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30.April
2013

Philip Roth – Jedermann

Benjamin Jendro

Roth - JedermannSelten ist es leichte Lektüre, die man sich vor die Sinne führt, wenn es darum geht, das Werk eines wirklich großen Autors zu erleben. In der heutigen Zeit werden wir beinahe täglich mit neuer Unterhaltungsliteratur überschwemmt, die oftmals allein darauf ausgelegt ist, kommerziellen Erfolg zu garantieren. Bei denjenigen Autoren, die mit Tiefe arbeiten, ist das eher selten der Fall. Es sind jene Autoren, die in der engen Auswahl für die jährliche Vergabe des Literaturnobelpreises genannt werden. Autoren wie Murakami, DeLillo oder auch Philip Roth. Dieser hat mit „Jedermann“ eine Geschichte hinterlassen, die uns das ganze Elend eines gewöhnlichen Menschenlebens zeigt.

Affären und eine Ehe nach der anderen

Erzählt wird die Geschichte eines Unbenannten. Nur seine Kinder – Lonny, Randy und Nancy – sowie Angehörige und Freunde werden benannt. Ihn selbst erleben wir zwar als Erzähler, er bleibt aber namenlos. Somit wäre der Titel bereits bestätigt, schließlich spielt Autor Roth darauf an, dass es auch das beschriebene Leben eines jeden anderen sein könnte. Beginnend mit der Beerdigung der Hauptperson schließt das Werk mit der sein Leben beendenden Vollnarkose. Dazwischen hört man von einzelnen Stationen seines Lebens, den drei Ehefrauen und drei Kindern, dem Beruf als Creative Director einer renommierter Werbeagentur und der späteren Arbeit als Hobbymaler. Noch zentraler wirken seine jüdische Herkunft, die nicht schließen wollende Krankheitsakte und manch kribbelnde Affäre.

Eine Geschichte von Elend und Einsamkeit

Roth nimmt kein Blatt vor den Mund, Peter Fitz als Sprecher der sechsstündigen Hörbuchfassung macht es ihm nach. Sexuelle Erfahrungen werden durchaus auch detailliert beschrieben. Nichtsdestotrotz aber ist es der dunkle Grundtonus, der überwiegt. Dieser beginnt bei der Leisten-OP im Kindeslater, und setzt sich beim Blinddarmdurchbruch, Koronararterienverstopfung und einem Hinterwandinfarkt fort. Während der Bruder sein Leben lang kerngesund ist, plagt sich der Protagonist mit unzähligen Krankenhausaufenthalten. Dass er zu Werkende eher wehmütig wirkt und der zweiten Ehefrau hinterher trauert, die er mit einem jungen dänischen Model, seiner dritten Gattin, mehrfach betrogen hat, passt ins Gesamtbild. Dieses wird auch im Sterben einzelner Gefährten des Lebens deutlich, die auf den letzten Seiten aus dem Leben scheiden. Da er seine Tochter mit einer erneuten Operation nicht belasten möchte, stirbt er letztlich einsam und für die Verwandten überraschend. Der Zuhörer aber ist nach der fortlaufenden Leidensgeschichte irgendwie auch ein wenig erleichtert – leichte Kost ist das bei weitem nicht.

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