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15.Oktober
2015

Swetlana Alexijewitsch – Gespräche mit Lebenden und Toten

Benjamin Jendro

Alexijewitsch - Gespräche mit Lebenden und TotenSelten war die Bekanntgabe des Nobelpreisträgers für Literatur so wenig überraschend wie in diesem Jahr. In der Vergangenheit schauten die vorab genannten Favoriten regelmäßig in die Röhre. So hatten einen Tranströmer, eine Munro oder einen Modiano nur die allerwenigsten auf dem Zettel. Bei der Weißrussin Swetlana Alexijewitsch ist das freilich eine ganz andere Geschichte, denn ihr Name fiel schon in den letzten Jahren immer mal wieder. 2015 galt sie als Topfavorit und seit letztem Donnerstag ist klar, dass sie dieser Rolle gerecht wurde. Die Schwedische Akademie prämierte sie  „für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“. Ihr Stück „Gespräche mit Lebenden und Toten“ ist nur ein Beispiel, das diese Vergabe rechtfertigt.

Nicht mal 80 Minuten, und doch so viel Inhalt

Es gibt heutzutage wahnsinnig viele Autoren, die meinen eine Geschichte in aller epischen Breite konstruieren zu müssen, um den Leser oder Zuhörer zu berühren. Swetlana Alexijewitsch benötigt nicht einmal 80 Minuten, um das zu leisten. „Gespräche mit Lebenden und Toten“ ist ein typisches Werk aus ihrem Spektrum. Es vereint die Erfahrungen von vielen Menschen, auf deren Äußerungen allein sich Alexijewitsch stützt. Sie hat einige Jahre damit verbracht, Personen zuzuhören, deren Leben durch das verheerende Unglück von Tschernobyl im April 1986 beeinflusst  wurde. In aller Ausführlichkeit, trotz der gerade einmal 78 Minuten, schenkt sie ihren Erzählungen Gehör und lässt sie in ihrem ganz individuellen Schreibstil miteinander zusammenwachsen, um ein großes Ganzes daraus zu synthetisieren.

Eine akustische Komposition, die einen bestürzt zurücklässt

Natürlich umfasst das eigentliche Werk von Alexijewitsch längere Sprachpassagen und im Hörbuch zu „Gespräche mit Lebenden und Toten“ kommen auch nicht alle verwendeten Stimmen zu Wort. Eine Mischung aus Berichten verschiedener Überlebender – Zeitzeugen, Experten, Helfer und auch betroffene Opfer – bleibt trotzdem erhalten. Die selektive Auswahl von Frank Werner gibt einen hervorragenden Einblick in das Werk und lädt zur weiteren Beschäftigung mit diesem und der Autorin ein. Unter anderem sind die einzelnen Berichte von Ilse Strambowski, Peter Gavajda und Viola Morlinghaus eingesprochen worden. Auch die einzelnen Sprecher tragen spürbar dazu bei, dass dies eine akustische Komposition darstellt, die den Zuhörer mit einem hohen Grad bestürzter Grundstimmung zurücklässt.

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