...entführen dich in eine andere Welt

Impressum Kontakt
12.Februar
2013

Sibylle Berg – Vielen Dank für das Leben

Benjamin Jendro

Berg - Vielen Dank für das LebenBeinahe jeden Tag erleben wir, welche grausamen Elemente in unserer Gesellschaft vorhanden sind. Wir erfahren von den Gräueltaten einzelner Mörder, von Terroranschlägen und Geisterfahrern. Dabei sind dies bei weitem nicht die einzigen Fälle, die eine gewisse Be- bzw. Verachtung verdienen. Jeden Tag aufs Neue grenzen wir einzelne Menschen aus, weil sie nicht unserer humanen Vorstellung entsprechen, vielleicht anders aussehen. Hermaphroditen, also Menschen ohne eindeutiges Geschlecht, gehören auch zu jener Gruppe, die viele meiden. Sibylle Berg schenkt ihnen ein wenig mehr Aufmerksamkeit und schickt Protagonist Toto in „Vielen Dank für das Leben“ stellvertretend für viele in die Bestsellerlisten.

Was gut ist, muss ausgezeichnet werden

Gerade erst erhielt das Werk, welches in der knapp 400 Minuten langen Hörbuchfassung von Gustav Peter Wöhler gelesen wird, den Hörbuchpreis 2013 für den besten Interpreten. In der Tat erscheint diese Auszeichnung gerechtfertigt. Schließlich hat die Autorin, welche bereits mit „Sex II“ oder „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ Erfolg feiern konnte, eine sehr eindrucksvolle Geschichte aufgeschrieben. Zentrale Figur ist Toto, ein Hermaphrodit, der 1966 in der DDR zur Welt kommt. Sein Vater ist schon vor der Geburt weg, die Mutter vollkommen überfordert und auch im Waisenheim grenzt man den Neuling kategorisch aus. Während der Arzt ihn als männlich deklariert, hält die Hebamme ihn für dasjenige Baby, was in ihrer langen Karriere die bisher größten Schwierigkeiten verursacht hat. Auch im Kinderheim setzt sich der Sonderstatus fort, ist er doch für die Kinder hassende Chefin der größte Dorn im Auge.

Lebensmut trotz täglicher Qual

Man muss schon arg zwischen den Zeilen lesen bzw. hören, wenn man eine Person finden möchte, der Toto am Herzen liegt. Seine Mutter wird als Alkoholikerin ohne Interesse für ihr Kind dargestellt, die Heimleiterin schikaniert ihn, wo es nur geht. Auch das bäuerliche Paar, an das er vermittelt wird, hält keine Zuneigung bereit. Toto wird für sie zur billigen Arbeitskraft. Nach seiner Flucht in den Westen, von der er sich anfangs viel verspricht, wird das kaum besser. Einem Aufenthalt in einer Hippiekommune folgt die Bewerbung bei einer Musikhochschule. Das Singen sieht er als sein großes Talent, der Lehrer aber ekelt sich vor Toto und verweigert ihm die Aufnahme. Selbst im schäbigen Nachtclub, der ihm ein paar Mäuse und ein Bett beschert, darf er nicht lange bleiben. Eine Frau, die er bis zu ihrem Sterben pflegt, schickt ihn mit den Worten „Geh weg, du ekliger Freak“ fort. So scheint auch sein Tod irgendwie als einzig logischer Ausweg aus einer Welt, die für liebenswerte Geschöpfe wie Toto rein gar nichts zur Verfügung stellt.

0