es ihr, die Familie in Sicherheit zu bringen, noch ehe das große Morden losgeht. Elisabeth hat eigentlich nichts für Juden übrig, sie liebt einfach nur ihre Familie, zu der auch Tochter Renate gehört. Auch für sie ist das Leben schwer, obwohl sie selbst kein Bezug zum Judentum hat. Die Sinnlosigkeit dessen zeigt sich beispielsweise in der Haltung von Hausdame Liesel, die zwar Urdeutsche ist, aber vehement für die Familie eintritt. Deren Schicksal bringt sie in die USA, wo Renate sich weiterentwickelt und später einen Juden nach dem anderen heiratet. Sie ist in den Augen ihrer Mutter ebenso verkommen wie auch die spätere Irene. Nüchtern betrachtet Elisabeth Rother das Geschehen ohne der Autorin, ihrer Enkelin, eine abschließende Erklärung darüber zu geben, wo sie eigentlich hingehört.

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